Im postsowjetischen Raum fällt sie noch immer häufig im Stadtbild auf: die Statue Lenins. Zu Zeiten der Sowjetunion ein Muss, haben sich viele Städte heute von ihr abgekehrt. Alexandra Jaap aus Berlin reiste einen Monat lang durch Zentralasien. Dabei begegnete ihr zwar ziemlich bald Lenin, doch nicht immer war er so einfach zu finden. Von Alexandra Jaap

1KASACHSTAN | Family-Park/ Sary-Arka Kinokomplex, Altynsarin Ave, Almaty

KASACHSTAN

In Almaty ist es einfacher, die Beatles zu treffen, als Onkel Lenin. Es bedarf einiges an Recherchearbeit, um überhaupt herauszufinden, wo sich das Lenin-Monument hier befindet. 15 Minuten Fußmarsch von der Endhaltestelle „Moskau“ der einzigen U-Bahnlinie Almatys entfernt, liegt der Family Park und das Kinoplexx „Sary-Arka“.

Hinter dem Kino steht Onkel Lenin auf einem kleinen Platz ohne Namen. Hier passt er auf die vielen Kinder auf, die mit ihren Bobbycars und Dreirädern um die Eltern herum fahren. Einige Liebespaare schwören sich im Schutz der Bäume die ewige Liebe. Lenin, der seinen Arm gen Himmel reckt, wirkt fast schon beschützend und überblickt einladend den Platz.

2KIRGISISTAN | Ala-Too Platz, zwischen dem Historischen Museum und dem Parlament

KIRGISISTAN

Während sich die zentralasiatischen Staaten mehr auf ihre eigene kulturelle und geschichtliche Identität besinnen, wird Lenin immer weiter aus dem öffentlichen Blickfeld verdrängt. Ursprünglich in der Mitte des Lenin-Platzes in Bishkek thronend, wurde die Statue mittlerweile einige Meter weiter hinter das Historische Museum verfrachtet. Der Boden, auf dem sie stand, wurde in Ala-Too-Platz umbenannt und an Lenins Stelle rückte der kirgisische Nationalheld Manas, der nun seinen Blick auf das Gebirge richtet. Immerhin ist die Lage noch immer zentral, auf dem Weg zum Parlament kommen ab und an Menschen vorbei und um Lenin herum wachsen Blümchen. Es könnte schlimmer sein.

3TADSCHIKISTAN | Victory Park, Chuschand, Tadschikistan

TADSCHIKISTAN

In Tadschikistan befindet sich die größte Lenin-Statue Zentralasiens. Die Statue allein ist zwölf Meter hoch. Der Sockel nimmt ebenfalls noch mal zwölf Meter ein. Die Statue fristet ihr Dasein in der nordtadschikischen Stadt Chuschand, vormals Leninabad.

Ursprünglich stand sie im Zentrum, um irgendwann still und leise, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, an den Stadtrand versetzt zu werden. Heute befindet sich dort die Statue des Staatsgründers Ismail Somoni. Lenin hält in der einen Hand seine Kappe, während die andere Hand, in der Jackentasche steckt. Das war nicht immer so: Früher war diese Hand ausgestreckt, den Aufbruch in die Revolution weisend. Nun wacht er still über die Stadt.

Während im nahe gelegenen Park des Staatsgründers Blumenbeete fein angelegt sind und sogar Wasserspiele installiert wurden, teilt sich Lenin sein Reich hier mit Mücken und freilaufenden Kühen, die den Schatten der Bäume suchen. Es wächst buchstäblich Gras über den alten Mann, gesäumt von einer Allee gefallener tadschikischer Helden des Zweiten Weltkrieges, die ihren Blick schon lange von der Statue abgewandt haben.

4TURKMENISTAN | Azadi köçesi Park, Aschgabat

TURKMENISTAN

Die Lenin-Statue in Turkmenistan war eigentlich der Einstieg in diese Kuriositätensammlung. Das Erstaunliche bei dieser Statue ist das Umfeld: Aschgabat, zumindest der Teil, den ich zu sehen bekam, besteht nur aus weißem Marmor und goldenen Elementen. Wenn es dunkel wird, blinkt und leuchtet alles fast so wie in Las Vegas – nur ohne die Sünde. Alles ist neu, alles ist hightech und sehr gepflegt.

Die breiten Straßen sind leer, die modernen Bushaltestellen sind ungenutzt. Die feinen Appartementhäuser stehen wohl nicht leer, aber Menschen sind trotzdem nicht zu sehen – mit Ausnahme der Frauen, die mit einem Reisigbesen die Straßen und Bürgersteige fegen. Alles ist so weiß, dass die reflektierte Sonne in den Augen brennt. Der Vorliebe des ersten Präsidenten für Superlative folgend, baut auch der aktuelle Präsident nur die höchsten und goldensten Monumente. Nicht umsonst steht Aschgabat als Stadt mit der höchsten Dichte an weißen Marmorgebäuden im Guinness-Buch der Rekorde. Um die Fahne am einst höchsten Fahnenmast der Welt wehen zu lassen, braucht es eine Flugzeugturbine.

Um Lenin herum sieht die Welt jedoch anders aus: Die weißen Marmorbauten weichen grauen Plattenbauten; die Straßen sind nicht mehr frisch asphaltiert, sondern grau und überall sucht sich Unkraut den Weg an die Oberfläche. Zum ersten Mal höre ich, dass sich Menschen miteinander unterhalten. Lenin selbst steht auf einem reichlich geschmückten Sockel, der eher an ein Mausoleum erinnert: bis obenhin verziert mit Kacheln und orientalischen Mustern, in seiner Pose immer bereit zum Aufbruch.

Obwohl ich ohne Probleme fotografieren konnte, müssen Touristen aufpassen, da direkt hinter der Statue ein öffentliches Gebäude steht.

5USBEKISTAN | Vormals in Taschkent, 1991 zurückgebaut

USBEKISTAN

Usbekistan hat Lenin schon lange den Rücken gekehrt: Im ganzen Land findet sich keine einzige Lenin-Statue mehr. Dafür konzentriert sich alles auf Amir Temur. Der Feldherr und spätere Emir schuf eines der größten Reiche in der zentralasiatischen Geschichte. Die Usbeken erzählen viel über seine Eroberungen und Feldzüge gegen die Osmanen, gegen die Mongolen und so weiter.

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