Wir Deutsche sind ein steifes Völkchen, reserviert, distanziert, unterkühlt. So sagen es viele andere Kulturen über uns. Und da sich nicht alle gleichzeitig und gleichermaßen irren können, stimmt das wahrscheinlich auch.

Weil wir uns das aber nicht auf alle Zeit vorwerfen lassen wollen und tief in unserem Inneren auch gar nicht so sein wollen, gucken wir uns von anderen Kulturen ab, wie es ausschaut, wenn man herzlicher miteinander umgeht. Die ersten Schritte bestehen darin, es anderen nachzutun, und vielleicht kommt das Gefühl dann mit der Zeit wie von selbst hinterher.
Unser größtes Vorbild, weil sie uns nah und ähnlich sind, aber mehr Genuss, Stil und Herzlichkeit versprechen, dabei aber kultiviert bleiben, sind die Franzosen. Und die begrüßen sich so: umarmen und auf beide Wangen einen Kuss geben. So in etwa. Ich wüsste jetzt gar nicht mal, ob der Kuss nur angedeutet wird oder ob die Lippen die Haut berühren dürfen, wie feucht es letztlich zugehen darf und ob Geräusche zugelassen sind. Das wissen wir alle nicht so genau. Drum ist die Mischform aus deutsch und französisch recht verbreitet, indem man die rechte Hand reicht, sich dabei mit dem anderen Arm umarmt, dabei die Hand und damit einen gewissen Abstand hält und sich dann irgendwo im Bereich Wange oder Ohr einen Kuss hinflüstert. Das klingt wie in einem Selbstlernbuch zur Selbstverteidigung. Und so sieht es meist auch aus. Wie gewollt, aber nicht gekonnt. Aber es geht noch schlimmer. Jetzt kommt vermehrt unter Freunden auch die russische Variante auf. Man bricht sich bei der Umarmung gegenseitig fast das Kreuz, schmiegt sich eng aneinander und drückt sich einen echten satten Kuss auf, egal wohin, neuerdings auch auf den Mund. Eigentlich egal, Hauptsache, es tut weh. Je mehr Körperregionen heftig attackiert werden, desto lieber hat man den anderen. Wer mal in Russland war, der weiß, wovon ich spreche. Im Zweifelsfalle wird man aus lauter Liebe und Herzlichkeit an dem prallen Busen einer Babuschka erstickt. Nun, es gibt schlimmere Tode. So weit, so gut. Aber weil wir uns die Begrüßungsrituale nicht selbst ausgedacht haben und uns die Übung fehlt und jeder Mensch ein anderes Lerntempo hat, gehen wir allzu oft etwas unbeholfen damit um. Nur allzu leicht tritt man anderen Menschen zu nah, da muss man aufmerksam schauen, taxieren, nachfühlen und sich behutsam vortasten. Und manchmal weiß man nicht, war der Kuss auf den Mund nun ein Unfall, weil man kein abgestimmtes Timing hat, wer wen zuerst auf welche Wange… oder ist es dem anderen gegenüber verletzend, wenn man die Wange hinhält, während der andere gerade zum Mundkuss ansetzt … ganz schön knifflig! Wie es für das Inlineskaten Kurse gibt, in denen man das sachgerechte Fallen lernt, sollte es auch Begrüßungkurse geben, in denen man lernt, wie man übereifriges verletzungsgefährdendes Begrüßtwerden höflich abwehrt, ohne den anderen zu kränken.

Julia Siebert

19/10/07

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