Teil 1: Die Jugend

Ich kann nicht mehr sagen, wann und wie es passierte – dass ich aus der Jugend raus- und ins Erwachsenendasein reingewachsen bin. Es ist mir, als wäre es gestern gewesen, doch laut Statistik gehöre ich schon ganze zehn Jahre nicht mehr zum jungen Eisen. Man sagt ja auch, man ist so alt, wie man sich fühlt. Zudem werde ich meist auf acht Jahre jünger geschätzt. Und nicht zuletzt werden wir nachweislich älter und älter, so dass die statis-tischen Altersklassen längst nach oben korrigiert werden müssten. Doch es hilft alles nichts, meine Jugendzeit ist längst vorbei. Und wer es immer noch nicht glauben will, dem reicht ein Blick in die Menge. Denn an der Mode scheiden sich die Geister bzw. die Generationen. Und noch etwas scheint uns zu trennen: die Sprache. Zuletzt habe ich Gespräche zwischen Jugendlichen belauscht, um einen Eindruck zu gewinnen, wie unsere heutige Jugend so denkt. Dazu war kein größerer Lauschangriff erforderlich, da die Jugend wie eh und je sehr laut spricht. Trotz Lautstärke – zunächst verstand ich gar nichts. Als ich mich eine Weile in Sprachmelodie und –rhythmus reingehört hatte, konnte ich jede Menge Satzstützen wie „Ey, Alter, ey“ oder „Boah, Mann, Alter, ey“ ausmachen, in die tatsächliche Begriffe eingeflochten werden. Die Kunst besteht schließlich darin, Spreu von Weizen zu trennen, um die Aussage herauszuhören. Und was hörte ich dann?

Zwei junge Männer in Blaumann, wahrscheinlich Auszubildende im Handwerk, zählen wie im Quartett Megabites auf. Ob vom Handy oder Computer oder sonst was, bleibt unklar. Ich wende mich einem anderen Gespräch zu. Wie man sich verhält, wenn man provoziert wird. Oh, das ist interessant! Ebenfalls junge Burschen in Blauhosen. Wenn man den Medien glaubt, hauen sie sofort mit voller Wucht auf die Rübe. Aber nein. „Wenn da einer ankommt, sag ich: Ey, Alter, ey, du bist nicht normal, ey! Und geh weg.“ Beruhigend. Ich bin stolz auf unsere Jugend, die sich nicht zu einer Schlägerei provozieren lässt. Zwei Jungs um die zwölf diskutieren ihre Frisuren. An welcher Kopfstelle die Haare wie lang sein dürfen. Immens wichtig natürlich. Ich gehe dennoch weiter, zwei junge Menschen Anfang zwanzig: „Da hatte ich plötzlich 45 Cent in meinem Körbchen liegen. Davon hab ich mir gleich erst mal einen Kaffee gekauft.“ Jetzt will ich natürlich wissen, um was für ein Körbchen es sich handelt. Sind es Bettler? So sehen sie aber gar nicht aus. Oder ist unsere heutige Jugend viel ärmer als wir es ahnen? Und sind am Ende unsere obdachlosen Jugendlichen modebewusst, so dass man ihnen die Armut nicht ansieht? Aber das sind wilde Spekulationen, und so direkt fragen will ich nicht. Also weiter, dort geht es um Arbeit. Da das Thema Jugendarbeitslosigkeit sehr aktuell ist, mal hören, was die Betroffenen selbst dazu meinen. „Ohne Arbeit kein Geld. Ohne Geld kein Spaß. So ist das eben. So ist das Leben. Arbeite irgendwas. Egal was. Fang einfach irgendwas an. Willst du bei mir arbeiten?“ – Oh, schön, denke ich, der sagt das so klar und hat auch noch einen Job zu verteilen. Der andere wird doch wohl zusagen! Aber – „Nee, lohnt sich nicht“ findet er. Selber schuld! finde ich. „Ich mach die Maus“, hör ich aus einer anderen Ecke. Was meint der Junge wohl damit? Ich mach die Maus. Wie macht man eine Maus? Als Karnevalskostüm? Dann müsste es vielmehr heißen: „Ich werde Maus“ oder „Ich geh als Maus“. Oder geht es hier um Sex? Es kommt noch ein Zusatz. „Die Maus aus Ice Age. Die ist voll cool.“ Also eher nicht Sex. Vielleicht irgendwas Kreatives in der Schule. Theater oder so. Woanders geht es um eine bevorstehende Prüfung. Diese Gruppe gibt sich nicht cool, sondern gibt ihre Angst ganz einfach zu. Find ich gut. Alles in allem – ganz normale Jugendthemen, netter Ton, netter Umgang. Die, die nicht reden, blicken ein wenig frustriert drein. Unsere Jugend hat es nicht leicht. Aber sie ist auch nicht so roh und aggressiv, wie manche Stimmen vermelden. Und letztendlich bewegen die Jugendlichen Themen, wie all die Jahre und Jahrzehnte zuvor: Technik, Musik, Mode und Frisuren, Freund- und Liebschaften, Jobs und Prüfungen. So soll das sein. Und dass sie darüber immer ein wenig zu laut und für uns unverständlich reden, gehört dazu. So ist sie eben, unsere Jugend. Ganz in Ordnung.

Julia Siebert

01/12/06

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