Abduraschid Schoraew findet, dass das Ausleben der eigenen Identität genauso wichtig ist, wie Meinungsfreiheit. Er gibt einen Einblick in kirgisische Traditionen und beschreibt, wie schnell es zur Abgrenzung kommen kann, wenn man sich in einem anderen Land befindet.

/Bild: privat. ‚Abduraschid Schoraew ist 28 Jahre alt und kommt aus Osch.’/

„Woher kommst du denn?“ fragte mich einmal mein Arbeitgeber. „Aus der Stadt Osch“, antwortete ich. „Aus welchem Stadtviertel?“, wollte er wissen. „Aus dem Zentrum“, sagte ich. „Du bist kein Kirgise“, stellte er grob fest. „Doch!“, erwiderte ich. Später erklärte er mir, dass die Kirgisen die Stadt Osch viel später als die Usbeken besiedelt haben, deshalb könnten sie gar nicht aus dem Zentrum der Stadt kommen.

Woher man stammt, ist für die Kirgisen auch eine sehr wichtige Frage bei der Eheschließung. Die Familien, die die alten Sitten streng befolgen, legen darauf großen Wert. Falls die Eltern mit den Stammwurzeln des Bräutigams oder der Braut nicht zufrieden sind, können die beiden ihre Hochzeit vergessen.

Keine Chance gegen Traditionen

Nach der Volljährigkeit bekommt man in Kirgisistan zwei Pässe: Eine ID-Karte und einen Reisepass. Die Nationalität des Inhabers wird in die ID-Karte eingeschrieben, wobei im Reisepass nur die Staatsangehörigkeit steht. Nach den tragischen Ereignissen des letzten Jahres wurde darüber diskutiert einfach die kirgisische Staatsangehörigkeit in die ID-Karte einzutragen. Diese Idee haben die Minderheiten, die in Kirgisistan wohnen initiiert. Sie glauben, dass sie dann gleichberechtigt behandelt würden.

Allerdings gibt es da ein Problem – denn seit Jahrhunderten praktizieren die Kirgisen die so genannte „Sanjara“. Sie zeigt, wie wichtig die Identität für die Kirgisen ist. „Sanjara“ bedeutet eine Kette, die aus den Namen von sieben Urvätern besteht. Jeder Kirgise muss bereits in der Kindheit die Namen von seinen eigenen sieben Urvätern auswendig kennen. Außerdem ist die „Sanjara“ auch wichtig für die traditionelle Religion in Kirgistan – den Islam: Je geringer das verwandschaftliche Verhältnis zwischen Braut und Bräutigam ist, desto besser.

Die eigene nationale Identität kann man am besten spüren, wenn man in eine andere Kultur hineingerutscht ist. Während des Studienaufenthalts in Deutschland machte ich einige interessante Beobachtungen: Ich hab mich mit einem Kasachen angefreundet, wir sprachen untereinander auf Russisch. Als ein weiterer Kasache dazukam, sprachen die beiden untereinander Kasachisch. Hier spürte ich aufgrund der Sprache eine nationale Identität des kasachischen Volkes, obwohl wir eigentlich gar nicht so große Unterschiede haben.

Weiterhin spürte ich, wie Traditionen die jeweilige Identität prägen können: Beim kirgisischen Volk ist es so, dass wenn man beim Essen in der Familienkreis sitzt, wartet bis der Familienälteste, oder einfach der Älteste zu essen beginnt. Nur dann können die Anderen ebenfalls anfangen. So ist es auch, wenn man einen Gast hat – Erst der Gast, dann die Anderen. Bei der jüngeren Generation in Deutschland habe ich so etwas nicht bemerkt. Im Alltag von Deutschen oder anderen Europäern ist es einfach unüblich.

Gefahr der Abgrenzung

Das dritte Beispiel ist der Geist eines Volkes. So fällt es den Kirgisen im Vergleich zu anderen Völkern Mittelasiens leichter, ihre Heimat zu verlassen. Dem Geiste nach sind sie Nomaden, ein ziehendes Volk. Doch in der Fremde versucht man auch immer sich irgendwie abzugrenzen. Ein anschauliches Beispiel dafür sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Chinesen, Vietnamesen, Afrikaner wohnen in Gettos. Ein Mensch, der aus einer anderen Kultur kommt, wird sich dort unsicher fühlen, obwohl er ein Angehöriger dieses Staates ist.
Das kann man heute auch in Europa beobachten, wo in den letzten Jahren die Zahl von Migranten stark angewachsen ist. Einige europäische Länder versuchen kleine Gemeinschaften in die eigene Kultur zu integrieren, ohne auf deren nationale Identität Rücksicht zu nehmen Das ist ein Fehler. Die nationale Identität ist genauso wichtig wie Meinungsfreiheit. Deshalb muss man lernen, die Menschen in ihrer Andersartigkeit zu respektieren. Die Staatsregierungen müssen das ganze Potential der Mannigfaltigkeit der zusammenlebenden Völker für die wirtschaftliche, politische und geistige Entwicklung ihrer Länder nutzen. Nur eine solche Innenpolitik kann zu Völkerverständigung führen.

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Bewerbung um die Teilnahme an der V. Zentralasiatischen Medienwerkstatt (ZAM). Die ZAM findet vom 22. bis 26. August in Almaty statt und wird vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und dem Goethe Institut veranstaltet.

Von Abduraschid Schoraew

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