Deutschland hat eine geringe Geburtenrate und eine positive Zuwanderungsbilanz. Warum es sich lohnt, auf dem deutschen Arbeitsmarkt mehr Anreize für Ausländer zu schaffen, weiß Prof. Dr. Bodo Lochmann.

Die Zukunft vorherzusehen oder vorherzusagen ist schwer bis unmöglich, zumindest dann, wenn es um lange Zeiträume geht. Dennoch brauchen sowohl Politik als auch Unternehmen einigermaßen zuverlässige Aussagen über längerfristige Entwicklungstrends, weil für richtige Reaktionen meist lange Vorlaufzeiten notwendig sind.

Zu den grundlegenden, auf Gesellschaft, Politik und Unternehmen gleichsam einwirkenden Entwicklungstrends gehört die Entwicklung der Bevölkerung eines Landes. Weltweit wächst zwar die Bevölkerung mit einer jährlichen Wachstumsrate von etwas mehr als einem Prozent. Die Situation ist aber nach Regionen und Ländern höchst unterschiedlich. Deutschland gehört strategisch gesehen eindeutig zu den Verlierern, was nicht nur Statistiken belegen, sondern auch einfache Beobachtungen im täglichen Leben.

Bereits jetzt sind etwa 18 Prozent der deutschen Bevölkerung im Rentenalter (das für Männer und für Frauen gleichermaßen 67 Jahre beträgt). Die Zahl wird bis 2040 auf etwa 28 Prozent steigen. Immer mehr Rentnern stehen immer weniger Kinder gegenüber, bereits jetzt liegt die Sterberate deutlich über der Geburtenrate. Im Durchschnitt bringt eine Frau entsprechenden Alters in Deutschland durchschnittlich 1,4 Kinder zur Welt. In Kasachstan dagegen 2,2 Kinder. Die einfache Reproduktion des deutschen Volkes ist also seit geraumer Zeit nicht mehr gegeben. Mit anderen Worten, die deutsche Bevölkerung schrumpft.

Für die geringe Geburtenrate gibt es eine ganze Reihe von Erklärungsversuchen, auf keinen Fall aber sind finanzielle Ursachen dafür entscheidend. Bis 2040 wird die Wohnbevölkerung um etwa 4 Millionen sinken (dann auf 78 Millionen), während im gleichen Zeitraum die Bevölkerung Frankreichs um etwa 6 Millionen und die Großbritanniens um gar 10 Millionen zunehmen soll. Die Gewichte verschieben sich also nicht nur weltweit, sondern auch in Europa.

In die Berechnungen sind für alle Länder bereits die Migrationsströme eingerechnet, also das Saldo aus Ab– und Zuwanderung von Ausländern in die jeweiligen Staaten. Im Moment ist Deutschland eindeutig ein Einwanderungsland. Das heißt es kommen mehr Ausländer nach Deutschland (etwa 700 000) als Bewohner Deutschlands auswandern (etwa 500 000 jährlich). Das Wanderungssaldo kann jedoch den starken Geburtenrückgang nicht ausgleichen. Wesentlicher ist jedoch, dass die Einwanderung nach Deutschland überwiegend nur auf Zeit geschieht. Es ist sicher ein Zeichen der Zeit der Globalisierung, dass vor allem junge Leute bewusst eine bestimmte Zeit im Ausland verbringen, was für die Exportnation Deutschland von existentieller Wichtigkeit ist.

Mittlerweile ist fast jeder fünfte Deutsche ein Zuwanderer oder hat mindestens einen zugewanderten Elternteil. Wie in Kasachstan leben auch in Deutschland Vertreter von weit über 100 Völkerschaften, jedoch mit dem wesentlichen Unterschied, das die in Deutschland lebenden Nichtdeutschen innerhalb kurzer Zeit zugewandert und nicht im eigenen Land geboren und sozialisiert sind. Das macht die Integration in Deutschland durchaus schwieriger als in Kasachstan.

Deutschland ist zwar Einwanderland, jedoch ist es für zu viele Zugewanderte nur eine Zwischenstation. So haben von etwa gegenwärtig fünf Millionen Personen, die die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten könnten, in 2013 nur 100.000 davon Gebrauch gemacht. Deutschland ist also in verschiedener Hinsicht nicht attraktiv genug.

Für das deutsche Gemeinwesen, darunter die Unternehmen wird diese kurz skizzierte Situation tendenziell zum Problem. Bereits jetzt sind junge Leute, zum Beispiel als Auszubildende knapp. Da das soziale Sicherungssystem vorwiegend von den Arbeitenden durch ihre Beiträge (und nicht aus dem Staatshaushalt) finanziert wird, sind Instabilitäten und harte Einschnitte bei den Sozialleistungen wohl eher unvermeidbar. Bereits jetzt ist die Erhöhung des Rentenalters auf 70 Jahre in der Diskussion, wenn auch nicht offiziell. Bis das beschlossen werden muss, sollten jedoch die inneren Reserven genutzt werden. Leistungsschwache und schlecht ausgebildete Jugendliche, die Nutzung des Potentials arbeitswilliger Rentenempfänger sowie die Erleichterung des Zugangs zum deutschen Arbeitsmarkt für Ausländer sollten gefördert werden, besonders wenn letztere bereits in Deutschland studiert haben. Da momentan die Position Deutschlands in der Welt gut ist, besteht durchaus die Gefahr, dass notwendige Weichenstellungen zu spät erfolgen. Zumindest nimmt sich die Politik bisher dem Thema Bevölkerungsentwicklung und Konsequenzen daraus nur sehr zaghaft an. Das kann sich für folgende Generationen leicht rächen.

Bodo Lochmann

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