Angeblich bekommt man laut dem spirituellen Trallala immer genau das serviert, wovor man sich am meisten fürchtet. Wenn das so wäre, hätte die Lebensschule bei mir diesmal voll ins Schwarze getroffen: ein Leben ohne Alkohol!

Wegen einiger diffuser Unpässlichkeiten habe ich mich zuletzt einem Komplett-Check bei einem Heilpraktiker unterzogen, der nicht nur auf akute Schmerzfelder schaut, sondern den ganzheitlichen Blick wahrt, so ziemlich alles aufstöbert, was stören könnte und wofür sich insbesondere die Schulmediziner nicht interessieren, was aber durchaus eine Rolle spielen kann.

Wir gingen also das Testergebnis durch, er tischte mir bekannte, geahnte und verdrängte Störfelder auf, darunter aktuelle Nöte und Jugendsünden. Dann kamen wir zum Kapitel Allergien. Gegen diverse Gräser und Halme, ja, schon bemerkt. Einverstanden.

Lebensmittelunverträglichkeiten? Nein, will ich nicht haben. Auf gar keinen Fall. Höchstens gegen Milchreis als Mittagsmahlzeit. Weil ich so schrecklich gern esse und trinke und kein Fünkchen Selbstdisziplin im Leib habe, ist bis heute mein größter Horror, auf irgendwas verzichten zu müssen, was lecker ist. Egal, welche Krankheiten ich hatte, ich litt nie unter Appetitverlust. Die schlimmste Strafe war eine Magenschleimhautentzündung, als ich mir tagelang Haferschleim runterwürgen musste, Schonkost, kotz! Eine Unverträglichkeit bei Ente. Ente? Gut, Ente! Da Ente bisher keinen allergischen Schock ausgelöst hat, behalte ich mir vor, auch weiterhin nicht auf dieses köstliche Tier zu verzichten.

Und … Und? „Da haben Sie die Arschkarte gezogen!“ warnte mich mein Heiler vor. Nun war ich aber gespannt. Arschkarten bekomme ich grundsätzlich nicht so gerne. „Alkohol!“ Oh nein! Oh doch! Ich war paralysiert. Während er meine Knochen krachen ließ, erwachte ich langsam aus meinem Schock. Und versuchte mir ein Leben ohne Alkohol vorzustellen: Bei Empfängen und Festen den Sekt oder Champagner auslassen. Lammbraten, Gulasch, Pizza ohne Rotwein. Kaminfeuer ohne Cognac, Calvados oder Whisky. Bis hierin ist es schon hart, ließe sich aber mit viel Gezeter und Geheule noch einrichten. Aber Partys, Grillfeste, Krimis, Kino, Thekenphilosophien ohne Bier. Nee, das führt eindeutig zu weit.

Ob ich Fragen hätte. Oh ja, allerdings. Ob diese doofe Allergie auch Kölsch betreffe. Das müsse man mal sehen, ich solle beim nächsten Mal eine Flasche meiner Lieblingskölschsorte mitbringen. Jetzt wurde ich aufgeregt, welches bringe ich denn mit? Mühlenkölsch, Reissdorfkölsch, Gaffelkölsch … Das Problem ist, dass es auf jeder Party, in jedem Lokal, an jedem Kiosk verschiedene Kölschsorten gibt. Für den Anfang entschied ich mich für Reissdorfkölsch. Beim Test war ich nervöser als in der mündlichen Diplomprüfung. Piiiiiieps! Die Nadel des Testgeräts schnellte mit schrillem Laut ohne Umweg über die höchste Zahl hinaus. Mist! Doch bevor ich meinen Tränen freien Lauf lassen konnte, kam die Erlösung. Mein Heilpraktiker würde mir ein Gegengift spritzen, dann könne ich wieder munter weiter „saufen“. Mann, das nenne ich Einsatz, Sönke Dinse, der beste Heilpraktiker der Welt!

Als nächstes habe ich eine Flasche Rotwein mitgenommen, nanu und jippiiiie – da piepste es kaum! was heißt, dass es keine Allergie gegen Alkohol ist, sondern nur gegen Bier, immerhin und Gott sei Dank! Beim nächsten Mal schleppe ich meine Hausbar an, um mir den erwiesenen Segen für all die anderen leckeren Getränke zu holen: Whisky, Calvados, Sherry, Cognac, Wodka … Und ganz im Zweifelsfall bleibt ja noch die Notlösung, trotz der Allergie zu trinken. Denn so lange ich nicht ins Koma falle oder sonst wie auffällig reagiere, nähme ich es durchaus in Kauf, so ein klitzekleines allergisches Reaktiönchen. Tja, da wollte mir die Lebensschule eins auswischen, doch da hat sie nicht mit meinem Heilpraktiker gerechnet, dem weisen und kühnen Helden, ätsch und prost!

Julia Siebert

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