Sakhiba Zayniddinova, Philipp Dippl

In Zentralasien existieren bislang zwei U-Bahnen, in Taschkent und in Almaty. Die erste Untergrundbahn der Sowjetunion eröffnete bereits im Jahre 1935 in Moskau. Es oblag dem Verkehrsminister der UdSSR, Lasar Kaganowitsch, eine neue Unterwelt für das sowjetische Proletariat zu erbauen. Er erschuf unterirdische Paläste. „Wir haben die Metro“ lauteten die Losungen am 15. Mai 1935, dem Tag, an dem die erste Linie der Moskauer Metro mit 13 Stationen und 11,2 Kilometern Länge eröffnet worden ist. Daraus sind bis heute ganze 221 Stationen entstanden und ein gewaltiges Streckennetz von 379 Kilometern, auf denen sich jeden Tag rund 6,5 Millionen Passagiere bewegen.

Bis 1991 sind Untergrundbahnen in 13 Städten der Sowjetunion gebaut worden. Die Moskauer, Minsker und Kiewer Metros aus den Jahren Josef Stalins sind prächtig, ausufernd und pompös; später wurde schlichter gebaut. Manchen U-Bahnen kam die Perestroika zuvor. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war kein Geld mehr für einen weiteren Ausbau des städtischen Nahverkehrs vorhanden.

Manche Metros kamen nie über kleine betriebsbereite Kurzstrecken hinaus, wie im armenischen Jerewan oder in Jekaterinburg im Uralgebirge. Andere Metrobaustellen wurden noch lange, bevor der erste Fahrgast befördert wurde, auf Eis gelegt oder ganz aufgegeben. Dazu gehört auch die Metro Almaty, deren Baustelle in den 1990er Jahren noch brach lag. Erst 2011 fuhr der erste Zug durch die Tunnel der Apfelstadt im Süden Kasachstans. Die U-Bahn ist brandneu und modern. Und dies, obwohl der Baubeginn bereits 1988 stattfand, als die Stadt noch Alma-Ata hieß und Hauptstadt der Kasachischen SSR war. Sakhiba Zayniddinova aus Usbekistan und Philipp Dippl aus Deutschland waren einen Tag lang im Untergrund von Almaty unterwegs und haben die Metro aus verschiedenen, ungewöhnlichen Blickwinkeln erkundet.

Im usbekischen Taschkent wurde nur zwei Jahre nach einem schweren Erdbeben 1966, bei dem große Teile der Stadt zerstört wurden, mit den Planungen zur Untergrundbahn begonnen. Die Taschkenter Metro, die erste in Zentralasien und seit 1977 in Betrieb, folgt daher stark dem klassischen sowjetischen Vorbild der U-Bahnen mit momentan drei Linien. Die heute 29 aufwendig gestalteten, unterschiedlich thematisierten Stationen befinden sich aufgrund der seismischen Aktivität in der Region in großer Tiefe. Viele der Bahnhöfe sind mit traditionellen usbekischen Motiven gestaltet und zählen zu den beeindruckendsten der Welt. Obwohl die Metrostationen der usbekischen Hauptstadt mit ihrer aufwendigen, orientalischen Gestaltung bei Taschkentern wie Touristen gleichermaßen beliebt sind, ist Fotografieren dort erst seit kurzem erlaubt.

Sakhiba meint: „Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung kann ich mit Sicherheit sagen, dass dies das bequemste Fortbewegungsmittel ist, um an den richtigen Ort zu gelangen. Man kann sein Ziel sehr schnell erreichen und die Staus und Verspätungen durch andere unvorhergesehene Umstände vermeiden. Was die einzigartige Architektur angeht, so handelt es sich dabei um echte Kunstwerke der Baukunst. Dies ist eine der schönsten Sehenswürdigkeiten der Republik Usbekistans und ganz Zentralasiens. Alle Stationen haben ein einzigartiges architektonisches Erscheinungsbild: Marmor, Granit, Säulenreihen, eine einzigartige Verschmelzung von Blumen, faszinierende Mosaikbilder.“

In Deutschland begann das Zeitalter der Untergrundbahn mit der Industrialisierung. In Berlin bewegen sich die Fahrgäste seit 1902 im Untergrund fort, in Hamburg seit 1912. München und Nürnberg folgten mit eigenen U-Bahnnetzen in den Jahren 1971 und 1972. Neben diesen vier klassischen U-Bahnsystemen existieren in zahlreichen deutschen Großstädten verschiedene Mischformen von Straßen-, Stadt-, und S-Bahnen, die teilweise oberirdisch fahren und teilweise durch den Untergrund geführt werden.

„In Deutschland sind die U-Bahnen weniger architektonische Sehenswürdigkeiten, als vielmehr technische Meisterleistungen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es eine Sensation, in einer U-Bahn durch den Untergrund zu rauschen. In Nürnberg fahren heute fahrerlose Züge im Mischbetrieb mit normalen Zügen mit Steuermann, das ist weltweit einmalig! Die Stationen und Bahnhöfe hingegen sind sehr oft schlicht und zweckmäßig gestaltet, ohne jede künstlerische Extravaganz. Für uns Deutsche ist es sehr wichtig, dass die Züge pünktlich kommen und abfahren. Pünktlichkeit und störungsfreier Betrieb ist die oberste Priorität. Ob die Stationen aber künstlerisch beeindruckend gestaltet sind, ist zweitrangig“, sagt Philipp.

Die U-Bahn Almaty ist die zweite Untergrundbahn in Zentralasien. Sie verbindet klassische Formen, kasachische und zentralasiatische Ornamentik mit moderner Technik und bringt damit zwei Welten zusammen. Bislang ist erst eine Linie mit neun Stationen und 11,3 Kilometern Streckenlänge in Betrieb, der weitere Ausbau mit bis zu drei Linien ist allerdings geplant. Nichtsdestotrotz ist schon heute die Metro eine beeindruckende Sehenswürdigkeit von Almaty.

Der Text entstand während der XII. Zentralasiatischen Medienwerkstatt 2018.

Fotos: Philipp Dippl

Hinterlasse eine Antwort

Please enter your comment!
Please enter your name here