Die Mauer war 28 Jahre ein Monument des Kalten Krieges und Symbol für die Zweiteilung der Welt. Die Deutsch-Kasachische Universität (DKU) lud Ende November sechs Zeitzeugen zu einem Runden Tisch ein, um die geschichtlichen Fakten durch persönliche Schilderungen lebendig zu machen und Wissenslücken zum Thema Wende in Deutschland zu schließen. Die Zeitzeugen beschrieben den Alltag mit Stasianwerbungen und Versorgungsengpässen in der DDR sowie auch die Bemühungen, den Einheitsgedanken in Westdeutschland aufrecht zu erhalten.

/Bild: Christine Karmann. ‚Feierliche Eröffnung der Plakatausstellung „20 Jahre Mauerfall” durch den deutschen Generalkonsul Dr. Gerold Amelung.’/

Nicht jeder Zeitzeuge fühlte sich als Zeitzeuge („So alt bin ich doch noch gar nicht!“), und nicht jeder war bei der Vorstellung mit der Einteilung in Ost- und Westbürger einverstanden. Auch das Erinnern verlief unterschiedlich: der eine würzte seinen Vortrag mit politischen Fakten und zeigte kopierte Protokolle, der andere plauderte über persönliche Familiendramen, in denen der Opa bei den DDR-Nachrichten über die Lügengeschichten schimpfte, während der Vater auf dem Balkon mit der Angel die Antenne des Nachbarn zerstörte, damit dieser kein Westfernsehen mehr empfangen konnte.

Eine Kulturnation getrennt durch die Mauer

Dr. Reinhard Zühlke, ZfA-Fachberater, Prof. Dr. Bodo Lochmann, Prorektor an der Deutsch-Kasachischen Universität, Barbara Fraenkel-Thonet, Leiterin des Goethe-Instituts in Almaty, Dr. Gerold Amelung, Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland, Dagmar Schreiber, Expertin für Ökotourismus und Prof. Dr. Wulf Lapins, Regionalkoordinator der Friedrich-Ebert-Stiftung in Zentralsien, folgten der Einladung der DKU zu einem Runden Tisch „20 Jahre Mauerfall – Zeitzeugen berichten“, der von der Boschlektorin Victoria Hepting souverän und kenntnisreich moderiert wurde. Als im Jahr 1961 mit dem Bau der Mauer begonnen wurde, um laut DDR-Propaganda die imperialistischen Einflüsse des Westens einzudämmen und inoffiziell die Welle der Ausreisenden zu stoppen, fand da auch eine Teilung in zwei Völker statt?

„Es gab kein Ost– und kein Westvolk“, sagte Prof. Dr. Wulf Lapins. Er arbeitete an einem Gesamtdeutschen Institut, das von der DDR als Revisionsinstrument angesehen wurde, und organisierte Veranstaltungen, die den Gedanken an die Einheit Deutschlands aufrechterhalten sollten. Eine Wiedervereinigung hat er lange nicht für möglich gehalten: „Wir sprachen von einer Kulturnation und hielten es für möglich, dass die DDR ein zweites Österreich wird, mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und offenen Grenzen. An den Zusammenbruch der DDR dachte keiner meiner Kollegen in Westdeutschland.“

Bedrückte Atmosphäre im Osten

Für Dagmar Schreiber gehörte die Mauer lange zum Leben dazu wie die Luft zum Atmen. Ein Jahr nach dem Mauerbau geboren, verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend in der DDR und ging zum Studium nach Leningrad. „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen – was heute naiv klingt, haben wir damals geglaubt. Doch kaum in Leningrad angekommen, kamen mir zum ersten Mal Zweifel“, erzählte Dagmar Schreiber. „Man konnte sich satt essen, an Brot, Magarine und zwei bis drei Sorten Wurst, mehr gab es in den Läden in der Großstadt nicht. Was mich wirklich schockierte, waren die vielen Dorfbewohner, die mit großen Taschen zum Einkaufen angereist kamen. In den Geschäften auf dem Land gab es nur Tee, Essig, Salz und Gummistiefel zu kaufen. Es herrschte eine bedrückende Atmosphäre.“

In der DDR breitete sich unterdessen, von vielen unbemerkt, die tägliche Überwachung aus. Wenn Dr. Reinhard Zühlke an den Tag in seiner Armeezeit denkt, als er von der Stasi vorgeladen wurde, kann er sich noch an alle Einzelheiten erinnern. „Ich kam in einen Raum, in dem es nur einen Tisch, ein Bett, einen Schrank und zwei Stühle gab. Der Mann fragt mich, ob ich wisse, wer er sei, was ich bejahte und mich sogleich ärgerte, denn so musste er sich nicht mehr vorstellen. Als ich seine angebotene Zigarette ablehnte, kam er aus dem Rhythmus.“

Es war ein einstudiertes Programm, mit Tonbandgerät unter dem Tisch, was hinter verschlossenen Türen abgespult wurde. Zühlke lehnte die Zusammenarbeit ab und ruinierte sich nicht seine Karriere. Nur nach der Wende wurde er noch einmal zu dem Gespräch befragt. Er kann sich nicht vorstellen, tiefer in den Akten zu wühlen und herauszufinden, wer Informationen über sein Leben weitergegeben hat. „Das will ich gar nicht wissen.“

Euphorie bei der Maueröffnung und Umbruchsituation

Die Wende kam für alle Zeitzeugen überraschend, auch für Diplomat Amelung. Nicht nur die Pressekonferenz, in der SED-Spitzenfunktionär Günter Schabowski zum neuen DDR-Reisegesetz verkündete, dass es nach seiner Kenntnis ab sofort gelte, sondern auch, dass z.B. ein sowjetischer Diplomat in der Nacht nicht seinen Chef wecken wollte, damit dieser, aus dem Schlaf gerissen, keine gefährlichen Entscheidungen treffen sollte. Es lief alles völlig aus dem Ruder, und am Ende war die Mauer offen. Zühlke erinnert sich noch an die Fernsehbilder, als die Menschen „Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt eine kleine Wanze“ sangen und als er mit seinem Sohn eine Woche später über die Grenze fuhr und der Junge plötzlich nur noch Westautos sah.

Nicht alle kamen sofort im Westen an, nicht alle wollten sofort ankommen, und dann gab es auch noch die Mauer in den Köpfen. Dagmar Schreiber erinnert sich: „Ich habe nach der Wende als Reiseführerin gearbeitet, und eines Abends hörte ich zufällig, wie ein Tourist nach Hause telefonierte, alles wäre prima, die Reiseleiterin käme aus dem Osten, sei aber trotzdem ganz nett.“ Erfahrungen mit der nicht ganz einfachen Umbruchsituation hat auch Bodo Lochmann.

Der Hochschullehrer beschreibt die Abwanderung in den Westen: „Rund drei Millionen Menschen sind in den letzten Jahren vom Osten in den Westen gezogen. Weggehen vor allem die jungen, dynamischen und gut ausgebildeten Leute. In meiner Heimatstadt Zittau stehen 4.000 Wohnungen leer.“ Aber es gibt auch positive Veränderungen. Bodo Lochmann hat vor der Wende im Stadtrat mitgearbeitet und ist auch heute noch politisch engagiert.

„Früher sind Abstimmungen ohne Diskussionen verlaufen. Es gab kein Geld und somit auch keine Alternativen. Bei Entscheidungen haben alle die Hände gehoben und dafür gestimmt“, schilderte er die Situation. Nach der Wende wurde die kommunale Selbstverwaltung eingeführt. „Nun bereiten sich alle auf Entscheidungen vor, wollen sich profilieren. Es wird gestritten und nachgedacht, das ist eine völlig andere Situation, die Spaß macht. Nur dauert vieles auch länger.“ Es wird auch noch eine Weile dauern, bis die Mauer in den Köpfen völlig verschwunden ist.

Von Christine Karmann

27/11/09

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