„Ich möchte Teil des Kosmos sein“: Mit ihrem neuen Album „Pure Vernunft darf niemals siegen“ ist der deutschen Band „Tocotronic“ ihre alte Ironie abhanden gekommen

Lange war die Band Tocotronic ein Geheimtipp in Deutschland. Die frühen Alben verknüpften auf schlichte und geniale Weise den Ausdruck eines allgemeinen Lebensverdrusses mit der ironischen Klage darüber, weder zu den erfolgreichen Trägern teurer Uhren noch zu den bunten Jongleuren im Freiburger Stadtpark zu gehören. Songtitel wie „Ich will Teil einer Jugendbewegung sein” wurden zu Losungen einer unsichtbaren Tocotronisten-Gemeinde. Bis man irgendwann solche Textausschnitte in den Artikelüberschriften des FAZ-Feuilletons wiederfinden konnte. Tocotronic-Sentenzen wie „Digital ist besser” sollten nun die bildungsbürgerliche Finderfreude der Bescheidwisser und Dazugehörer befriedigen.

Das versteckte Dasein von Tocotronic ist mit dem neuen Album nun vorbei: Noch nie ist ein Tocotronic-Album mit so viel Pomp angekündigt worden. Allerorten gaben die Musiker zum Besten, wie sie die Dinge sehen: FAZ, Spiegel, selbst das Reisemagazin der Bahn interessieren sich für die gesellschaftskritischen Analysen der Hamburger Band. Eine Kultur des verkürzten Nützlichkeitsdenkens erdrücke Kreativität und Freiheit, so das Problem, das im Titel des neuen Albums thematisiert wird: „Pure Vernunft darf niemals siegen.”

Vielleicht verstellt diese mediale Selbstauslegung das Vergnügen am neuen Album. Komischerweise wird gerade jetzt, wo der Tocotronic-Kick irgendwie ausbleibt, klar, warum er früher funktionierte: Die Ironie machte erträglich, was eigentlich unerträglich war. „Michael Ende, Du hast mein Leben zerstört” bedeutete damals noch: Die Lektüre des ökonomismuskritischen Kinderbuches „Momo” von Michael Ende hat dafür gesorgt, dass ich nicht ökonomisch verwertbar bin – Gott sei Dank. Und der Song „Das Unglück muss zurückgeschlagen werden” war nicht nur musikalisch ein Meisterwerk. Er demaskierte schonungslos das dumpfe Fordern des Allgemeinen in bierseliger Runde, indem er den Minimalkonsens benannte, auf den man sich immer einigen kann. Und jetzt? Man hört „Pure Vernunft darf niemals siegen” und wartet vergebens auf die einstige Tocotronic-Ironie. Auch die Interviews zeigen: Die meinen das offenbar ernst! Und sie wollen uns offenbar tatsächlich den Adorno vortanzen, und zwar im Dreiviertel-Takt mit einem Lala-Refrain! Nie waren sie weiter von Seattle weg, möchte man sagen. Sind wir nun endgültig in der Schunkelhöhle vernunftkritischer Gemütlichkeit, Dirk?

Nirgendwo wird diese ungelöste Ambivalenz unsympathischer als in dieser neuen Ironieabstinenz: Immer noch irgendwie dagegen sein wollen, aber es sich gleichzeitig ganz gemütlich machen wollen. Da bleibt dann nur noch der Eskapismus ins Ästhetisch-Sphärische. Und der wird auf dem Album ausgiebig praktiziert.

Doch nicht zuletzt sollte auf einer Rockplatte auch Musik zu finden sein. Leider wirkt das Album auch in dieser Hinsicht lieblos hingeschludert. Geradezu erstaunlich ist die neue musikalische Einfallslosigkeit. Dass dem Hörer die immer gleichen Akkordwechsel schlicht auf den Geist gehen können, scheint man sich nicht vorstellen zu können. Kein Tocotronic Album war musikalisch so anspruchslos, so unkomponiert. Wie schade! Sie sind die Besten, sie sind die Einzigen. Sie könnten es besser.

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