In Kirgisistan erzählen die Manastschis, die traditionellen und hochangesehenen Volkssänger, wieder das weltlängste Heldenepos – und das oft zwei Tage lang ohne Unterbrechung. Mit dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Kirgisistans musste die kulturelle Identität dieses zentralasiatischen Landes erst wieder wachgerüttelt werden. Das Manas-Epos hat dabei eine wesentliche Rolle gespielt.

/ Bild: privat. ‚Syrga Abdullajewa in einem traditionellen Brautgewand.’/

Als die kirgisische Studentin Syrga Abdullajewa während ihres Auslandssemesters in Saarbrücken gebeten wurde, ihr Land und dessen Traditionen vorzustellen, geriet sie in Verlegenheit. Sie konnte nur ein Volkslied vortragen, ansonsten aber recht wenig über die kirgisische Kultur und Traditionen erzählen. Diese Erfahrung nahm sie sich zum Anlass, nach ihrer Rückkehr nach Kirgisistan mehr über ihre Kultur zu lernen.

Mangelnde kulturelle Identität

Ein ehrenwertes Ziel, das sich Syrga Abdullajewa zur Aufgabe gemacht hat, aber ein auch nicht ganz einfaches. Denn noch vor wenigen Jahren – kurz nach seiner Unabhängigkeit – rang Kirgisistan um seine kulturelle Identität. Während der Sowjetzeit wurde die kirgisische Sprache und Kultur ähnlich wie in den anderen zentralasiatischen Staaten unterdrückt. Heute wirft man den Sowjets vor, dass sie das kollektive Gedächtnis Kirgisistans gelöscht hätten. Doch ist es auch so, dass es in den 1930er Jahren die Sowjets waren, die die Kirgisische Sozialistische Sowjetrepublik gründeten. Der Politikwissenschaftler Eugene Huskey erklärt in seinem Text „National Identity from Scratch: Defining Kyrgyzstan’s Role in the World“: „Kirgisistan hat damit nicht nur erstmals eine indigene Führung, eine eigene Staatsflagge und kulturelle Institutionen bekommen, sondern auch einen festen Platz auf der Weltkarte“. Über ein kollektives Gedächtnis oder nationales Bewusstsein verfügte man dennoch kaum, so Eugene Huskey weiter.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Kirgisistans 1991 musste das Land seinen Platz als eigenständiger Staat neu definieren und eine eigene kulturelle Identität entwickeln. Die Schwierigkeit bestand dabei darin, den Spagat zwischen dem bürgerlichen und ethnischen Nationalismus zu schaffen. Bei einer Volkszählung 1989 waren gerade einmal 53 Prozent der kirgisischen Bevölkerung ethnische Kirgisen, über ein Viertel der Bevölkerung hatte europäische Wurzeln. Insgesamt leben über 80 andere ethnischen Gruppen in Kirgisistan. Diese Situation ist mit der in anderen zentralasiatischen Staaten vergleichbar und erforderte es, einen Ausgleich zwischen den ethnischen Minderheiten im Land und der kirgisischen Ethnie zu schaffen.

Eine kirgisische Heldenerzählung

Dennoch setzte der erste Präsident Kirgisistans Askar Akajew, ebenso wie andere Präsidenten der Postsowjet-Republiken, auf Erfahrungen und Analogien aus der Vergangenheit und damit auf einen ethnischen Nationalismus. Neuere Geschichte und Erfahrungen aus der Sowjetzeit wurden dabei völlig verdrängt. Stattdessen knüpfte man an eine angebliche „vorsowjetische Identität“ an. Es kam zum Aufleben der kirgisischen Heldenerzählung – dem Manas-Epos. Erica Marat, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Central Asia-Caucasus Institute and Silk Road Studies Programm, erklärt in ihrem Text „Imagined Past, Uncertain Future: The Creation of National Ideologies in Kyrgyzstan and Tajikistan“, das Manas-Epos sei nicht nur die weltlängste Erzählung, sondern auch „poetischer Juwel der kirgisischen kulturellen Tradition“. Die Erzählung handelt von kriegerischen Auseinandersetzungen um den Helden Manas und spiegelt die kirgisischen Wertvorstellungen wie bspw. Toleranz, Respekt vor den Älteren oder Pflege der Jüngeren wider. 1995 wurde sogar das mutmaßliche tausendjährige Jubiläum der Geburt Manas gefeiert. Dennoch wurde diese Politik Akajews zur Wiederbelebung der kirgisischen kulturellen Identität um das Manas-Epos als aufgezwungen empfunden. „Die weniger ethno-zentrische Strategie des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts ‚Kirgisistan ist unsere Heimat’ sowie die Initiative ‚2.200 Jahre kirgisische Staatlichkeit’ wurden wesentlich beliebter aufgenommen“, erklärt die Wissenschaftlerin Erica Marat weiter.

Trotzdem scheint es, als ob die kirgisische Bevölkerung zunehmend zu ihren kulturellen Wurzeln zurückfindet: die kirgisische Sprache hat wieder Einzug in den Alltag gefunden, nachdem fast eine ganze Generation dieser Sprache nicht mehr mächtig war, zu Festen und Feiertagen werden wieder die traditionellen Kleidungen wie die Kopfbedeckungen Kalpak für Männer und Shökülo oder Elechek für die Frauen angelegt und althergebrachten Tänze aufgeführt.

Die Quelle symbolisiert das Leben

Syrga Abdullajewa hat – inzwischen zurück in Kirgisistan – einen traditionellen Tanzkurs besucht und sich mit Ornamenten, die die traditionelle Kleidung, Teppiche und Jurten in Kirgisistan verzieren, sowie mit deren Bedeutung beschäftigt. So weiß sie die Ornamente wie die Mutter oder die Tulpe, die oftmals auf den weiblichen Kopfbedeckungen zu finden sind, zu deuten. Sie stehen für Mutterliebe und Fürsorglichkeit sowie für Fruchtbarkeit. Der Kalpak, der entweder weiß für junge oder schwarz für ältere Männer ist, ist meist mit Ornamenten, die für die Gesellschaft oder für Helden stehen, verziert. Aber auch der Hund, der für Freundschaft steht und die Quelle, die für das Leben steht, sind oft zu finden. „Die typischen Ornamente sind meist noch durch phantasievolle Formen ergänzt, die jeden Kalpak, jeden Teppich und jede Jurte einmalig machen“, weiß Syrga inzwischen zu berichten.

Das Interesse von Syrga Abdullajewa an ihrer eigenen kirgisischen Kultur zeigt, dass es Kirgisistan inzwischen gelungen ist, eine kulturelle Identität zu entwickeln und dass sich Kirgisistan auf seine kulturellen Wurzeln als nomadisches Volk besonnen und diese wieder zum Leben erweckt hat.

Von Antje Pfeifer

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