Der Herbst ist eine schöne Jahreszeit. Und zugleich etwas traurig, weil die Vergänglichkeit deutlich wird, wenn die Blätter von den Bäumen fallen. So nimmt die Natur ihren Lauf, und wir schauen zu. Doch nicht alle. Frau Wagner schaut nicht nur zu, sie hilft der Natur.

Heute war Frau Wagner mächtig fleißig. Sie stand in ihrem Vorgarten und hat das Laub von ihrem Strauch gepflückt. Jedes Blatt einzeln. Vorsichtig und liebevoll. Ihr Sohn half. So wie man unter Verwandten gerne zusammen Obst pflückt. Doch Obstpflückaktionen machen Sinn. Man hat danach Früchte, die man zu Marmelade, Likör, Schnaps, Kuchen oder Kompott verarbeiten kann. Die Frage ist, wieso Blätter gepflückt werden, die sowieso im Müll landen. Ließe man sie von allein runterfallen, würde es weniger Mühe bereiten, weil man sie nur zusammenfegen und in einen Sack stecken müsste.

Nun ja, auch seltsame Erscheinungen haben ihren guten Grund. Man muss ihn eben nur ergründen. Das einfachste wäre, Frau Wagner zu fragen, warum sie das tut. Aber ein wenig gehemmt bin ich schon. Schade, dass ich kein vierjähriges Kind habe, das ich unauffällig vorschicken könnte. „Du, Frau Wagner, warum pflückst du die Blätter von den Sträuchern?“ Da mir derzeit kein vierjähriges Kind zur Verfügung steht, muss ich rätseln. Die vermeintliche Lösung ist sicherlich spannender als Frau Wagners tatsächliches Motiv. Vielleicht kann es Frau Wagner nicht ertragen, wenn sich das Laub unsystematisch auf ihrem Vorhof verteilt. Frau Wagner ist bekanntlich eine sehr ordnungsliebende Frau und auch im Garten hat alles eine strenge Geometrie. Und der Wagnersche Vorhofboden ist mit Platten ausgelegt, Pflanzen sind dort nicht vorgesehen, auch keine pflanzlichen Bestandteile, in diesem Fall: Blätter.

Oder Frau Wagner hat eine Raschel- und Knisterallergie, zumindest aber –aversion. Vielleicht ist ihr in ihrer Kindheit mal etwas Traumatisches passiert, und dabei hat es geraschelt. Vielleicht wurde sie als Neue an einer Schule gehänselt und schließlich geschubst, fiel dabei in einen Laubhaufen und das Rascheln der Pein und Schande tönt ihr noch heute unerträglich in den Ohren. Drum wird jedes Rascheln von vornherein ausgemerzt.

Oder Frau Wagner kann den Herbst nicht besonders leiden, weil es eine Übergangszeit ist, und Frau Wagner mag nur klare Strukturen, entweder warm oder kalt, Sommer oder Winter, belaubt oder kahl. Und darum schafft sie sich in ihrem Territorium ihre eigene Klarheit, wenn schon die Natur nicht dafür sorgt. Oder sie mag die Gelb- und Braunfärbung der Blätter nicht, weil sie Synästhetikerin ist und Synästethiker mit Farben bestimmte Begriffe verbinden. Vielleicht sind Gelb und Braun schmutzige Wörter, die sie selbstverständlich nicht im Hof hängen haben will. Man stelle sich vor, es kommt ein anderer Synästhetiker vorbei und fühlt sich beschimpft.

Oder Frau Wagner ist schlicht neugierig und sucht umständlich nach Anlässen, um sich in ihrem Hof zu tummeln, um das Geschehen vor ihrem Hof zu beobachten. Wie im Fenster zum Hof. Und da es sehr lange dauert, viele Blätter einzeln abzuzupfen, kann man viele Dinge beobachten. Wer weiß, vielleicht hat Frau Wagner durch ihre Umsicht und Aufsicht schon etliche Verbrechen aufgeklärt. Die Miss Marple von Lövenich!

Oder aber Frau Wagner hat im Gegensatz zu uns den neuesten Fachartikel in einer wissenschaftlichen Gartenzeitschrift nicht verpasst, der besagt, dass in den Blättern giftige Stoffe sind, die sich entfalten, sobald das Blatt mit voller Wucht auf dem Boden aufprallt. Diese Giftstoffe führen langsam aber sicher zu gefährlichen Krankheiten. Wenn ich jetzt so recht überlege, es gibt viele gute Gründe, die Blätter einzeln vom Strauch zu pflücken. Frau Wagner wird schon wissen, was sie tut.

Julia Siebert

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