Ein Video über ein bedrohtes Inselvolk, Porträts von jungen Menschen in Grönland, Fotos von Frauen in Belarus: Die diesjährigen Absolventen der Fachhochschule Bielefeld der Fachbereiche Fotografie, Grafik und Mode hat es für ihre Abschlussprojekte in die entlegensten Winkel der Welt verschlagen. So auch Julia Steinbrecht, die in ihre ehemalige Heimat Kasachstan reiste. Dort begab sie sich auf die Suche nach jungen Menschen, die sich zwischen Tradition, Postkommunismus und Moderne ihren Weg suchen.

/Bild: Julia Burkhart. ‚Sieben Wochen Kasachstan, sechzehn Geschichten von jungen Menschen: Julia Steinbrecht vor ihren Porträtfotos.’/

Julia Steinbrecht rinnt der Schweiß über die Stirn. Den anderen Besuchern, die sich an diesem heißen Julitag in der Fachhochschule Bielefeld aufhalten, geht es nicht anders. Sie sind gekommen, um sich die diesjährigen Abschlussarbeiten anzuschauen, unter anderem auch „Frei schwimmen“, Julias Fotoprojekt über junge Menschen in Kasachstan. Julia seufzt und fächert sich Luft zu: „Meine Gesichtsfarbe passt zum roten Kleid. Das hab ich mir gestern schnell noch gekauft, ich hatte vorher ja keine Zeit.“ Es verrät einiges über die Zeit, die Julia hinter sich hat. Ende Mai war sie aus Kasachstan zurückgekommen. Im Koffer hatte sie drei Kameras, Filmrollen und einen USB-Stick mit Fotos. Ihr Kopf war voller Geschichten von jungen Menschen, die in einem Land leben, das sie selbst vor siebzehn Jahren verlassen hat.
Als Kasachstan 1990 seine Unabhängigkeit erhielt, traf den jungen Staat das gleiche Schicksal wie alle ehemaligen Sowjetrepubliken: Wirtschaftliches und gesellschaftliches Chaos brach aus, niemand wusste so recht, was die Zukunft bringen würde. Wie viele Deutsche in Kasachstan zu dieser Zeit, entschlossen sich auch Julias Eltern, die unsichere Heimat zu verlassen, um eine bessere Zukunft im Land ihrer Vorfahren zu suchen. Die Familie packte 1993 ihre Koffer, verabschiedete sich von den Freunden in Taras und flog nach Deutschland. Ihre erste Wohnung bezog die zehnjährige Julia mit ihren Eltern und zwei Geschwistern in Bad Essen bei Osnabrück. Sie wiederholte die vierte Klasse, lernte schnell die Sprache, ging aufs Gymnasium und machte 2003 Abitur. Danach zog sie alleine nach Bielefeld, um dort an der Fachhochschule Fotografie zu studieren. „Ich habe fotografiert, seit ich mit elf Jahren eine kleine Knipse bekommen hatte. Eigentlich wollte ich eher Informatik studieren, fand den Unterricht in der elften Klasse aber eher öde. Und das Fotografie-Studium hat sich super interessant angehört.“

Bitte keine Poser-Fotos

Im Jahr 2009 fing die Nachwuchsfotografin an, über ihre Diplomarbeit nachzudenken. Schon lange hatte sie mit dem Gedanken gespielt, in das Land ihrer Kindheit zu fahren, um zu sehen was sich dort verändert hat. Sie wollte sehen, was aus ihrer Generation geworden ist und wie ihr Leben vielleicht verlaufen wäre, wäre sie dort geblieben. Die Idee, eine solche Reise mit der Diplomarbeit zu verbinden, drängte sich da geradezu auf. „Viel zu gefährlich!“ „Als Frau alleine durch Kasachstan reisen – auf keinen Fall!“ – die Reaktionen aus ihrem Umfeld waren nicht besonders motivierend. „Ich war verunsichert. Andererseits gab es auch Menschen, die mich dazu ermutigt haben“, erzählt Julia. Nachdem sie das Buch „Ritas Leute“, das die Familiengeschichte einer jungen Russlanddeutschen aus Karaganda erzählt, gelesen hatte, stand ihr Entschluss zu fahren fest.

Also besserte sie ihr Russisch, das in ihrem „deutschen“ Leben ein wenig eingerostet war, auf und flog Anfang April 2010 nach Almaty. Unterschlupf fand sie bei alten Freunden ihrer Eltern. Vor allem durch sie und die Deutsch-Kasachische Universität kam sie schnell in Kontakt mit gleichaltrigen Einheimischen. „Die Menschen empfand ich überwiegend als herzlich und unkompliziert, in den kleineren Orten jedoch zunächst eher misstrauisch, vor allem wenn ich offen auf der Straße fotografiert habe“, erzählt Julia. „Was manchmal etwas blöd war – die Menschen in Kasachstan sind es gewohnt, sofort zu posieren, wenn sie fotografiert werden. Das wollte ich nicht.“ Auch mit technischen Schwierigkeiten hatte sie zu kämpfen: „In Kasachstan wird kaum noch analog fotografiert, erst recht nicht mit Mittelformatkameras auf entsprechenden Rollfilmen. Das heißt, es gibt so gut wie kein Filmmaterial zu kaufen und auch entwickeln lassen sollte man es nur im Notfall oder zu Testzwecken.“

Härter, aber freier

Sieben Wochen Kasachstan, sechzehn Geschichten von jungen Menschen und Gigabytes von Fotodateien: Vom Designer Ruslan, der aus einem kleinen Dorf im Norden Kasachstans stammt, gerade in Almaty wohnt, aber sein Glück in St.-Petersburg versuchen möchte. Von Bota, die in Almaty geboren ist und zusammen mit ihrem siebenjährigen Sohn bei ihren Eltern wohnt und sagt, dass das Leben nach dem Zerfall der Sowjetunion härter wurde, aber auch freier und einfacher für Künstler. Von Aelita, die Psychologie in den USA studiert hat und jetzt in Taras Englischunterricht gibt, weil in Kasachstan kaum jemand zum Psychologen geht. Von den Schwestern Gulnara und Gauchar, die erzählen, dass die Zeit des Umbruchs schwierig für ihre Eltern war, sie selber hätten aber positive Erinnerungen. Sie seien frei von Idealen aufgewachsen und deshalb auch freier in ihrem Denken.

Die Porträts dieser jungen Kasachstaner hängen nun an der Wand im vierten Obergeschoss der Fachhochschule Bielefeld. Ihre Geschichten können die Besucher in Julias Diplombuch nachlesen, das auf einem Pult neben der Wand liegt. Im Vorwort steht: „Der Ausdruck ‚sich im freien Schwimmen befinden‘ wird gerne von der jungen Generation in Kasachstan verwendet, um ihren Zustand zu beschreiben. Es handelt sich hierbei um einen Zustand zwischen etwas Abgeschlossenem und etwas Neuem, Zukünftigem.“ Julia selbst befindet sich nach ihrer Diplomarbeit auch im freien Schwimmen, einen Job hat sie noch nicht. Das ist an diesem Tag aber noch nicht wichtig: Abends auf der Diplomparty im Keller der Fachhochschule tanzt sich Julia mit ihren Freunden und ein paar Bier erst einmal die Anspannung der letzten Monate weg.

Von Julia Burkhart

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