Gedichte | Julian Malte H. Schindele

Hochturm

Unheimliche Transformatorenhallen
Kein Rad der Zeit, sondern Räder ungeleiteter Energie
greifen stumm ineinander.

Nichts Mensch, sondern ehernde Mechanik, in Deiner Vorstellung Chrom.
Nichts je gewesen außer diesem Bild platzender und wieder zusammengenähter Wortgebilde.
Unzureichend, scheitern müssend, und doch einziger Anker auf dieser Reise ohne Sterne mit Namen.

Natur allein, wüstfruchtbar grausam und öde,
einsam empfangend gebärend,
gibt zu erkennen sich als windende Wiedergeburt.

Der Zyklus, selbst Antlitz des Du, kennt keine Menschen;
wie glücklich können wir uns schätzen,
dass dies nicht die unsrige Dimension ist.

Wir brauchen den Götzen, atmen zu können.
Erst der Vieltanzende lässt sehen und uns die Erde untertan werden.

Dezember 2015 und Januar 2016, Lykien

Ein Wort

Ein Wort, eine Grube
Randend lass einen Eimer hinab.

Ein Wort, ein Schlüssel.
Vergessen magischer Entzückung
göttlicher Entsprechung.

Ein Wort, ein Fluss.
ob-wohl-voll der Bewegung,
siehst Du es ruhig und still.

Ein Wort, ein Tor.
Hochturm auf ein reich gedecktes,
unentdeckbares Land.

Ein Wort, ein Nest.
Seine Bedeutung der Vogel
der kommt und geht.

Aus seinen Schwingen fallen
die Jahrtausende.

Ein Wort, ein Kind
seines eigenen Brauchtums,
sieh, wie es aufwächst.

So grüßt uns der Chor
der singenden Toten

11. Januar 2016, Lykien