Nach der Oktoberrevolution verbannten die neuen Machthaber religiöses Leben aus der Öffentlichkeit. Eheschließungen wurden so zu einem reinen Verwaltungsakt. Damit die Menschen trotzdem feiern konnten, entstanden neue passende Orte: die Hochzeitspaläste.

Der ewige Kreislauf des Lebens lässt sich auch in Krisenzeiten nicht aufhalten – weder durch Kriege noch durch Pandemien. Geburt, Hochzeit und Tod finden zu jeder Zeit und in jeder Kultur der Welt statt. Sie gehören zu den wichtigsten sozialen Ereignissen und zu den Konstanten einer jeden Gesellschaft. Während der Mensch sowohl auf die eigene Geburt als auch auf den Tod eher wenig Einfluss hat, lässt sich zumindest die eigene Hochzeit in den meisten Fällen mehr oder minder gut planen.

Wie sehr das Hochzeitsgewerbe unter der noch immer anhaltenden Corona-Quarantäne zu leiden hat, kann man an dieser Stelle nur vermuten. Die übermäßig großen, weißen Hochzeitslimousinen, die in normalen Zeiten zum allsamstäglichen Stadtbild auch von Almaty gehören, sind jedenfalls momentan nicht zu erblicken. Doch selbst wenn viele junge Paare zumindest auf die ausschweifende Hochzeitsparty verzichten müssen, entscheiden sich einige trotz allem für die Registrierung ihrer Ehe.

Auch Sowjetbürger wollten ordentlich feiern

In vorrevolutionären Zeiten waren es die religiösen Institutionen, die die Schließung des sogenannten heiligen Bundes der Ehe in ihren Kirchen und Moscheen vornahmen. Nach der Oktoberrevolution verbannten die neuen Machthaber religiöses Leben systematisch aus der Öffentlichkeit. Die Hochzeit wurde ein Verwaltungsakt, der aus den Unterschriften der Brautleute und jeweils einem Trauzeugen in einer tristen Behördenschreibstube bestand.

Doch auch Sowjetbürger wollten sich die festliche Stimmung an einem solch bedeutenden Tag nicht nehmen lassen. So entstanden ab den 1960er Jahren neue, sowjetische Kathedralen im ganzen Land, die sogenannten Hochzeitspaläste. Jedes dieser Gebäude besitzt seine eigene, ganz spezifische, extravagante Architektur. Die Hochzeitspaläste in der Sowjetunion gehören gemeinhin mit zum Besten, was die moderne Architektur in der Nachkriegssowjetunion hervorgebracht hat. Und ihr einziger Zweck war es, dem zivilrechtlichen Akt der Eheschließung das passende festliche Ambiente zu liefern.

Viel kasachische Symbolik

In Alma-Ata entstand der Hochzeitspalast im Jahr 1971 nach Plänen der Architekten M. Mendikulow und A. Lennik. Das zweistöckige Gebäude ist kreisrund. Auf dem Dach ist ein zweiter, kleinerer Zylinder aufgesetzt, durch den Sonnenlicht ins Innere fällt. Dies soll zwei ineinander liegende Hochzeitsringe symbolisieren. Die großen Fassadenfenster liegen hinter Metallzierelementen, die von der kasachischen Ornamentik beeinflusst. Sie verleihen dem ganzen Gebäude eine gewisse Leichtigkeit.

Im Innern führt eine große Freitreppe auf den Balkon der zweiten Etage. Dort befand sich ursprünglich ein Wandpanorama des Künstlers M. Kenbajew, welches Kasachen in Nationaltracht und mit Volksinstrumenten zeigte. Dieses Panorama wurde noch in den späten 1980er Jahren zerstört, sowie das gesamte modernistische Interieur. Seitdem soll die Inneneinrichtung mithilfe von viel Kitsch eine kasachische Jurte darstellen.

Viele Kunstwerke verloren gegangen

Ein Großmosaik von Kenbajew und dem Monumentalkünstler N. Ziwtschinski auf der Rückseite des Gebäudes, welches ein junges Paar in kasachischer Tracht zeigt, ist teilweise erhalten. Ein Relief am Vordereingang wich erst vor einigen Jahren einem neuen Mosaik. Obwohl der Hochzeitspalast bereits seit 1979 auf der Liste der Architekturdenkmäler Almatys steht, sind viele Kunstwerke und das originale Interieur durch zahlreiche misslungene Renovierungen verloren gegangen. Aber das Gebäude in seiner Gesamtwirkung ist Almaty glücklicherweise erhalten geblieben. Auch heiraten kann man dort wieder.

Hochzeitsfeiern im modernen Kasachstan spielen sich heute irgendwo zwischen alten, zentralasiatischen Traditionen, den sowjetischen Heiratsbräuchen und einem gewissen, modernen Hochzeitskitsch ab. Der traditionelle, zentralasiatische Brautraub allerdings, wie er gelegentlich noch in Kirgisistan passiert, bleibt jungen Kasachinnen heutzutage glücklicherweise erspart. Die weißen Hochzeitslimousinen werden jedoch schon bald wieder die Straßen der Stadt verstopfen, davon kann man ausgehen. Geheiratet wird immer, egal wie die Zeichen der Zeit stehen.

Philipp Dippl

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