„Kaum jemand weiß, wer wir sind“

Konferenz Russlanddeutsche
Albina Nazarenus-Vetter (3. v.l.), Geschäftsführerin der Deutschen Jugend aus Russland und Vorsitzende des Netzwerks „Aussiedler in der CDU Hessen“ zusammen mit Dr. Bernd Fabritius (2. v.l.), Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, und weiteren Teilnehmern an der Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung. | Foto: Lars Welding

Stereotypen und Vorurteilen sehen sich derzeit erneut viele Russlanddeutsche ausgesetzt. Im Zuge der Bundestagswahl 2017 wurden sie medial an den politisch rechten Rand gedrängt. Eine Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung ging diesem Bild auf den Grund.

Anfang der Neunziger ist der Russlanddeutsche ein Trunkenbold, der sich in Russendiskos rumtreibt und gern mal für Ärger sorgt, so der damals öffentlich vermittelte Eindruck. Dann wird es ruhig um ihn. Zwanzig Jahre lang. In dieser Zeit integriert sich der Russlanddeutsche, wird unauffällig. 2016 bringt ihn erst die Vergewaltigungslüge der russlanddeutschen Schülerin Lisa wieder in die Medien. Dann, vor der Bundestagswahl, das große Interesse der rechtspopulistischen AfD an ihm.

Die bekanntesten Beiträge schieben den Russlanddeutschen an den politisch rechten Rand und lassen gedanklich an Stereotype der neunziger Jahre anknüpfen. Doch wer ist dieser Russlanddeutsche überhaupt? Und wie homogen ist die Gruppe der 2,4 Millionen Deutschstämmigen aus der ehemaligen Sowjetunion, die heute in Deutschland leben? Eine Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung widmete sich Anfang Mai in Köln diesen und anderen Fragen, um mit Klischees, Stereotypen und Pauschalisierungen zu brechen.

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Geschichte der Russlanddeutschen ist Teil der deutschen Geschichte

„Kaum einer weiß, wer wir sind und warum wir hier sind“, sagt Albina Nazarenus-Vetter, Geschäftsführerin der Deutschen Jugend aus Russland und Vorsitzende des Netzwerks „Aussiedler in der CDU Hessen“. Es fange schon beim Begriff an: „Deutsche aus Russland“, „Spätaussiedler“, „Russlanddeutsche“ oder „Deutschrussen“ bezeichnen nur ungenau und teils unterschiedliche Gruppen. Eindeutiger ist die Rechtslage: Mitglieder der deutschen Minderheiten in Osteuropa haben das Recht als Aussiedler beziehungsweise seit 1993 als Spätaussiedler in der Bundesrepublik aufgenommen zu werden. Dieses Recht ist im Bundesvertriebenen- und Flüchtlingsgesetz aus dem Jahr 1953 verankert.

Konferenz Russlanddeutsche
Dr. Viktor Krieger von der Universität Heidelberg bei der Podiumsdiskussion „Nur Klischees und Stereotypen? Das Bild der Russlanddeutschen in den deutschen Medien“. | Foto: Lars Welding

Doch russlanddeutsche Aussiedler erhalten nicht allein wegen ihrer deutschen Abstammung eine Einreisegenehmigung und den deutschen Pass. „Sondern, weil sie als deutsche Minderheit in den osteuropäischen Staaten an den Kriegsfolgen des zweiten Weltkrieges gelitten haben“, sagt Viktor Krieger. Dazu gehören die Deportation aus deutschen Kolonien, Inhaftierung, Zwangsarbeit oder beispielsweise Diskriminierung als Deutschstämmige bis spät in die 1980er Jahre. Der promovierte Historiker von der Universität Heidelberg betont, dass der Status der Russlanddeutschen aus moralischer und politischer Verpflichtung Nachkriegsdeutschlands entstanden ist. Das werde oft vergessen und es hieße nicht selten: „Ihr habt einfach Glück, deutsche Vorfahren zu haben.“

Die Geschichte der Russlanddeutschen als Teil der deutschen Geschichte findet bislang kaum Beachtung in deutschen Geschichtsbüchern. Dabei wäre dieses Wissen wichtig, damit Bundesdeutsche mögliche Vorurteile gegenüber Russlanddeutschen abbauen und so deren Integration erleichtern. Auch ein Teil der Russlanddeutschen selbst weiß nur wenig über beispielsweise die Umstände, unter denen ihre Eltern oder Großeltern im Rahmen des Zweiten Weltkrieges aus deutschen Kolonien deportiert wurden. „Wenn man seine Vergangenheit und die eigene Geschichte nicht kennt, ist es schwierig, den Weg in einer neuen Heimat zu finden“, sagt Nazarenus-Vetter. Sie wurde in Russland geboren, kam mit 20 Jahren als Spätaussiedlerin nach Deutschland und kennt die Fragen nach Identität und dem Platz in der deutschen Gesellschaft genau.

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Realität versus Wahrnehmung

Viele Russlanddeutsche haben ihn nach den Herausforderungen der ersten Jahre gefunden, diesen Platz in der deutschen Gesellschaft. Mehrere Studien belegen, dass sich Russlanddeutsche seit der großen Einwanderungswelle Anfang der 1990er gut integriert haben. „Trotzdem haben einige Bundesdeutsche noch immer Vorurteile“, sagt Jannis Panagiotidis, Professor für die Migration und Integration der Russlanddeutschen am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. Durch die Berichterstattung über Russlanddeutsche in Zusammenhang mit dem Fall Lisa und der rechtsgerichteten Partei AfD sei ein Zerrbild von dieser Gruppe entstanden, das sich mit alten Bildern mischt. Die den Russlanddeutschen zugewiesene Affinität zu Putin und Russland stärken diese Vorurteile zusätzlich. Das medial aufgebaute Bild steht dabei meist in krassem Kontrast zur Realität und der eigenen Wahrnehmung, findet Waldemar Eisenbraun: „Da schlägst du die Zeitung auf und liest, was du als Russlanddeutscher alles bist“, sagt er. Als Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland setzt er sich für ein differenziertes Bild seiner Landsleute ein.

Auch eine kürzlich erschienene und repräsentative Studie der Universitäten Duisburg-Essen und Köln rückt das Bild von der politischen Einstellung der Russlanddeutschen langsam wieder gerade. Sie untersuchte das Wahlverhalten von Migranten in Deutschland bei der Bundestagswahl im Herbst 2017 und widerspricht dem zuvor medial verbreiteten Bild über Russlanddeutsche als AfD-Anhänger. Laut Studie sind die beliebtesten Parteien bei den Russlanddeutschen mit 27 Prozent noch immer  CDU und CSU. Gefolgt von der Linkspartei mit 21 Prozent und der AfD mit nur 15 Prozent an dritter Stelle.

„Problematisch ist nicht die angeblich hohe Zustimmung für die AfD unter den Russlanddeutschen“, sagt Leiter der Studie Professor Achim Goerres. „Hier unterscheiden sie sich kaum von dem Bundesdurchschnitt.“ Denn nicht Herkunft entscheide über eine Präferenz für rechtsgerichtete Parteien wie die AfD, sondern Faktoren wie die eigene Lebenssituation oder Erwartungen an die Zukunft. Problematisch sieht Goerres jedoch die niedrige Wahlbeteiligung der Russlanddeutschen, die 2017 bei nur 58 Prozent und somit 18 Prozentpunkte unter dem bundesdeutschen Durchschnitt lag. Die Gründe dafür müssen in weiteren Studien erforscht werden. Eine mögliche Erklärung ist die sowjetische Sozialisierung, bei der ein autoritär-paternalistischer Staat zur Unmündigkeit erzogen hat. Dass die Linkspartei in dieser Gruppe so gut abgeschnitten hat, erklärt der Wissenschaftler unter anderem mit einer gewissen Sowjetnostalgie, der ältere Russlanddeutsche anhängen.

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Politische Teilhabe notwendig

Konferenz Russlanddeutsche
Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veranstaltete am 2. und 3. Mai 2018 die Fachtagung „Perzeption, Partizipation, politische Bildung“ in Köln. Thema war die politische Teilhabe und die öffentliche Wahrnehmung der Deutschen aus Russland und russischsprachiger Gruppen in Deutschland. | Foto: Lars Welding

Müssen Parteien Russlanddeutsche nun in besonderer Weise ansprechen, um sie zu aktiven Mitgliedern oder zumindest Wählern zu machen? Die Antworten hierauf fielen im Rahmen der Podiumsdiskussionen unterschiedlich aus. Es herrscht der Eindruck, dass es für Menschen, deren Eltern oder die selbst nicht in Deutschland geboren wurden, schwieriger sei als für Einheimische Karriere in Parteien und Institutionen zu machen. „Parteien müssen sich mehr öffnen und gerade für junge Russlanddeutsche mehr Programme anbieten, die sie fördern und für Demokratie begeistern“, sagt Nazarenus-Vetter. Goerres sieht zwei Themen, die für Russlanddeutsche besondere Relevanz haben: die Anerkennung der im Ausland erworbenen Schul- und Berufsabschlüsse sowie eine „Beseitigung von Benachteiligungen bei den Rentenansprüchen“.

Der stellvertretende Vorsitzende des Osteuropazentrums in Berlin, Dmitri Stratievski, findet: „Um Russlanddeutsche auf politischer Ebene zu erreichen, geht es nicht um die richtige Wahl der Themen, sondern der Ansprache.“ Diese spielt für die Generation der Russlanddeutschen, die im Kindesalter nach Deutschland kamen und sich kaum von den Bundesdeutschen unterscheiden, hingegen keine Rolle. Sie erwarten oftmals keine besondere Ansprache oder Themenwahl von Parteien, so eine Stimme aus dem Publikum, sondern lehnen eine Ansprache zum Beispiel auf Russisch sogar ab.

„Integration ist erst erreicht, wenn politische Teilhabe erfolgt“, sagt Nazarenus-Vetter. Soweit sei man leider noch lange nicht. Das wird auch in der niedrigen Zahl der Russlanddeutschen deutlich, die im Bundestag vertreten sind. Im Moment sind es nur zwei. Doch müssten es 21 sein, da Russlanddeutsche drei Prozent der Bevölkerung Deutschlands ausmachen. Hier sei noch viel Potential, so die einhellige Meinung der Redner. Um eine Integration aller Russlanddeutschen zu ermöglichen, müssten Maßnahmen und echtes Interesse aus Politik, Bildung und Kultur erfolgen.

Tagungen wie die der Bundeszentrale für politische Bildung geben Deutschen aus Russland und russischsprachigen Gruppen in Deutschland eine Plattform, um sich politisch zu engagieren und miteinander zu vernetzten. „Wir möchten außerdem zu einem ausgewogeneren öffentlichen Diskurs beitragen“, sagt Felix Riefer, der die Veranstaltung gemeinsam mit Christoph Müller-Hofstede organisiert hat. Damit künftig nicht eine kleine Gruppe der Russlanddeutschen die öffentliche Diskussion und somit das Bild einer heterogenen Großgruppe präge. „Folglich werden natürlich auch innerhalb der Gruppe der Russlanddeutschen verschiedenste Ansichten vertreten. Auffällig ist jedoch, dass die Vertrautheit mit den politischen Akteuren sowie dem politischen System in Deutschland insgesamt doch ausbaufähig ist. Das sieht man zum Beispiel auch an der geringen Wahlbeteiligung“, sagt der Politologe.