„Als wir gingen, nahmen wir alles mit“

Viele Deutschstämmige haben Kasachstan verlassen.
Eines der letzten Häuser in dem Dorf Ostrownoje. | Foto: Autorin

Die meisten Deutschstämmigen verließen Kasachstan nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Nur wenige von ihnen, die heute in Deutschland leben, interessieren sich noch für ihr Geburtsland. Warum das so ist, beschreibt die Kasachstandeutsche Irina Peter.

Was hätte ich dafür gegeben, wenn mein Geburtsort Heidelberg oder Hamburg geheißen hätte. Stattdessen musste ich immer erklären, wo dieses Tselinograd liegt, warum ich so gut Deutsch kann und wieso ich gar nicht wie eine Kasachin aussehe. Meine Herkunft war mir peinlich. Ich war schon in Kasachstan Deutsche und hieß auch dort schon Peter mit Nachnamen, hatte aber hier in Deutschland das Gefühl es jedem beweisen zu müssen.

Heute sage ich mit Stolz: Ich wurde in Kasachstans Hauptstadt Astana geboren. Wir gehörten dort zur deutschen Minderheit. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wanderten alle Deutschstämmigen unseres Dorfes aus. Mein Vater, der Veränderung hasst und sich lange gegen einen Ausreiseantrag wehrte, sagte eines Tages: „Den Letzten beißen die Hunde.“ So kam ich 1992 mit neun Jahren nach Baden-Württemberg.

Hier bemühte ich mich darum, keine Fragen zu meinem Geburtsland aufkommen zu lassen. Ich verbot meinen Eltern, im Auto russische Musik zu hören. Die Teetassen mit sowjetischem Muster versteckte ich, wenn deutsche Freunde zum Spielen kamen. Zu essen sollte es nur noch typisch deutsche Gerichte geben, bloß nicht die verräterischen Pelmeni oder gar Beschbarmak, Kasachstans Nationalgericht.

Kasachstan war mir egal. Bis ich mich für ein Studium entscheiden musste. Ich konnte kaum noch Russisch und begriff, dass ich die Sprache bald ganz verlieren würde. Ich entschied mich neben Romanistik und Psychologie für Slavistik. Die intensive Beschäftigung mit der russischen Sprache weckte viele Kindheitserinnerungen und das Interesse an meinem Geburtsland.

Während sich die meisten in meiner Familie noch immer nicht für Kasachstan interessieren und freiwillig keinen Fuß in das Land setzen würden, war ich seit 1992 bereits zweimal dort. Jedes Mal, wenn ich mich dann mit Kasachen unterhielt, wollten sie wissen, ob ich eine Deutsche aus Deutschland oder eine von „ihren Deutschen“ sei. Mit Stolz sagte ich dann „eure Deutsche“. Sie gruben dann ganze Sätze auf Deutsch heraus und erzählten mir von ehemaligen Nachbarn, die nach der Wende nach Deutschland gingen.

Irgendwas zieht mich immer wieder zurück in die nordkasachische Steppe, in die meine Großeltern 1936 von Stalin deportiert wurden. „Was willst du dort?“, fragen mich vor allem meine älteren Verwandten. Sie selbst verbinden eine schwierige Kindheit mit dem Land und ihrem Dorf. In der Sondersiedlung für Deportierte und Entrechtete mussten sie oft hungern, viele starben hier, andere kamen in Arbeitslager. Als die Kommandantur, unter der die Deutschen standen, 1956 aufgehoben wurde, verbesserte sich ihr Leben zwar. Aber als Deutsche blieben wir für viele Sowjetbürger trotzdem „Faschisten“. Selbst während meiner Schulzeit Anfang der 1990er Jahre war das ein gängiges Schimpfwort für uns Deutsche.

Angeblich war er der erste Deutsche, der auf dem Friedhof in Ostrownoje 1936 beerdigt wurde: mein Urgroßvater Eduard Peter.
Angeblich war er der erste Deutsche, der auf dem Friedhof in Ostrownoje 1936 beerdigt wurde: mein Urgroßvater Eduard Peter. | Foto: Autorin

Meine Mutter sagt: „Als wir gingen, nahmen wir alles mit. Nicht nur die Dinge, die wir in unsere Koffer packten.“ Nichts verbinde sie mit dem Land. Nur an den Friedhof denke sie voller Schmerz. Auch mein Herz wollte fast zerspringen als ich 2013 am Grab meiner Großeltern stand. Stundenlang riss ich das meterhohe Unkraut rund um ihre Grabsteine heraus. Eine sinnlose Arbeit, denn die Steppe holt sich Stück für Stück immer mehr vom Friedhof und dem verlassenen Dorf meiner Großeltern zurück. „Wird sich in zwanzig, dreißig Jahren noch jemand an die Deutschen in Kasachstan erinnern?“ Als ich mich das fragte, sprach mich ein älteres Paar an, das Blumen an ein anderes Grab gelegt hatte. Sie fragten mich, ob ich eine Peters-Tochter sei. Sie hatten meine Mutter in mir erkannt.

Ich verstehe es, wenn viele Kasachstandeutsche, die sich mühevoll in Deutschland integriert haben, nichts mit ihrem Geburtsland zu tun haben möchten. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen, zu wichtig das Dazugehören in der neuen Heimat. Aber irgendwie finde ich das auch schade. Denn Deutschland und Kasachstan verbinden fast eine Million persönlicher Geschichten. So viele Deutschstämmige wanderten nämlich seit dem Fall der Mauer aus dem ehemals sowjetischen Land aus.

Können wir denn aus dieser Verbindung nicht etwas machen, das die Menschen in Europa und Zentralasien näher zusammenbringt? Denn wenn wir die Vergangenheit vergessen und einander ignorieren, laufen wir Gefahr, dass sich Fehler wiederholen. Ich jedenfalls freue mich auf meinen nächsten Besuch in Kasachstan. Auf die endlose Weite, den tiefblauen Himmel und die sehr herzlichen Menschen, die deine Hand beim Begrüßen mit beiden Händen umfassen. Das fühlt sich gut an.