Russlanddeutsche: Migranten aus dem (post-)sowjetischen Raum

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel im Gespräch mit Vertretern der Russlanddeutschen
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel im Gespräch mit Vertretern der Russlanddeutschen | Quelle: Bundesregierung / Sandra Steins

Vor der Bundestagswahl im September 2017 wurden Russlanddeutsche in deutschen Medien häufig pauschal als AfD-Anhänger präsentiert. Diesem Bild widerspricht eine kürzlich erschienene Studie der Universitäten Duisburg-Essen und Köln zum Wahlverhalten von Migranten in Deutschland.

Anfang Januar gingen geschichtsbewusste Russlanddeutsche in Köln auf die Straße. Eine kleine Supermarktkette vertrieb einen „Stalin-Wein“ in ihren Filialen. Das Konterfei des sowjetischen Diktators Josef Stalin zierte die Flasche eines lieblichen Rotweins aus Georgien. Millionen von Menschen wurden während der totalitären Herrschaft des Sowjetdiktators ermordet oder deportiert. Darunter auch die Deutschen des Sowjet-imperiums, die ab dem 18. Jahrhundert als Kolonisten in das Zarenreich übersiedelten.

Die Demonstranten konfrontierten die Geschäftsführung der Supermarktkette mit diesen Tatsachen. Keine Reaktion. Schließlich griffen einige Medien diese Story auf. „Mein Ur-Opa wurde damals von Stalins Männern getötet. Es darf nicht zur Normalität werden, dass Massenmörder als Werbemittel dienen“, sagte einer der Demonstranten dem Kölner Express. Der Wein wurde schließlich aus dem Sortiment genommen. Die überschaubare mediale Resonanz war Druck genug.

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Wider dem Bild der AfD-Anhänger

Die jüngst veröffentliche Studie zum Wahlverhalten von Deutschtürken und Russlanddeutschen der Universitäten Duisburg-Essen und Köln bekommt ebenfalls nur verzögert die benötigte mediale Aufmerksamkeit. Dabei ist es die erste Studie, die durch ihren Umfang und Methode, repräsentativ ist.

Entsprechend ist der Nachrichtenwert enorm. Mehr noch – die Migrantenwahlstudie widerspricht dem zuvor medial verbreiteten Bild über die Russlanddeutschen als pauschale AfD-Anhänger. Schließlich kam die Linkspartei mit 21 Prozent bei den Russlanddeutschen auf Platz zwei. Gleich nach der CDU/CSU, die mit 27 Prozent die beliebteste Partei bei den Russlanddeutschen ist. Die AfD kam mit 15 Prozent erst an dritter Stelle. Die FDP sowie die SPD erreichten beide zwölf Prozent, die Grünen acht. Die Wahlbeteiligung lag nur bei 58 Prozent.

„Vor allem bei den Russlanddeutschen hat mich überrascht, wie polarisiert sie sind“, sagte Dennis Spies, einer der Studienleiter, gegenüber tagesschau.de. „Vor der Bundestagswahl gab es einen unheimlichen Hype um das Verhältnis der Russlanddeutschen zur AfD. Das war völlig überzogen“, kommentierte sein Kollege Achim Goerres im Interview mit der Deutschen Welle . Die emotional und häufig unreflektiert geführte Debatte könnte nun durch die Ergebnisse der Migrantenwahlstudie versachlicht werden.

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Ethnonationale Identität sekundär

Die Studie von Goerres und Spies subsumiert alle wahlberechtigten Migranten aus dem postsowjetischen Raum unter dem Begriff „Russlanddeutsche“. Somit waren nicht nur ethnische Deutsche (Spät-)Aussiedler, sondern auch Vertreter anderer Ethnien wie etwa Russen oder Ukrainer unter den Befragten.

Statistik

Hierzu muss gleichzeitig angemerkt werden, dass auch die Familienangehörigen der als russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler in die Bundesrepublik eingereisten Menschen, die anderer Ethnizität waren, bei ihrer Migration häufig ebenfalls unter dieser Klassifizierung eingruppiert worden sind.

Die Fokussierung auf die ethnonationale Identität, die von einigen Aussiedler-Verbänden häufig für solche Erhebungen gefordert wird, ist von daher für das Wahlverhalten und die statistische Repräsentanz sekundär. Zumal den überwiegenden Großteil der wahlberechtigten Migranten aus dem (post-)sowjetischen Raum russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler ausmachen.

Auch erscheint manchen Aussiedler-Verbänden die Migrantenwahlstudie unschlüssig, da sie behaupten „ihre Landsleute“ zu kennen und keine „Linkslastigkeit“ zu vernehmen. Es ist jedoch wenig überraschend, dass sich politisch links orientierende Menschen nicht vermehrt in ethnonational definierten Vereinen engagieren.

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Unterdrückung aufgrund ethnischer Zugehörigkeit

Gleichzeitig ist es ungerecht den „Deutschen aus Russland“ ihre ethnonationale Identität mit dem üblichen bundesdeutschen Unbehagen auf das „Deutsch-sein“ zu bewerten, oder gar nicht erst anzuerkennen. Die Aufregung über den „Stalin-Wein“ lässt nur erahnen, was diese Menschen durchmachen mussten. Deutsche und andere Ethnien wie etwa die Krim-Tataren wurden in der Sowjetunion aufgrund ihrer Ethnizität ermordet und deportiert. So entstand schrittweise eine Schicksalsgemeinschaft von Menschen, die zuvor nicht besonders viel verband. Schließlich lebte man unabhängig voneinander in verschiedenen Teilen des Russischen Reichs. Auch die ethnisch-hierarchisch organisierte Gebietsverwaltung und die Zuordnung zur Ethnie im Personalausweis in der späteren Sowjetunion spielte eine Rolle bei der Verfestigung der ethnonationalen Identität.

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben die Deutschen durch den Eintrag der Ethnie als Deutsche in den Personalausweisen erkennbar. Dies bedeutete häufig Unterdrückung und eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe. Nur langsam konnte sich ein Teil der Deutschen in der Sowjetgesellschaft assimilieren. Ein anderer Teil ging in den meist religiösen Untergrund. Der Großteil blieb zwischen diesen Polen bis die Ausreise in die Bundesrepublik während der Perestroika für die meisten möglich wurde.

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Sowjetische Sozialisierung

Generell lassen sich die vielen Widersprüche der sowjetischen Lebenswirklichkeit kaum nachvollziehbar schildern. Die Lektüre von Swetlana Alexijewitsch gibt uns eine Möglichkeit, sie zu erahnen. Und vielleicht sind es die Nachwehen der sowjetischen Sozialisierung, die sich in der geringen Wahlbeteiligung der Russlanddeutschen spiegeln. Schließlich erzieht ein autoritär-paternalistischer Staat zur politischen Aporie und nicht zur Mündigkeit. Auch fällt auf, dass die beiden politischen Ränder gegenüber dem bundesdeutschen Durchschnitt überproportional stark gewählt wurden. Diese Erkenntnis gibt Anlass für vertiefte Analysen.

In vielen Fällen könnte die Ursache in einer Mischung aus sozioökonomischen Faktoren und der Sozialisation in der Sowjetunion liegen. Dabei ist es plausibel, sich anzuschauen, inwieweit die Linke von den damals „im Sozialismus Angekommenen“ und die AfD von den „vom Sozialismus (weiterhin) Ausgegrenzten“ gewählt wurde. Was beide Lager eint, sind ähnliche Antworten auf die Herausforderungen, die mit der Globalisierung zusammenhängen, sowie ihre Sympathie mit autoritären Regimen. Beide Gruppen werden bis zu einem gewissen Grad das imperial-russische/sowjetische Geschichts– und Weltbild teilen, und nicht vollends in der bundesdeutschen Gesellschaft angekommen sein.

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Sensibilisierung wünschenswert

Die Fokussierung auf die eigene ethnonationale Identität in Kombination mit punktueller Gettoisierung lieferte den Nährboden für rechte Gesinnung. Mit dem Aufkommen einer neuen ethnonational orientierten politischen Partei, kam für einige rechtsgesinnte Aussiedler die Möglichkeit, sich schnell Rang und Namen zu machen. Während sich eine Kariere in den bestehenden Parteien sowie Institutionen, besonders für Migranten, nur schwierig und langsam realisieren lässt. So prägte eine kleine Gruppe der Russ-landdeutschen das Bild einer heterogenen Großgruppe. Dies war möglich, weil sich Analysten und Medienvertreter unreflektiert auf Postulate von Splittergruppen fokussierten und punktuelle Phänomene generalisierten.

Auch wenn in einem liberalen demokratischen Rechtsstaat keinem das Schicksal der illiberalen sozialistischen Diktatur droht, wäre eine Sensibilisierung um das Thema „Russlanddeutsche“ wünschenswert. Im Supermarkt, in den Medien, in unserer Gesellschaft.

Felix Riefer