[…] Gleichzeitig vergrößerte sie sich mit hohem Tempo. Das alles hatte etwas sehr Mystisches. Alle Leute auf der Straße in meiner Nähe fanden die Erscheinung ,straschniy‘ (schrecklich), weil es wirklich sehr unheimlich und völlig unerklärlich war. Eine elektromagnetische Erscheinung in der Atmosphäre, die Luftmoleküle zum Fluoreszieren anregte? Eine dieser berühmten leuchtenden Silberwolken? Aber kreisrund? Und so schnell wachsend? Mit einem kaum ausgefransten Rand, im Gegenteil, die äußeren Umrisse blieben stets sehr exakt begrenzt. Hier kann man schon was erleben…

Als wirklich der halbe Himmel von dieser Leuchtscheibe bedeckt schien, verlor sie allmählich an Helligkeit, nach einer Weile wurden die Sterne wieder sichtbar. Hier in der Stadt sind weder die Bäume entlaubt noch die Köpfe haarlos geworden. Aber was Genaues wüßte ich gern mal über die Erscheinung. Bis jetzt konnte sie mir niemand erklären“, schrieb ich an meine Familie. Sascha Frank, Wanja (Johann Reiswig), Heidebrecht und andere machten des Öfteren Andeutungen über Atombomben und Baikonur-Starts, ohne genauer zu werden. Ich hörte hinter vorgehaltener Hand von schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Bevölkerung in bestimmten Gegenden, besonders unter Kindern und Jugendlichen. War am Himmel ein Kondensstreifen sichtbar, meinte Sascha sarkastisch: Da fliegt wieder ein Krankenhaus… Jahre später erschien beim Berliner Aufbauverlag das Buch „Die Hölle von Semipalatinsk“. Geschrieben hat es Igor Trutanow, wahrscheinlich, obwohl Russe von Geburt, der besessenste Mitarbeiter der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“. 1960 geboren, lernte er Elektriker, ein Jahr arbeitete er auf dem Kernwaffentestgelände, bevor er, nach einem Germanistik-Studium, Lehrer, dann Journalist wurde. Als die Geheimhaltungsfrist vorüber war, auf die er sich eingelassen hatte, schrieb er das Buch. Weil er es für seine Pflicht hielt, „offen zu berichten, was ich auf dem Gelände erlebt und erfahren habe, denn das Gelände von Semipalatinsk ist, obwohl die Tests eingestellt worden sind, noch immer eine blutende Wunde am Leibe Kasachstans wie auch meines ganzen Landes…“ Das Buch gehört zu den leidenschaftlichsten Abrechnungen mit dem Atomwahnsinn. Der, wie vieles auf dieser Welt, nicht einseitig gesehen werden darf Meine nachhaltigste Zelinograder Erfahrung war, daß ich fast täglich mindestens eine sowjetdeutsche Lebensgeschichte erzählt bekam. In meinen Briefen nach Berlin hielt ich mich zu diesem Thema zurück. Ich ging hundertprozentig davon aus, daß meine Post vom KGB, wahrscheinlich auch in der heimatlichen DDR von unseren Tschekisten, kontrolliert wurde. Aber nach meinem Besuch bei Alexander Hasselbach schrieb ich doch: „Es ist immer wieder erschütternd, das Schicksal solcher Menschen zu erfahren. Seit den zwanziger Jahren Kommunist, Komsomolsekretär, an Brennpunkten des sozialistischen Aufbaus eingesetzt, veränderte der faschistische Überfall jäh und völlig unberechtigt das Leben dieses Menschen. Schwerste Leiden, oft auch den Tod brachte den Sowjetdeutschen der Krieg. Ungerechtigkeiten, aber im eigenen Land, von den eigenen Leuten! Warum durften sie nicht als Soldaten ihre Heimat verteidigen? Warum wurden sie praktisch wie Bundesgenossen der Faschisten, ja, wie Faschisten behandelt? Sehr schwer muß das gewesen sein – aus solchen Prüfungen als Kommunist hervorzugehen! Ich will natürlich nicht behaupten, daß alle diese Leute gute Sowjetpatrioten gewesen seien… Aber ein Schuft wird man nicht durch die Nationalität, der man angehört. Mein Gastgeber – auch wegen der eben geschilderten Dinge erinnert er mich an Opa… Und auch er arbeitet noch, verantwortlich für die Literaturseite, weil er ohne das nicht auskommt. Weil er viele Jahre verloren hat. Angst hat er, daß plötzlich seinen noch so vielseitigen Plänen ein Ende gesetzt wird. Ein Verwandter von ihm, der im Auftrag der Komintern im Ausland gearbeitet hat, wurde nach seiner Rückkehr in die SU 1939 liquidiert. Aber lassen wir das. Unverständlich, daß man hier in den Rückfenstern vieler Autos wieder Bilder vom Väterchen sieht…“

Einiges zur Vergleichbarkeit meines Schwiegervaters Hugo mit diesem sowjetdeutschen Altkommunisten. Auch er war auf Grund falscher Beschuldigungen in einem politischen DDR-Prozeß zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Freigekommen, erwies er sich als regelrechtes „Arbeitstier“. Als er das Rentenalter erreicht hatte, ging er noch längst nicht in den Ruhestand. Er arbeitete noch jahrelang in der Lokalredaktion der „Berliner Zeitung“, wurde schließlich dienstältester Journalist der DDR… Ebenso ruhelos war Alexander Hasselbach, bis zur letzten Minute. Anfang der neunziger Jahre kam er bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Ich hüte einige Bändchen mit seinen Novellen und Gedichten in meiner Kasachstan-Bibliothek. Außerdem hilft mir der ..Große Duden – Stilwörterbuch“, den Hasselbach mir verehrte, beim Schreiben. Eugen Warkentin, die Neufelds, Johann Schloß, Eugen Hildebrand, die Edigers und wie alle die älteren Kollegen und Genossen in der Redaktion hießen – wie hat sich euer Leben gerundet? Johann – einmal fragtest Du bange per Brief bei mir an, welchen Rat Du Deinen Enkelkindern geben solltest betreffs Ausreisewünsche in die BRD. Oder Alexander Bier aus Konstantinowka, und so viele. Alle fort? Auch die Jüngeren – Sascha Frank, Helmuth Heidebrecht, Sascha Diete, Robert Franz, Hedwig Kuhn, Woldernar Fink, Elisabeth Kludt, Jakob Gerner, Wanja Reiswich – war eure Kindheit so viel glücklicher als die eurer Altersgefährten im (einstigen) südafrikanischen Apartheidland? Heute, da ich wieder über diesem Manuskript sitze, wählte das Parlament Südafrikas Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten der Republik am Kap der Guten Hoffnung. […]
>> Die Fortsetzung dieses Buchauszugs lesen Sie in den nachfolgenden Ausgaben

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