[…] Juden und Deutsche: Eiskalter Ulbricht: Weil ich gerade auf einen sicher nicht nur von den Adressaten gelesenen Brief einging, noch eine ausführliche Stelle aus einem anderen, gerichtet an meine Kollegen in der FREIEN WELT.

 

Am 5. September 1982: „Die Motivation für die Arbeit ist weitestverbreitet nicht so, wie Lenin das einst angewiesen hat. Nun müßt Ihr nicht denken, daß ich sowas aus vager Erinnerung von mir gebe. Ich habe einen Lenin-Band aus Berlin mitgenommen, den 6. der sechsbändigen Ausgabe, und beschäftige mich noch einmal recht gründlich damit. Darin sind ja die Arbeiten, die zur Zeit des friedlichen Aufbaubeginns des Sowjetstaates entstanden, sozusagen Lenins Worte auf den Weg. Nun wird es leider wenig nutzen, wenn ich seine Rede auf dem VIII. Sowjetkongreß nochmal lese; aber was da über das Wecken von Motivationen, die Überzeugungsarbeit, Prinzipien der Wirtschaftspolitik, auch der friedlichen Koexistenz usw. geschrieben steht, dürfte nicht vergessen sein, müßte Ausgangspunkt der heutigen Festlegungen sein. Soviel Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit bei Lenin! Und was soll das heutige Wortgeprassel, Selbstbelobe, Losungendreschen‘? Man kann doch Menschen, die sich nach wochenlanger Abstinenz in den Läden um Butter balgen, nicht sagen, daß es ihnen täglich und ständig besser geht… Sondern man muß ihnen sagen, daß die Schlamperei und Mangel, worüber sie sich ärgern, im wesentlichen Ergebnis der Arbeit von Menschen sind, die ebensowenig wie sie über die Ergebnisse ihrer Arbeit nachdenken! Diese verdammte Selbstzufriedenheit, Gleichgültigkeit (haben wir auf etwas höherer Ebene ebenso)! Das kann man doch bei Lenin nachlesen, wie schwer und lebensnotwendig es ist, Menschen, die plötzlich zu Eigentümern geworden sind, klarzumachen, worin jetzt ihre Aufgabe (und 1998 ergänze ich: ihre Chance!) besteht. Nämlich nicht darin, so wenig wie möglich zu arbeiten, weil einen keiner mehr tritt, sondern so viel und so gut wie es nur geht… Wie viele dialektische Reportagen könnte man schreiben! Lenin sagt – der Aufbau des Sozialismus ist ein lockendes Werk. Längst ist es an vielen Strecken zu grauer, mit Schlaffheit betriebener Routine geworden.“
Am 5. Juni 1990 erschien mein letzter Artikel für die „Freundschaft“. Ich schickte ihn aus Berlin nach Alma-Ata, und wie (leider) immer noch üblich, man veröffentlichte ihn ohne Änderungen. Das „leider“ meint in diesem Fall die in journalistischen Dingen, vor allem in sprachlicher Hinsicht, uns Berlinern gegenüber geübte Demut, über die ich nicht immer froh war. Anlaß für meine ausführliche Zuschrift unter dem Titel „Zehn Jahre Partnerschaft – Hoffen und Harren?“ war das zehnjährige Jubiläum unserer Redaktions-Partnerschaft. Ich begann: „Auf Basis der gleichen Nationalität und der gleichen Sprache (seinerzeit konnte das unter den in beiden Staaten herrschenden politischen Bedingungen längst nicht so deutlich formuliert werden) vereinbarten die Redaktionen… einen jährlichen Austausch von Mitarbeitern.“ Und weiter: „Ich will darüber schreiben, was mir als DDR-Journalist diese Partnerschaft gegeben hat: Mir schien 1980, daß ich ein recht profunder Kenner der UdSSR sei… Stalins Soldaten hatte ich 1945 durchaus als Befreier vom Faschismus begriffen. Und ich hatte es mit meinem Jünglingsverstand verarbeiten müssen, daß mein späterer Schwiegervater 1953 ‚wegen Verleumdung Stalins‘ in der DDR zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde; schließlich hatte ihn der XX. Parteitag der KPdSU aus dem Kerker erlöst. Ich hatte Moskau gesehen und Wolgo– sowie Leningrad. Und beim Bau der Erdgasleitung ,Sojus‘ war ich als Reporter dabei, hatte gar ein Buch darüber geschrieben. Selbst Sowjetdeutsche kannte ich, hatte ihre Dörfer in der Kulundasteppe besucht. Aber damals, 1973, schlossen sich alle Lippen, wenn ich nach der Geschichte dieses für mich recht exotischen Völkchens fragte… An der Seite des fürsorglichen Stilredakteurs Eugen Hildebrand lernte ich die ,Drushba‘-Buchhandlung in Zelinograd schätzen. Dort erstand ich zu günstigem Preis (1 Rubel und 75 Kopeken) den Band VI der Gesammelten Werke Egon Erwin Kischs. Darin die ‚Geschichten aus sieben Ghettos‘. Und nachdem ich sie gelesen hatte, notierte ich in meinem Tagebuch: ,Das Schicksal der Sowjetdeutschen beschäftigt mich hier Tag und Nacht. Denke ich an Berlin und die fremdländischen Namen vieler seiner Einwohner, die völlig assimiliert sind bei uns und in uns (z.B. Hugenotten, Polen, Skandinavier), dann scheint mir bemerkenswert, wie zäh diese Nationalitäten – Juden und Deutsche – in oft feindseligster Umgebung ihre Eigenheiten, ihre Art bewahrten! Geschichte der Juden in Deutschland – Schicksal der Deutschen in Russland! Eigentümliche Völker!‘
In Zelinograd hörte ich bittere Wahrheiten. Ich mußte meinen russischen Sprachschatz um Worte wie ,Trudarmija‘ und ‚Kommendatura‘ erweitern. Kinder von 1941 sagten mir, was das über ihre Eltern gefällte Urteil mit dem Zusatz ,bes prawa perepiski‘ (,Ohne Recht auf Briefwechsel‘, d.h. faktisch Todesurteil) bedeutet hatte… Und ich vernahm – sehr bedrückt und immer noch nur ängstlich geflüstert – Augenzeugenberichte von den antideutschen Demonstrationen, die 1979 in Zelinograd und anderen kasachstanischen Orten stattgefunden hatten. Damals gab es erste öffentliche Überlegungen zur Wiederherstellung einer sowjetdeutschen Autonomie. Unter einem bestimmten Teil der Kasachen war es danach zu ‚spontanen Bekundungen‘ gekommen. Meine Kollegen von der ‚Freundschaft‘ erzählten mir, wie ohnmächtig und angstvoll sie aus ihren Redaktionsfenstern das Geschehen auf dem Leninplatz beobachtet hatten. Viele, auch Männer, haben damals geweint. Selbst der Zensor, der Mann, welcher… Das Schlimme: Die jungen kasachischen Demonstranten kannten das Schicksal ihrer deutschen Mitmenschen und Nachbarn gar nicht. Sie brachten diese in einen völlig idiotischen Zusammenhang mit den Faschisten – die Sowjetdeutschen seien Nachkommen deutscher Kriegsgefangener und Okkupanten! Nichts war geschehen, und auch jetzt noch geschieht viel zu wenig, um aufzuklären über das von Stalin befohlene schwere Los der Deutschen in Sowjetrußland.
Von Berlin aus hatte ich mit wechselnden Gefühlen das Geschehen in Kasachstan verfolgt, las die „Freundschaft“, später „Deutsche Allgemeine Zeitung“ als Abonnent besonders in den Jahren der Perestroika aufmerksamer als das „ND“ [„Neues Deutschalnd“]. Als meine kasachstanischen Freunde begannen, die wichtigsten Artikel auch in Russisch zu drucken, um so die verfluchte Sprachbarriere zu jenen Landsleuten zu überwinden, die als Folge der verfluchten Stalin-Politik ihre Muttersprache nicht beherrschten, beglückwünschte ich in einem Brief ,meine Zeitung“ zu diesem Versuch. Das sei besonders für junge Leute nützlich. Sie würden auf diese Weise mit der Geschichte und den Traditionen ihres Volkes vertrauter. 1996 habe ich es mit meinem Verstand und meinem Gefühl zu verarbeiten, wie die Auswanderung deutschstämmiger Leute aus den GUS-Staaten ausdrücklich wegen deren mangelhaften Deutsch-Kenntnisse per BRD-Einwanderungsgesetzgebung vereitelt werden soll. Bedenkt denn nicht ein einziger der bundesdeutschen Machtausüber, weshalb, unter welchen Umständen, durch welche Zwänge manchem Deutschen dort seine Sprache, in der er vielleicht einst ,Mama“ und „Papa“ lallte, aus dem Gehirn gewaschen wurde? […]
>> Die Fortsetzung dieses Buchauszugs lesen Sie in den nachfolgenden Ausgaben

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