[…] Ein mächtiger Ausreisestrom hat keinen politischen Effekt mehr, seit das Sowjetland zugrunde ging. Nunmehr versucht Deutschland, die Einwanderung auch mit dem Mittel der Sprachkenntnisse zu kanalisieren, den Strom abzugraben. Mir ist bei solch kritischen Feststellungen bewußt, wie schändlich die Rolle der DDR gegenüber dem Russlanddeutschen-Problem bis zum Schluß blieb.

Ich hatte nicht damit gerechnet, daß die Redaktion in Almaty meine privaten aufmunternden Auslassungen zum Sprachproblem wie die Worte eines fernen Propheten aufnehmen und postwendend Satz für Satz abdrucken würde. Darunter stand nun mein Name mit dem Zusatz „FREIE WELT, Berlin“. Dieser Leserbrief erschien am 15. Oktober 1988 dreispaltig als Seitenaufmachung. Postwendend mußte ich reagieren: „Wie meine Gedanken über Eure Arbeit da auf den Seiten der FREUNDSCHAFT anzuschauen sind, das ist für mich wie eine ,Patschotnaja gramota‘ (Ehrenurkunde). Ich werde diese Seite für immer aufbewahren und mich darüber freuen und darüber stolz sein, wie sehr Ihr solche Äußerungen des Freundes aus der DDR achtet. Ihr solltet lediglich, wenn sich mal wieder eine solche Gelegenheit ergibt, mich nicht als Mitarbeiter der FREIEN WELT in der Unterschrift auszeichnen, sondern als Klaus Hurrelmann aus Berlin. Dann geht alles in Ordnung. Denn ich habe nicht das Recht, offiziell bei Euch meinen Standpunkt darzulegen, der nicht der offizielle Standpunkt ist. Ansonsten habe ich den Mut, meine persönliche Meinung zu vertreten, aber sie ist, (noch) nicht die offizielle.“

Damals weilte Chefredakteur Konstantin Ehrlich in Deutschland, und so setzte ich hinzu: „Ich hoffe, Euer Konstantin hat das Gespür, zu erkunden, wie ich das meine… Soll er seinen Schulungsaufenthalt in der DDR gut nutzen, aber sich nicht einwickeln lassen!“ Und weiter unten: „In unserer nächsten Ausgabe wird wohl eine erste kurze Notiz von meinem jüngsten Besuch in Zelinograd erscheinen… Nicht so direkt, nicht so offen, wie Ihr das jetzt machen würdet. Aber ich bin schon zufrieden, daß da das Wort ,wolgadeutsch‘ vorkommt und das Problem der Muttersprache genannt wird. Für uns bisher nur ,weiße Flecke‘. Also, wie gesagt, wo es geht, wirken wir auch hier, aber es geht nicht viel.“ Dieser Brief endet mit einem P.S.: „Gerade sah ich über N.N.‘s Schulter hinweg die Korrekturfahne meines kleinen Artikels. Gestrichen ist mein – Perestroika-bezogener – Schlußsatz. Eigentlich war das zu vermuten. Ich hoffe dennoch, mit meinem winzigen Mosaiksteinchen wiederum ein Kleines getan zu haben. Klaus.“ Weiß ich, ob auch dieser Privatbrief auf seinem Weg aus einem Bruderland ins andere von irgendwelchen Kontrolleuren gelesen worden ist. Konnte er nicht Bestandteil einer für mich günstigen Akte werden? Pech. Wirklich. Die Perestroika-bezogene Streichung war von der Hand jener Dame, die Gruner + Jahrs „Kaderabteilung“ neben einem einzigen anderen unter sämtlichen Redakteuren der FW für die Weiterbeschäftigung in der „Berliner Zeitung“ auswählte…

Einige Gedanken mehr aus meinem Artikel von 1988. Weshalb ich dieses Datum so auffällig wiederhole? Das wird der Leser begreifen, wenn ich weiter hinten die sogenannten „Novemberereignisse“ des Jahres 1988 behandle. Zu einer Zeit, in der die Politik von Glasnost und Perestroika in der DDR mit strengstem und allerhöchstem Verdikt belegt war, las man in der fernab gedruckten Zeitung Sätze von mir wie diese: „Ich bin, wie viele meiner politisch engagierten und interessierten Landsleute und Genossen, ein wirklicher Enthusiast Eurer Zeitung, aus der ich – bequem, weil in meiner Muttersprache – ausführlich und problemreich und, wie ich es auffasse, optimistisch über Euer Land informiert werde… In diesem Sinne hat sich Eure Zeitung in letzter Zeit deutlich entwickelt, sie ist eine wichtige Quelle für alle, die mehr wissen wollen. Ein unersetzliches politisches Lehrmittel… In dieser Ausgabe hat mir besonders der Kommentar von Helmut Heidebrecht ,100 Zeilen über eine Binsenweisheit‘ gefallen. Ich glaube, dahin muß immer wieder unsere Mühe gehen, den Lesern klarzumachen, daß sie nicht nur dasitzen sollen und auf bessere Zeiten warten, sondern daß viel davon abhängt, was man selber tut, wie man selbst über seine Handlungsweise nachdenkt…“ Direkt feige war es wohl nicht, wie ich für Glasnost eintrat, die damals im Sowjetland „von oben“, betrieben durch Gorbatschow, in der Offensive war: „Ich finde, es ist ein Artikel, der der Autorität der Partei nützt. Denn wenn so offen wie dort zur Problematik geschrieben wird und geschrieben werden kann, dann ist das ein Zeichen für Willen zur Veränderung…“ Hoffnungsvolle Stimme aus Ostberlin zu Zeiten des absoluten Niedergangs der DDR-Presse, als diese zur Beschönigungshure verkommen war. […]
>> Die Fortsetzung dieses Buchauszugs lesen Sie in den nachfolgenden Ausgaben

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