Am 26. August 1978 flog Sigmund Jähn mit Waleri Bykowski in einer sowjetischen „Sojus“-Kapsel zur Raumstation „Saljut“. Am vergangenen Samstag verstarb der frühere Raumfahrer unerwartet. In seiner Heimat trauern viele Menschen um ihr Kindheitsidol.

Der erste Deutsche im All ist tot. Mit Sigmund Jähn verliert die Raumfahrt einen Helden, der eigentlich keiner sein wollte. In seinem Heimatort Morgenröthe-Rautenkranz werden die Menschen den Weltraumpionier in Erinnerung behalten als einen, der zu den Sternen flog, danach aber stets mit beiden Beinen auf festem Boden stand. „Er war eine vorbildhafte Persönlichkeit, wie sie einem im Leben selten begegnet“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde, Jürgen Mann, gegenüber der DAZ. Er schildert Jähn als „bescheiden, bodenständig, volksnah und nicht so abgehoben wie andere in seinem Beruf“. Mann kennt Jähn, seit er vor zehn Jahren zum Bürgermeister der Gemeinde Muldenhammer gewählt wurde, zu der auch Morgenröthe-Rautenkranz gehört. Er erinnert sich, wie Jähn auf ihn zukam und ihm gleich das „Du“ anbot: „Ich bin der Sigmund und du bist der neue Bürgermeister.“ Zwischenmenschliche Hürden habe es nie gegeben.

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Die Tracht bekam Jähn 2003 von russischen Gästen geschenkt.

In seinem Heimatort engagierte sich Jähn besonders für die örtliche Raumfahrtausstellung, die weit über die vogtländische Gemeinde hinaus bei Kosmos-Fans bekannt ist. „Alles, was Rang und Namen hat, kam dorthin, wenn Sigmund rief“, erinnert sich Bürgermeister Mann. Als Vorstandsmitglied vermittelte Jähn Kontakte nach Russland und Kasachstan, schrieb Einladungen auf Russisch und empfing die Gäste aus der ehemaligen Sowjetunion – unter anderem 1999 den ehemaligen kasachischen Raumfahrer Talgat Mussabajew.

Bei einem Besuch von Vertretern des russischen „Kosmischen Such- und Rettungsdienstes“ im Jahr 2003 bekamen Jähn und der damalige Bürgermeister ein besonderes Geschenk: Die Gäste überreichten den beiden Herren auf den Luft- und Raumfahrttagen in Grünheide eine bunte Nationaltracht mit aufwendiger Perlenstickerei und Kopfbedeckung. „Er hat uns unterstützt bei allem, was in Richtung Russland ging“, sagt Romy Mothes, die Leiterin der Ausstellung, gegenüber der DAZ. „Keiner von uns konnte die Briefe auf Russisch grammatikalisch und orthographisch so perfekt verfassen wie er.“

Sigmund Jähn (zweiter von links) empfängt 1999 die ehemaligen Kosmonauten Nikolai Budarin, Talgat Mussabajew und Miroslaw Hermaszewski in der Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz.

Immer für ein Späßchen zu haben

Mothes erinnert sich daran, wie Jähn sich manchmal einen Spaß daraus machte, weitgereiste Besucher der Raumfahrtausstellung mit seiner Anwesenheit zu überraschen. Einmal scherzten Gäste, sie hätten einen Termin mit dem früheren Raumfahrer. Der tauchte dann tatsächlich unverhofft auf und sorgte für einen starken emotionalen Moment. Mitunter, so Mothes, kam es auch vor, dass Besucher vor Freude weinten, wenn sie Jähn trafen. Mothes selbst ist von Jähns Tod tief betroffen: „Er war nicht nur unser Kosmonaut, er war auch unser Freund.“

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In den Räumlichkeiten der Raumfahrtausstellung haben Mothes und ihre Kollegen eine Gedenkecke eingerichtet, wo die Gäste sich in ein Kondolenzbuch eintragen und ihre Gedanken loswerden können. Viele Beileidsbekundungen seien schon per E-Mail eingegangen. Mothes will alles sammeln, ausdrucken und später der Familie übergeben. Bürgermeister Mann hat zudem eine Trauerbeflaggung in Muldenhammer angeregt, da Jähn auch ein Ehrenbürger der Gemeinde war. Mit Blick auf eine mögliche Trauerveranstaltung hält er sich jedoch bedeckt: „Da wollen wir der Familie nicht vorgreifen – sie entscheidet, was wo stattfinden soll.“

Lukas Kunzmann und Christoph Strauch

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