Etwa 200.000 Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee waren im 1. Weltkrieg in russischen Kriegsgefangenenlager im Gebiet des Generalgouvernements Turkestan interniert. Beachtet man die Vielsprachigkeit der k.u.k-Armee, liegt es nahe, von einem mitteleuropäischen Stück Geschichte in Zentralasien zu sprechen. Die Erinnerung daran und die Spuren vor Ort erforschen will der österreichische Historiker Peter Felch, Gründer des Vereins „VENI“ und Initiator des Projekts „Spurensuche Turkestan“.

Im ersten Teil des Interviews spricht Peter Felch mit Novastan.org über Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit in Turkestan. Teil 2 des Interviews thematisiert, wie in Österreich und Zentralasien mit der Erinnerung und dem Gedenken an diese historischen Ereignisse umgegangen wurde und gibt einen Ausblick auf kommende Projekte.

Novastan.org: Wie kam es zur Gründung des Vereins „VENI“?

Peter Felch: Der Verein Veni (Vienna Eurasia Network Initiative, Anm. d. R.) war eine Initiative von Österreichern, die in Zentralasien und im Kaukasus gearbeitet haben und daran interessiert waren, die Beschäftigung mit Zentralasien zu institutionalisieren. Gegründet wurde er schließlich 2012 in Wien mit dem Ziel, das Bewusstsein über diese Region durch Veranstaltungen zu fördern.

Welche Beweggründe gab es für das Projekt „Spurensuche Turkestan“?

„Spurensuche Turkestan“ wurde zwischen 2010 und 2012 gegründet. Ich war als Konfliktanalytiker für die Internationale unabhängige Untersuchungskommission für die Ereignisse in Südkirgistan vor Ort. Über das Fergana-Tal wird viel als „Pulverfass“ und potentielle Konfliktzone gesprochen. Seriöse Literatur über die wirtschaftliche, soziale und geopolitische Situation im Fergana-Tal ist jedoch rar. Es schwirren auf allen beteiligten Seiten viele Annahmen herum.

Das Fergana-Tal nimmt eine besondere Position in Zentralasien ein.

Es ist der klimatisch günstigste und fruchtbarste Teil von ganz Zentralasien und teilt sich in Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan auf.

Postkarte vom Kriegsgefangenen Franz Praeg aus Taschkent.
Postkarte vom Kriegsgefangenen Franz Praeg aus Taschkent. | Bild: Praeg-Archiv

Das Fergana-Tal leidet unter einer schwierigen Grenzsituation, es gibt viele Enklaven und Exklaven. Historisch ist es dabei aber ein wirtschaftlicher und sozialer Raum, in dem es sehr viel Austausch zwischen den Völkern gegeben hat. Kirgisen verkauften beispielsweise Vieh aus den Bergen, Usbeken und Tadschiken Handwerksprodukte und Getreide.

Die heutigen Grenzen in Zentralasien wurden in der Stalinzeit gemäß des Leitsatzes „Divide et Impera“ (Lat. für « Teile und Herrsche », Anm. d. R.) gezogen. Zuvor hatte es nämlich Bestrebungen gegeben, ein Gesamtturkestanisches Autonomes Gebiet zu gründen. In der Sowjetunion haben Grenzen aber kaum eine Rolle gespielt, sie waren lediglich im Pass angegeben, Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik, Kirgisische Sozialistische Sowjetrepublik und so weiter.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind aus diesen lediglich administrativen und fiktiven Grenzen reale staatliche Grenzen geworden. Straßen wurden unterbrochen, Handelsbeziehungen gestört, Familien auseinandergerissen. Das macht das Alltagsleben bis heute schwierig und teuer, weil dauernd Schmiergelder nötig sind.

Und in der Beschäftigung mit dieser Region tat sich Ihnen plötzlich ein weitgehend unbearbeitetes historisches Thema auf?

In den 80er-Jahren hatte ich auf einem Flohmarkt in Wien ein Tagebuch von Fritz Willfort gekauft, der als Kriegsgefangener hauptsächlich in Skobelew im Fergana-Tal war und seine Erlebnisse beschreibt. Damals hatte ich es nur überflogen und war fasziniert davon, dass ich in 30 Jahren Reisen und Arbeiten in der Region noch nie davon gehört hatte, dass es in Zentralasien österreichische Kriegsgefangene gab. Als gelernter Historiker hat mich das interessiert. Es gibt praktisch keine Sekundärliteratur über das Thema. In Büchern über deutsche und österreichische Kriegsgefangene in Russland wird Turkestan nur am Rande erwähnt.

Als sich dann das 100-Jahr-Gedenken an den 1. Weltkrieg näherte, habe ich das Thema der ÖAW (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Anm. d. R.) vorgeschlagen; leider ist das bis 2014 nicht zustande gekommen. Im Gedenkjahr waren Kriegsgefangene in keiner der Veranstaltungen wirklich ein Thema. Wenn man bedenkt, dass insgesamt 1,6 bis 2 Millionen österreichisch-ungarische Soldaten im 1. Weltkrieg Kriegsgefangene in Russland waren, davon 200.000 in Turkestan, ist es erstaunlich, dass eine so große Gruppe unter den Tisch gefallen ist.

Können Sie einen kurzen historischen Überblick über das Generalgouvernement Turkestan allgemein und dortige Kriegsgefangenenschaft im Speziellen geben?

Das Generalgouvernement bestand von 1867 bis 1918. Eingerichtet wurde es in Folge der Eroberungen von Turkestan durch die Russen, genauer nach der Eroberung von Taschkent. Hintergrund war, dass die Russen schon seit Peter dem Großen versucht haben, an warme Meere zu gelangen und auf Widerstand der Briten gestoßen sind. Im 19. Jahrhundert wurde diese Konkurrenz dann als Great Game bezeichnet. Schlussendlich kam es zur Einigung auf die Grenze zwischen Iran, Afghanistan und späteres Sowjetunion-Gebiet.

Das Generalgouvernement Turkestan war eine koloniale Einheit, die im Gegensatz zu den europäischen Kolonien nicht in Übersee lag. Es wurde durch zwei Eisenbahnlinien erschlossen. Die eine von Orenburg im Ural nach Taschkent. Die andere vom Kaspischen Meer entlang der persischen Grenze nach Taschkent. Russland versuchte aktiv, die Region durch russische und ukrainische Siedler wirtschaftlich auszubeuten.

Dabei war das Gebiet strukturell relativ heterogen.

Ort der Zwangsarbeit: Ziegelei in der Steppe.
Ort der Zwangsarbeit: Ziegelei in der Steppe. | Bild: Praeg-Archiv

Es gab zwei Protektorate innerhalb der Grenzen, das Emirat von Buchara und das Khanat von Chiwa, die halbautonom und offiziell nicht Teil des Generalgouvernements waren. Insgesamt hatte Turkestan fünf Millionen Einwohner und erfasste ein Gebiet zwischen dem Kaspischen Meer und der chinesischen Grenze, dem Pamir im Osten, der afghanisch-persischen Grenze im Süden und dem südlichen Teil von Kasachstan. Es war also riesig und schwach besiedelt, bestand hauptsächlich aus Wüste und Steppen, im Westen aus Hochgebirgen.

Dann bricht im Sommer 1914 der 1. Weltkrieg aus, eine große Anzahl von Soldaten gerät in Gefangenschaft. Wie kam es zu Kriegsgefangenenlagern in Turkestan und in welcher Phase des Krieges wurden sie errichtet?

Ein Grund war wohl die Einigung zwischen Großbritannien und Russland, was die Grenzziehung angeht. Dadurch wurden viele Kasernen und militärische Kapazitäten frei. Ein zweiter Grund war das Klima und die Ernährungssituation, die relativ günstig waren. Es gibt zudem Vermutungen, dass man den Verteidigern von Przemyśl eine Geste der Wertschätzung entgegenbringen wollte, indem man sie nicht nach Sibirien sondern nach Turkestan deportierte.

Die Festung war am 22. März 1915 nach zweimaliger russischer Belagerung durch Kapitulation aufgegeben worden (ca. 110.000 Soldaten der österreichisch-ungarischen Garnison gerieten damit in russische Kriegsgefangenschaft, Anm. d. R.).

Die meisten Kriegsgefangenen wurden also im Zeitraum zwischen den Sommern 1914 und 1915 nach Turkestan gebracht. Später wurden sie oftmals wieder wegverlegt, besonders in der Zeit nach 1916, als es zum Aufstand der Einheimischen gegen eine militärische Mobilisierung der Bevölkerung kam.

Gibt es seriöse Angaben zur Anzahl der Kriegsgefangenen?

Elsa Brandström, der „Engel von Sibirien“ (sie reiste für das Schwedische Rote Kreuz mehrmals in Kriegsgefangenenlager, Anm. d. R.) nennt die Zahl von 200.000 Kriegsgefangenen. Nach 1920 waren es ungefähr 30.000 die sich noch in Turkestan aufhielten. Zehntausende sind durch Typhus– und Choleraepidemien umgekommen. Nach der Russischen Revolution und einer Missernte kam es zu einer Hungersnot. Ein Teil der Gefangenen wurde verlegt, weil Landarbeiter im europäischen Teil von Russland benötigt wurden. Ebenfalls sollte verhindert werden, dass sich Kriegsgefangene auf Seiten der einheimischen Aufständischen schlagen.

Wie lang hat eine Deportation nach Turkestan im Durchschnitt gedauert?

In der Regel zwei Monate. Die Soldaten sind sehr oft hin– und herverlegt worden, sodass es teils schwer nachzuvollziehen ist. Das hatte logistische Gründe oder geschah, um Korruption zu vertuschen, wenn Lagerkommandanten Gelder einbehalten haben.

Wie groß waren diese Lager?

Es gab 25 große Lager mit Außenstellen, wo die Zwangsarbeit hauptsächlich stattgefunden hat. Ein großes Lager hatte zehntausende Insassen. Teilweise lagen diese Lager in Städten und leerstehenden Kasernen, teilweise mussten die Gefangenen sie auf freiem Feld selbst errichten.

Welche Bedingungen herrschten in diesen Lagern?

Die Situation unterschied sich stark je nach militärischem Grad der Gefangenen. So waren Offiziere nach den Vorgaben der Haager Konfession privilegiert und mussten keine Zwangsarbeit leisten, sie bekamen einen Sold und sind sogar teilweise privat untergekommen.

Die Situation der Mannschaften war sehr schwierig, sie litten an den Massenunterkünften, am Klima und am Ungeziefer. Die Berichte unterscheiden sich jedoch und die Situation hing stark vom beruflichen Hintergrund, der politischen Situation oder dem Kommandanten des jeweiligen Lagers ab.

Oft wird die Situation in Lagern als schlimmer als die Arbeitseinsätze beschrieben, das Warten war psychologisch schwierig.

Welche Arten von Zwangsarbeit waren vorherrschend?

Vor allem im Bausektor wurden Arbeitskräfte gebraucht, im Straßen– und Kanalbau, aber auch in der Landwirtschaft wurden viele Kriegsgefangene eingesetzt.

Als einschneidendes Ereignis kann wohl die Russische Revolution 1917 und der Friedensvertrag von Brest-Litowsk 1918 gesehen werden. Wie wirkten sich diese Umwälzungen auf die Kriegsgefangenen aus?

Mit der Februarrevolution 1917 veränderte sich die Situation. Die Gefangenen wurden als Klassenbrüder gesehen und die Hoffnung auf Befreiung war groß. Mit dem Beschluss der Provisorischen Regierung Russlands unter dem Druck der Alliierten, den Krieg weiterzuführen, wurden die Gefangenen aber in die Lager zurückgeholt und die Situation verschärfte sich sogar.

Mit der Oktoberrevolution wurden sie letztlich jedoch zu freien, ausländischen Bürgern. Theoretisch besaßen sie also Bewegungsfreiheit, der Großteil musste aber in den Lagern bleiben, weil sie nirgendwo anders wohnen konnten und sich den Lebensunterhalt selber erwirtschaften mussten. So gestaltete sich die soziale und wirtschaftliche Situation je nach Beruf extrem unterschiedlich.

Gute Handwerker, Musiker und Techniker waren sehr gefragt. Die Berufsoffiziere, die sonst keine Ausbildung hatten, schlossen sich zum Teil der Roten Armee, zum Teil den einheimischen Aufständischen und der Konterrevolution an.

Gerade Buchara und Kokand galten als Zentren des antibolschewistischen Widerstands. Was war die Rolle der österreichischen Kriegsgefangenen im folgenden Bürgerkrieg?

Es gab zum Beispiel Kriegsgefangene, die für den Emir von Buchara in den Bergen Tadschikistans eine Waffenfabrik betrieben haben. Nach der Februarrevolution 1917 etablierte sich in Taschkent ein Revolutionsrat, manchmal waren die Bolschewiken an der Macht, dann wieder die Gegenseite. Eine sehr chaotische Situation also.

In Kokand etablierte sich eine Regierung, die ein autonomes Turkestan zumindest innerhalb des sowjetischen Herrschaftsgebiets etablieren wollte, die sogenannte „Kokander Autonomie“. Sie wurde blutig niedergeschlagen, auch unter der Beteiligung von Kriegsgefangenen. Auch von Seiten Bucharas gab es Widerstände. Die Kämpfe wurden entlang der Bahnlinien geführt. Es gibt einen Bericht eines Grazer Zeitzeugen, der offen über seine Beteiligung schreibt. Andere erwähnen nur, dass versucht wurde, sie anzuwerben, sie sich aber rausgehalten hätten. Sicher gab es mehr Ungarn als Deutsch-Österreicher, die gekämpft haben. Teils aus ideologischen Gründen, teils aus materiellen.

Gab es Kontakt zwischen den Kriegsgefangenen und der ansässigen Bevölkerung?

In erster Linie bestand Kontakt zu russischen Militärs und der kolonialen Bevölkerung. Im ganzen Gebiet Turkestan gab es neben den traditionellen Stadtteilen russische Stadtteile. Mit der einheimischer Bevölkerung kam Kontakt zum Teil bei Fluchtversuchen zustande. Aber es wird immer wieder von einem großen kulturellen und religiösen Unterschied gesprochen.

Die Region erschien unglaublich exotisch, manche Gefangene interessierte das und sie wollten mehr erfahren. Für andere war die Umgebung nur bedrohlich und fremd. Es hat sicher auch eine Menge von Beziehungen zwischen Kriegsgefangenen und Frauen gegeben. Ich kenne einen Bericht von einer Ehe mit einer autochtonen Einheimischen, die aber sehr schnell an kulturellen Differenzen und der Verwandtschaft gescheitert ist.

Sehr wenige haben Ehefrauen nach Österreich mitgebracht, viele haben Familie zurückgelassen, dem wollen wir noch nachgehen.

In welchem Jahr endet die Spur österreichischer Kriegsgefangenen in Turkestan?

Der größte Teil der Verbliebenen 30.000 sind 1920 und 1921 „repatriiert“ worden. Für die Zeit danach geben vielleicht lokale Quellen Aufschluss. Es gestaltet sich schwierig, weil deutschsprachige Kriegsgefangene in der Stalinzeit als „feindliche Ausländer“ betrachtet wurden und oft in Lager deportiert wurden.

In Österreich gab es einzelne Berichte über Spätheimkehrer. Für viele der Rückkehrer war ihre Kriegsgefangenschaft jedoch ein Tabuthema.

Das Gespräch führte Lukas Dünser. Das Interview erschien zuerst am 30. September 2017 auf der deutschsprachigen Seite von Novastan.org. Wir übernehmen das Interview mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

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