Kulturelle Entwicklung in Kasachstan: Zwischen Nomadentum, Sowjeterbe und kapitalistischer Moderne

Nomads Land
Eine Hochzeit am Balchaschsee. | Foto: Dieter Seitz

In seinem Buch Nomads Land zeichnet der deutsche Fotograf Dieter Seitz eine „kulturelle Topografie“ Kasachstans. Die 103 Bilder des Bandes führen in einer Art fiktiven Wanderung durch die jüngere Historie des Landes. Von 2014 bis 2016 reiste Seitz dafür durch Kasachstan, nach einem ersten Aufenthalt 2009. Das Besondere an dem Bildband: Über die Fotografie hinaus beschreibt ein Essay von Markus Kaiser, Präsident der Deutsch-Kasachischen Universität, die Suche der Kasachstaner nach einer neuen Identität. Ende Juni präsentierten sie das Ergebnis ihrer Arbeit in Almaty. Im Interview sprechen die beiden Soziologen Seitz und Kaiser über das Buch, den Wandel in der kasachischen Gesellschaft und die schwierige Finanzierung von künstlerischen Projekten.

Herr Seitz, in dem Buch Nomads Land sehen wir Kasachstan durch Ihre Augen. Wie sieht Ihr persönliches Bild von Kasachstan aus?

Dieter Seitz: Ich empfinde Kasachstan als ein sehr zerrissenes Land – allein aufgrund seiner wechselvollen Geschichte: die Deportation der Russlanddeutschen, der Koreaner und anderer Ethnien hierher, besonders auch aufgrund der extremen Gegensätze zwischen Stadt und Land, zwischen den industriellen Zentren und den Weiten der Steppe. Zugleich ist Kasachstan ein sehr hartes Land. Allein die Temperaturunterschiede sind ja irrwitzig. Das ist nur von Menschen mit einer bestimmten Widerstandskraft, mit einem hohen Maß an Gleichmut zu ertragen.

Und könnten Sie sich nach ihren langen Erfahrungen im Land vorstellen, hier zu leben?

In gewisser Weise ist mir Vieles sehr vertraut geworden. Aber angesichts der Korruption und der ausgeprägten Hierarchien, auf die man überall stößt, könnte ich mir ein Leben hier auf Dauer kaum vorstellen. Mein Eindruck ist, dass nicht wenige junge Menschen resignieren, und vor allem die gut Ausgebildeten wollen Kasachstan früher oder später verlassen. Dabei möchte ich gar nicht den Moralapostel spielen: Auch in Deutschland gibt es Korruption, wie wir derzeit zum Beispiel in der Automobilbranche sehen können.

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Wie finden Sie Ihre Motive?

Seitz: Im Grunde genommen gibt es zwei Annäherungen: Zum einen ist die Suche nach Motiven immer strukturiert von einem inneren Bild, das ich vom Land habe, welches wie eine Art Suchraster wirkt. Man kann nicht einfach losfahren und alles fotografieren, was einem vor die Linse kommt. Mein Eindruck war – und ist immer noch, dass es drei große

Strömungen gibt, welche die kulturelle Entwicklung des Landes prägen. Erstens die traditionelle kasachische Kultur, die während der vergangenen 20 Jahre stark wiederbelebt wird. Dann gibt es das kulturelle Erbe der Sowjetunion, auf das man vielfach, beispielsweise in der Architektur, aber auch im Verhalten der Menschen stößt. Die dritte Strömung ist die westliche, kapitalistische Moderne, die über das Land kommt und von der Jugend begierig aufgesogen wird.

Mein Eindruck ist nun, dass sich diese drei Strömungen auf vielfältige Weise miteinander vermischen. Es entsteht etwas Neues, von dem man noch gar nicht so genau weiß, was es ist. Je nachdem, ob man in Astana, Almaty, Karaganda oder Ust-Kamenogorsk ist, gibt es auch jeweils ganz andere Formen des Zusammenspiels und der Mischung. Die Frage war: Wie kann ich das fotografieren? Mein fotografisches Konzept ist: All dies spiegelt sich vielfältig im kulturellen Alltag wider, sodass es darum geht, entsprechende Alltagsphänomen zu suchen und aufzunehmen. Zum anderen muss man gleichzeitig offen bleiben für Überraschungen und Irritierendes, also für das Neue, für Widersprüche und Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen scheinen.

Was ist so ein Alltagsphänomen?

Seitz: Im Buch gibt es ein Bild von einer Hochzeit am Balchaschsee mit einem MIG-Kampfjäger im Hintergrund. Es ist ein Brauch aus der Sowjetzeit, dass Brautpaare solche Denkmäler abklappern, an jedem Ort eine Flasche Sekt köpfen, Wodka trinken und feiern. Doch der heutige Pomp bei einem Hochzeitsritual, mit möglichst dicken Limousinen vorzufahren und Ähnliches, ist eher dem kasachischen Drang geschuldet, sich präsentieren zu wollen. Viele der heutigen Statussymbole sind wiederum Westimporte, einschließlich der Manie, möglichst viele Bilder zu knipsen.

Ein anderes Alltagsphänomen ist das Frauenbild. Ich habe den Eindruck, dass Frauen hier ein großes Selbstbewusstsein haben – etwas eher Untypisches für ein muslimisches Land. Das ist natürlich der Sowjetkultur geschuldet, in der die Frau eine andere Stellung hatte und eine Berufstätigkeit selbstverständlich war.

Markus Kaiser: Dem würde ich etwas widersprechen: Das wurzelt auch in der Nomadenkultur der Kasachen, in der es eine klare Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann gibt und dadurch entstehen Freiräume für Frauen.

Eine Besonderheit des Buches ist die Mischung aus Bildern und Essay. Wie ist Ihre Zusammenarbeit entstanden?

Kaiser: Die Kooperation ist zufällig entstanden, nachdem wir uns hier in Almaty kennengelernt haben. Das Fotoprojekt war bereits in vollem Gange und es war Dieters Idee noch einen Essay in das Buch einzubinden. Innerhalb der Soziologie hat sich mit der „visuellen Soziologie“ ein neues Teilgebiet entwickelt. Bild und Text gehören zusammen und werden zusammen analysiert. Für mich ist es spannend über den wissenschaftlichen, analytischen Kontext hinaus, Bilder einzubeziehen, um Kultur zu verdeutlichen.

Ich finde das Buch sehr gelungen, weil der Verlag am Ende sogar einem für Bildbände untypischen längeren Text zugestimmt hat. Über die Bilder sind viele Dinge ablesbar, die im Text vorkommen wie Nomadentum, Eurasismus oder die Entwicklung Astanas.

Da Sie es ansprechen: Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist das Thema „Identität“, und wie sich diese mit der Zeit verändert. Welche Entwicklungen konnten Sie dazu feststellen?

Kaiser: Es gibt nicht nur in Kasachstan, sondern auch in Russland eine Debatte über Eurasismus. Jedes Schulkind lernt im Geografieunterricht, dass Europa bis zum Uralgebirge geht. Daher gibt es auch in Kasachstan diesen kleinen Teil, der geografisch zu Europa gehört, während der Rest auf dem asiatischen Kontinent liegt. Ob man zu Europa oder Asien gehört, oder irgendwo dazwischen ist, spielt in der Identitätsfrage eine große Rolle. Das Thema hat auch mit der Gründung der Eurasischen Wirtschaftsunion an Fahrt gewonnen.

Die Identitätssuche verändert sich insofern, dass die kasachische Nationalisierung zunimmt, wozu eine Revitalisierung und unkritische Glorifizierung des Nomadentums gehört. Das kann man an zwei Punkten festmachen: In ganz Zentralasien gibt es immer mehr Orte, wo man mit Russisch nicht weiterkommt. Das finde ich sehr schade, weil damit auch die Kommunikation unter den Staaten sowie Gesellschaften abnimmt. Der zweite Punkt ist der zunehmende Nationalstolz unter jungen Kasachen. Der Stolz darauf, was man schon alles erreicht hat, wo Kasachstan in der Welt steht. Das gehört zu einem Staatsaufbau sicherlich dazu. Aber dabei wird auch viel ausgeblendet und es geht viel verloren, zum Beispiel das Anerkennen des Erreichten im Bildungs- und Kulturbereich während der Sowjetunion oder von Entwicklungen anderer gesellschaftlicher Gruppen sowie außerhalb Kasachstans.

Seitz: Dem kann ich nur zustimmen: Es gibt eine verstärkte Betonung des Nationalen, was in gewissem Maße aus der Historie verständlich sein mag. Aber wie wir wissen, basieren sehr viele Konflikte dieser Welt auf nationalistischen Sichtweisen und dem fehlenden Verständnis von internationalen, gemeinsamen Interessen, also dem, was Menschen über nationale Schranken hinaus verbindet. Kasachstan ist ein multiethnisches Land, was zu Recht betont wird. Aber an der Umsetzung dieses Konzeptes mangelt es bisweilen.

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Wie haben Sie Ihr Projekt finanziert?

Seitz: Hauptsächlich über den Verkauf von Bildern und Büchern, sowie durch Unterstützung von Sponsoren. Aber die Finanzierung ist immer prekär. Ohne den Beitrag der Deutsch-Kasachischen Universität und des DAAD finanziert aus Mitteln des Auswärtigen Amtes hätte es mit der Buchveröffentlichung kritisch ausgesehen. Die deutsche Botschaft in Astana hat eine Ausstellungsreihe unterstützt und das Institut für Auslandsbeziehungen hat eine Ausstellung von mir in Peking finanziert. Aber der künstlerische Anspruch lässt sich oft nicht ohne weiteres im Rahmen dessen realisieren, was öffentliche oder private Geldgeber zu unterstützen bereit sind.

Kaiser: Es ist sehr schade, dass diese Art von Projekten schwierig zu finanzieren und kaum förderbar ist. Im Hochschul- und Stipendienbereich, insbesondere bei den Sozialwissenschaften, wird sehr oft auf die Textproduktion abgestellt. Film und Bild gilt als weniger wissenschaftlich, obwohl gerade mit diesen Medien – ein weiteres Beispiel wäre der ethnografische Film – eine Popularisierung möglich wird.

Seitz: Es wird oft gefragt: Warum ist Kunst bisweilen so weltfremd? Das hat auch viel mit den Finanzierungsbedingungen im Kunstbereich zu tun. Für die Kunst bleibt oft nur am Ende, wenn alle anderen Dinge finanziert sind, etwas übrig. Wenn es darum geht, Geld einzusparen, wird zuerst bei der Kunst gekürzt.

Kaiser: Das ist auch das Problem der Sozialwissenschaften. Es gibt im Hochschulbereich einen Fokus auf Ökonomie und Technik. Für Orchideenfächer, wie zum Beispiel die von der Schließung bedrohten Zentralasienstudien an der HU Berlin, bleibt kaum Geld übrig.

Seitz: Und wenn sich Kunst durch Verkauf finanzieren will, ist die Frage ja: Wofür gibt es überhaupt eine zahlungsfähige Nachfrage? Das sind allzu häufig Themen und Bilder, die skandalisieren. Dort, wo Konflikte hochkochen und wo möglichst der Pulverdampf wabert, gibt es Aufmerksamkeit und Geld. Ein Projekt über den Bürgerkrieg in der Ukraine, hat sofort Publikum. Nach Kasachstan schaut keiner. Da ist Überzeugungsarbeit notwendig. Doch genau das reizt mich. Ich denke, dass die Bedeutung dieser Region an der geopolitischen Schnittstelle zwischen Europa und Asien auch in kultureller Hinsicht unterbewertet wird.

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Was wollen Sie mit der Fotografie bewirken?

Seitz: Mein Antrieb ist es nicht, Bilder zu machen, um sie dann nur in Westeuropa auszustellen und die Leute dort finden sie gut oder eben nicht. Vielmehr geht es mir darum, einen kulturellen Austausch mit zu initiieren, einen Beitrag zu einem wechselseitigen Verständnis zu leisten. Ich möchte zeigen, welches Bild ich als Westeuropäer von Kasachstan habe, und wissen, was die Kasachstaner über meinen Eindruck ihres Landes denken. Daher habe ich die Ausstellung „Virtual Landscapes“ hier in sechs Städten präsentiert. Die Diskussionen waren oft kontrovers, und vor allem in Städten wie Ust-Kamenogorsk oder Semei waren sie sehr viel lebhafter als etwa in Astana.

Woran liegt das?

Seitz: Einerseits gibt es in den kleineren Orten ein geringeres kulturelles Angebot und Ausstellungen wie meine finden viel mehr Beachtung. Andererseits werden diese kleineren, lokalen Museen mit viel Engagement und Liebe geführt. Sie haben viele Leute eingeladen, die dann auch kamen. Das gab es in dieser Breite und mit diesem Engagement in Astana nicht.

In praktisch allen diesen Museen gibt es Menschen mit einer profunden, kunsthistorischen Ausbildung, die sie noch in der Sowjetzeit absolviert haben. Soweit ich es überblicke, gibt es so etwas an den Hochschulen Kasachstans heute kaum noch, und mit ein paar Auslandssemestern ist das auch nicht zu kompensieren. Mein Eindruck ist, dass viele der jüngeren Galerie- und KunstmanagerInnen daher über ein eher vages Verständnis dessen verfügen, was sie da managen oder was ein gutes Bild ausmacht. Und diese Generation wird in 20 Jahren die Museen betreiben. Hier liegt eine nicht zu unterschätzende Gefahr künftiger kultureller Verarmung. Das ist natürlich ein vielschichtiges Thema, bei dem es nicht zuletzt auch darum geht, wie sich das Verhältnis von öffentlichen Kulturinstitutionen und Markt entwickeln wird. Aber ganz elementar ist doch: Das Wissen und die Erfahrung „der Alten“ müsste man hüten wie seinen Augapfel und dafür Sorge tragen, dass sich das an den Ausbildungsstätten, an den Museen usw. auch institutionell entfalten und an „die Jungen“ weitergegeben werden kann.

Fotografie ist in Kasachstan ein sehr unterentwickeltes Thema. Es fotografiert zwar jeder, aber als künstlerische Gattung ist Fotografie in Kasachstan noch nicht angekommen. Vor dem Hintergrund der hiesigen Privatisierungswelle bin ich nicht besonders optimistisch für die Entwicklung der künstlerischen Fotografie in Kasachstan, weil alles, was marktgetrieben ist, das Oberflächliche und eher Modische begünstigt.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Seitz: Seit etwa einem drei Viertel Jahr arbeiten Markus und ich an einem neuen Projekt mit dem Arbeitstitel „Kosmos und Alltag“. Es beschäftigt sich mit der Bedeutung der Raumfahrt in den ehemaligen sozialistischen Staaten, die sehr viel größer war als im Westen und auch den Alltag der Menschen stärker durchdrungen hat. Auch da spielt das Thema Identität wieder eine große Rolle.

Kaiser: In der Sowjetunion war der Weltraum ein gern angenommenes Identifikationsangebot. Zu Gagarin kann jeder etwas sagen. Es finden sich noch überall Artefakte, über die man auch mit den Menschen ins Gespräch kommen kann. Außerdem kommt man an ganz neue, spannende Orte wie Observatorien. In gewisser Weise ist die Astronomie und Astrophysik eine ganz eigene Subkultur.

Das Interview führte Othmara Glas.