Politik, Werte, Bildung: Was ist für junge Menschen in Zentralasien wichtig? In mehreren Studien befragte die Friedrich-Ebert-Stiftung 4.000 Jugendliche in Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan. Herausgekommen ist die wohl bisher umfangreichste Bestandsaufnahme über Einstellungen, Wünsche und Lebensweisen der 14- bis 29-Jährigen in der Region.

Wie tickt die Jugend in Zentralasien? Dieser Frage ist die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) auf den Grund gegangen. In einer Reihe von Jugendstudien wurde untersucht, wie junge Menschen leben, welche Ansichten sie haben und welche Ziele sie verfolgen. Die erste Studie wurde im Zeitraum Dezember 2014 bis Januar 2015 in Kasachstan durchgeführt. Danach folgten Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan. Befragt wurden jeweils 1.000 Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren.

Bereits im November wurde eine Vergleichsstudie präsentiert, die die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Jugend in allen vier Ländern analysiert. Nun ist die Studie auch in gedruckter Form verfügbar. „Man erfährt viel darüber, wie Jugendliche ihre Freizeit gestalten, ob sie an Politik interessiert sind, welche Beziehung sie zur Familie haben oder wie viele Kinder sie wollen“, sagt Henriette Kiefer, Regionaldirektor der FES in Kasachstan und Usbekistan.

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Junge Länder

Die zentralasiatischen Staaten sind sehr junge Länder. Der Anteil der 14- bis 29-Jährigen liegt in allen untersuchten Ländern außer Kasachstan bei etwa 30 Prozent. In Kasachstan sind es nur 26 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland macht die gleiche Altersgruppe gerade einmal 17 Prozent der Bevölkerung aus.

Befragt wurden die jungen Menschen zu ganz verschiedenen Themen wie Lebensweise, Bildung, Werte und Identität, aber auch zu ihren politischen Einstellungen. Geht es zum Beispiel um Lebensziele, ergibt sich für alle vier Staaten ein ähnliches Bild. Die meistgenannten Ziele sind: zuverlässig und treu gegenüber Partner, Familie, Freunden zu sein; sich gesund zu ernähren; zu heiraten; unabhängig zu sein; Verantwortung für sich selbst zu übernehmen; und gut auszusehen. Karriere zu machen, scheint hingegen weniger wichtig zu sein.

Quelle: Die Jugend Zentralasiens, FES 2017.
Quelle: Die Jugend Zentralasiens, FES 2017.

Über die Hälfte der Befragten will ihre Ausbildung entweder vollständig oder zumindest teilweise im Ausland absolvieren. Ganz oben auf der Wunschliste stehen dabei Russland und die USA. In Tadschikistan antworteten über 42 Prozent, dass sie für eine Ausbildung oder ein Studium nach Russland gehen würden. In Kirgisistan würde knapp ein Drittel der Befragten in die USA gehen. Für junge Kasachstaner und Usbeken sind auch die Länder der Europäischen Union und China eine attraktive Option.

 

 

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Familie ist wichtig

Obwohl viele für ihre Ausbildung ins Ausland gehen würden, ist es für die wenigsten eine Option, ihr Heimatland für immer zu verlassen. Dies kann durchaus auch mit dem Stellenwert der Familie zusammenhängen. In Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan gaben über 85 Prozent der Befragten an, dass es für sie sehr wichtig sei, einen Partner zu finden und zu heiraten. In Kasachstan liegt diese Zahl bei knapp 76 Prozent. Das beste Alter zum Heiraten sei für Frauen zwischen 19 und 22 Jahren, für Männer zwischen 23 und 25 Jahren. In allen Ländern wünschen sich junge Menschen im Durchschnitt drei oder vier Kinder.

Nach den Wohnverhältnissen gefragt, gaben in allen Ländern über 86 Prozent an, mit ihrer Familie oder dem Ehepartner zusammenzuleben. In Tadschikistan beträgt die Zahl sogar fast 98 Prozent. Alleine zu leben, ist in den traditionell geprägten zentralasiatischen Staaten hingegen kaum ein Wohnmodell. In Kasachstan und Kirgisistan leben zumindest etwa fünf Prozent mit Freunden in einer Wohngemeinschaft zusammen.

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Geringes Interesse an Politik

Quelle: Die Jugend Zentralasiens, FES 2017.

Vor allem in westlichen Medien oft diskutiert, wenn es um Zentralasien geht: Brautraub. Außer in Kasachstan lehnt eine deutliche Mehrheit der Befragten diese Praktik ab. In Kasachstan geht rund ein Drittel davon aus, dass Brautraub oft aufgrund eines gegenseitigen Einverständnisses geschieht. Daher sind sie weder dafür noch dagegen. Deutlicher sehen die Antworten zum Thema Vielehe aus: Hier spricht sich in allen vier Ländern die Mehrheit klar gegen eine Legalisierung aus.

 

Die überwiegende Mehrheit der Jugend bekennt sich zum Islam. In Kasachstan gaben 30,5 Prozent an russisch-orthodox zu sein. Außer in Kasachstan gaben außerdem jeweils über 90 Prozent an, gläubig zu sein, doch nur eine Minderheit nimmt aktiv am religiösen Leben teil. In Ländern wie Tadschikistan und Usbekistan ist dies jedoch allein schon wegen politischer Restriktionen eher schwierig.

Zu den dringendsten Problemen, die gelöst werden müssten, gehören in allen Ländern nach Ansicht der jungen Menschen Korruption, Arbeitslosigkeit und Armut. Das Interesse an Politik ist jedoch gering. Die meisten Menschen interessieren sich gar nicht oder nur selten für Politik. Ihre Informationen bezieht die überwiegende Mehrheit dabei aus dem Fernsehen.

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Kasachstan hat Vorreiterrolle

Quelle: Die Jugend Zentralasiens, FES 2017.
Quelle: Die Jugend Zentralasiens, FES 2017.

Außerdem scheinen den Befragten gute Beziehungen zu den zentralasiatischen Nachbarstaaten wichtig zu sein. Als wichtigster Partner wird Russland angesehen. In Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan halten jeweils über 70 Prozent eine weitere Integration in die von Russland geführte Eurasische Wirtschaftsunion für wünschenswert. In Kasachstan und Tadschikistan können sich die meisten zudem die Gründung einer Zentralasiatischen Union bestehend aus Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan vorstellen. In Kirgisistan und Usbekistan sprachen sich jeweils nur 42,4 Prozent für so einen Zusammenschluss aus.

Insgesamt ist Kasachstan wohl das liberalste Land in Zentralasien. Das bestätigten auch Studenten aus Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan und Afghanistan, die in Almaty studieren. Vor allem in Sachen Gleichberechtigung und Frauenrechten sei Kasachstan weiter als seine Nachbarn.

Die Jugendstudie der FES basiert auf der Shell-Jugendstudie, die seit 1953 in Deutschland etwa alle vier Jahre durchgeführt wird. Dabei geht es um die Untersuchung von Einstellungen, Werten, Gewohnheiten und des Sozialverhaltens von Jugendlichen in Deutschland. Die Methodik und die Fragen wurden der Situation der zentralasiatischen Länder angepasst. In der Region war es die erste großangelegte Jugendstudie dieser Art. „Wir würden die Studie gerne in vier oder fünf Jahren wiederholen, wissen aber noch nicht, ob das klappen wird“, so Kiefer.

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