Der Ethnologe Jesko Schmoller (29) lebt seit Sommer 2006 in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. In seinem achten Bericht beschreibt er einen Traum.

Andernnachts träumte mir: Hegel, Heine und Hölderlin sitzen zusammen in einer usbekischen Teestube. Heines Gesicht sieht müde aus. Hölderlin schenkt allen dampfenden, schwarzen Tee ein. „Es ist immer das Gleiche“, klagt Heine. „Denk ich des Nachts an Usbekistan, find ich danach keinen Schlaf mehr.“ Hölderlin sieht ihn fragend an: „Ist tags denn nicht genug Zeit, über Usbekistan nachzudenken?“ „Ganz und gar nicht. Seit ich mich in mein inneres Exil zurückgezogen habe, werde ich bei jeder Gelegenheit an mein altes Leben in der Heimat erinnert.“ Die Bedienung, ein uigurisches Geschwisterpaar, tragen Fladenbrot und Suppe auf. Sie bewegen sich mit einer Anmut durch den Raum, als wären sie Tänzer oder Zirkusartisten. Ihre Füße berühren kaum den Boden. Hölderlin bittet um eine Flasche Wodka, bewirtet damit Heine und schüttet sich das brennende Wasser in den Schlund. Hegel starrt derweil wie gebannt auf die vor ihm stehende Suppe.

„Ich kann gar nicht ausdrücken, wie sehr mir die Herzenswärme der Menschen in meiner neuen Situation fehlt.“ Unter dem Einfluss des Alkohols redet Heine sich langsam warm. „Und die Idylle der Mahalla, wenn die Kinder auf der Straße im vom Baumgrün gebrochenen Sonnenlicht spielen …“

Das Kellnermädchen stellt einen Tonteller Reis auf den Tisch, der Junge ein Fleischgericht. Es ist schwer zu erkennen, aber die beiden scheinen irgendwie ineinander verknotet zu sein. Die Augen des Mädchens hängen, ohne es noch verbergen zu können, an den Lippen Heines. Der Blick ihres Bruders ist seltsam nebelverhangen. Hegel zieht den Reisteller zu sich heran und positioniert ihn gegenüber der Suppenschüssel. Dann beobachtet er beide Objekte in ihrem Spannungsverhältnis.

Bei der Erwähnung der Mahalla gerät auch Hölderlin ins Schwärmen. Spontan bringt er ein paar Verse auf die Welt der Mahalla vor, ein Leben nahe dem Naturzustand, wie er es nennt. Heine klopft dem Freund ermunternd auf die Schulter. „Und wenn Usbekistan von der russischen Okkupation nicht schon befreit wäre, müsste man umgehend zur Tat schreiten“, ruft Hölderlin voll Leidenschaft in den Raum. Unvermittelt steht nun auch das Geschwisterpaar wieder am Tisch. Im Inneren des Mädchens scheint eine emotionale Schlacht zu toben, ein Ton steigt aus den Tiefen auf, kann jedoch nicht geboren werden, denn das Mädchen ist geknebelt. Irgendjemand hat ihr ein rotes Tuch zwischen Ober- und Unterkiefer geknotet. Hölderlins Aufmerksamkeit wird von etwas abgelenkt, das neben ihm geschieht; dann wenden alle ihre Köpfe Hegel zu. Der guckt konzentriert auf den Tisch vor sich, greift dann entschlossen zum Reis und schüttet ihn in die Suppe. Heine schaut drein, als wüsste er nicht, was das zu bedeuten habe, Hölderlin entweicht ein erstauntes „Oh“, während Hegel zufrieden den Löffel in seine Reissuppe taucht, die man in Usbekistan „Mastava“ nennt.

Mit einem Schrei wachte ich auf, wischte die Schweißtropfen von meiner Oberlippe und schwor mir, nicht mehr direkt vor dem Einschlafen Hölderlin zu lesen.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) war ein deutscher Philosoph, der mit seiner Theorie der Dialektik unter anderem Karl Marx beeinflusste.

Heinrich Heine (1797-1856) war einer der größten Dichter und Essayisten deutscher Sprache, dessen Werk im Zeichen des Liberalismus steht.

Friedrich Hölderlin (1770-1843) gebührt aufgrund seiner eigenwilligen Lyrik eine Sonderstellung unter den wichtigsten Dichtern Deutschlands.

Von Jesko Schmoller

01/06/07

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