„Ich heiße Michael Quiring, bin 39 Jahre alt und seit 2010 Rechtsanwalt mit Zulassung in Celle. Meine Familie ist 1991, vier Wochen bevor es die Sowjetunion nicht mehr gab, im Zuge der ersten großen Welle der Spätaussiedler nach Deutschland gekommen.

Es hat zwei- drei Jahre bis ich Deutsch richtig gut gelernt hatte. Ab der 11. Klasse hatte ich Russischunterricht  und ich musste richtig darum kämpfen, die Sprache wieder lernen zu dürfen.  Nach dem Abschluss des Jurastudiums in Hannover stellte ich mir bei der Vorbereitung auf das zweite Staatsexamen im Jahre 2009 die Frage, wo ich meine Wahlstation absolvieren möchte. Von Nostalgie getrieben, habe ich gesagt: Ich gehe zur Delegation der deutschen Wirtschaft  nach Almaty, sprich „back to the roots“. Von Almaty war ich sehr positiv überrascht, da ich mir das Leben in Kasachstan anders vorgestellt hatte. Wahrscheinlich war das von den Erzählungen der Verwandten geprägt, die erst Ende der 90er nach Deutschland übergesiedelt waren. Der erste Eindruck war, dass Almaty im Vergleich zu Deutschland relativ teuer ist. Außerdem gab es nur wenige Cafés. Um einen guten Kaffee zu trinken, musste man sehr lange fahren. Und es gab keine Brötchen.

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Wie ich dann erneut nach Kasachstan gekommen bin? Ich interessierte mich für eine potentielle Kooperation zwischen deutschen und kasachischen Rechtsanwälten. Eine deutsch-russische Juristenvereinigung gibt es schon seit Ende der 90er Jahre und meine Idee war, so etwas Ähnliches ins Leben zu rufen. Ganz zufällig sah ich die Stellenanzeige von Rödl &Partner, die einen Leiter für die Rechtsberatung, Buchhaltung und Wirtschaftsprüfung suchten. Ich bin quasi „Google sei Dank“ (wieder) in Kasachstan.

Die Entscheidung zurückzukommen, fiel mir relativ leicht. Während meines ersten Aufenthaltes in Almaty hatte ich alte Klassenkameraden mit Hilfe von Social Media und entfernte Freunde der Familie gefunden. Das war für mich schon ausreichend, um im Juni 2013 nach Kasachstan zurückzukehren. Allerdings habe ich auch schnell gemerkt, dass ich eine andere Arbeitseinstellung habe. Da merkt man die gute deutsche Ausbildung. Außerdem können Leute wie ich hier erfolgreicher sein, da wir einerseits Verständnis für die hiesige Kultur haben und andererseits  ganz genau wissen, wie ein typischer deutscher Mittelständler tickt.

Natürlich habe ich mit Aufnahme meiner Berufstätigkeit in Kasachstan nicht nur positive Erfahrungen gemacht. Jedoch verbessern sich auch einige Teile der gängigen Praxis, welche ich anfangs als eher negativ wahrgenommen habe. Besonders bei der jungen Generation in Kasachstan merkt man den Eifer, Wissen zu erwerben sowie eine gute Ausbildung zu erhalten. Leider sind die Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs durch vielerlei Gründe begrenzt. Doch sehe ich zum Beispiel im Bolaschak-Programm – vor allem durch den Erwerb eines kulturellen Verständnisses – eine herausragende Chance für Studenten auf eine erfolgreiche berufliche Zukunft in Kasachstan.

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Zu meinem Leben in Kasachstan kann ich sagen, dass besonders die Region um Almaty einiges zu bieten hat. Des Weiteren finde ich das Essen sowie generell die Esskultur toll, also beispielsweise das es zum Abendbrot immer etwas Warmes gibt. Eine weitere Besonderheit in Kasachstan ist die kulturelle Vielfalt. Dazu gibt es eine Geschichte, in welcher ich als Katholik mit einem ehemaligen Klassenkameraden türkischer Herkunft aus Georgien an einem Freitagnachmittag zusammensaß. Irgendwann musste dieser in die Moschee zum Freitagsgebet und hat im Sinne einer „zweistündigen Vertretung“ einen Freund vorbeigeschickt. Dieser verbrachte mit mir ein paar Stunden bis auch er sich verabschiedete, um sich für den am nächsten Tag anstehenden Schabbat vorbereiten zu können. Das ist nun wirklich selten und einzigartig, dass man Angehörige dieser drei Religionen im Rahmen eines offenen Gesprächs an einen Tisch bekommt – ganz so wie bei Lessing.

Für die Zukunft möchte ich mich nicht auf ein bestimmtes Land festlegen. Vielleicht geht es für mich beruflich in ein anderes zentralasiatisches Land oder aber auch wieder zurück nach Deutschland. Ich pendle regelmäßig zwischen Kasachstan und Deutschland, merke aber auch, dass mich ein bisschen von der deutschen Kultur entferne.“

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