Migranten im eigenen Land

Viele Rückkehrer leben auf dem Land.
Viele Rückkehrer leben auf dem Land. | Collage: DAZ

Was für Kasachstandeutsche Deutschland ist, ist für Oralmanen Kasachstan: eine historische Heimat. Rund eine Millionen Kasachen sind seit 1991 in das Land zurückgekehrt. Ihre Integration ist nicht immer einfach. Ein Feature.

Dina Buleschewa läuft auf dem Almatyner Arbat neugierig zwischen den Händlern hin und her. Zwei Mal im Jahr präsentieren Künstler und Handwerker aus den Nachbarstaaten ihre Arbeiten. Das Besondere dabei: Sie sind dafür nicht extra aus Kirgisistan oder Turkmenistan angereist. Es sind Kasachen, die aus Usbekistan, Tadschikistan, China oder der Mongolei stammen, und in Almaty leben. Es sind sogenannte Oralmanen, also Rückkehrer, die Buleschewa dabei unterstützt, dass diese ihr Erbe und ihre Handwerkskunst ausstellen können.

Dina Buleschewa ist selbst ethnische Kasachin, doch wurde in Usbekistan geboren. Gleich nach der Unabhängigkeit Kasachstans 1991 kehrte sie erstmals in ihre historische Heimat zurück. „Aus ökologischen Gründen“, wie die kleine Frau mit den kurzen, blondierten Haaren sagt. Sie stammt aus Nukus, der Hauptstadt der Republik Karakalpakistan im Westen Usbekistans. Einst versorgte hier der Aralsee die Einwohner mit Arbeit und Nahrung. Was folgte, war eine der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit. Heute ist der südliche Teil des Sees so gut wie ausgetrocknet.

Etwas mehr als ein Viertel der Bevölkerung Karakalpakistans waren 1991 ethnische Kasachen. „Irgendwann kam nur noch grünes Wasser aus den Leitungen“, erzählt Buleschewa, „dort konnte man nicht mehr leben.“ Sie setzte sich dafür ein, dass mehr als ein Hundert Familien in die Region Schambyl im Süden Kasachstans übersiedeln konnten. Heute sind es über 1.000 Familien. 1996 zog sie selbst nach Almaty, arbeitete als Migrationsexpertin beim kasachischen Arbeits- und Sozialmi-nisterium und gründete mit ihrem Mann die Vereinigung ökologischer Migranten aus dem Aralsee „EcoMigAral“, dessen Präsidentin sie bis zu ihrer Pensionierung 2015 war.

Neue Form der Zivilgesellschaft

Serik Bejmenbetow sitzt in seinem Büro an der Deutsch-Kasachischen Universität. Der gebürtige Kasache hat in Deutschland und Großbritannien studiert, spricht fließend Deutsch. Für eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zum „Zusammenleben der ethnischen Gruppen“ erforschte er die ethnischen Vereine der Oralmanen.

Er unterscheidet die Vereine nach drei Funktionen: sozial, wirtschaftlich und kulturell. Die meisten Vereine fallen in die erste Gruppe. Sie helfen den Rückkehrern bei der Integration, unterstützen sie bei der Wohnungs- und Arbeitssuche oder bei Behördengängen. „Die meisten Oralmanen, die nach Kasachstan kommen, wissen nicht genau, zu welchen Behörden sie müssen“, sagt er.

Über 30 dieser Vereine gibt es in Kasachstan, der Großteil davon in Almaty und Astana. Das Besondere an ihnen sei, dass diese ethnischen Vereine durch Eigeninitiative entstanden sind, nicht durch den Staat, sagt der Politologe. „Das ist ungewöhnlich in Kasachstan und eine neue Form der Zivilgesellschaft.“ Die Vereine füllen eine Lücke aus, da sie im Gegensatz zu den ethnischen Minderheiten im Land, wie die Deutschen oder Koreaner, nur wenig Unterstützung erhalten.

Die Assemblee des Volkes sagt dazu: „Die Oralmanen sind keine Diaspora, keine Minderheit, sondern Kasachen, die nach Hause gekommen sind.“ Dabei haben sie ganz ähnliche Probleme wie die Minderheiten, meint Bejmenbetow. Es gehe um Jugendarbeit, die Bewahrung von Kultur und Traditionen, die Bildung einer Gemeinschaft.

Eine Million Rückkehrer

So wie heute ein Großteil der hier angesiedelten Minderheiten nicht freiwillig nach Kasachstan kam, verließen einst die Kasachen nicht freiwillig ihr Heimatland. Viele flüchteten nach der Machtübernahme der Bolschewiken und vor den 1918 begonnenen Kollektivierungskampagnen. Eine zweite Flüchtlingswelle folgte während des Holodomors, einer von Stalin verursachten Hungersnot 1932 bis 1933.

Nach der Unabhängigkeit Kasachstans forderte die Regierung die zu dieser Zeit im Ausland lebenden Kasachen auf, in ihre historische Heimat zurückzukehren. Zu diesem Zweck gibt es seit 1992 ein Repatriierungsprogramm. Allerdings sah dieses am Anfang per Quote gerade einmal 500 Familien vor, die pro Jahr zurückkehren sollten. Zu wirtschaftlichen Hochzeiten wie 2010 war diese Zahl auf 10.000 gestiegen. Dennoch kehrten weit mehr zurück, als die Quote es zuließe: bisher fast eine Million Menschen, die meisten aus Usbekistan und China.

Die Wenigsten sind somit über das Quotensystem gekommen. Sie haben weder Anspruch auf Sozialleistungen, noch erhalten sie einen Zuschuss, um sich eine Wohnung oder ein Haus kaufen zu können. Doch selbst für die, die mit der Quote kommen, reicht das Geld der Regierung nicht aus, weshalb viele sich außerhalb der großen und teuren Städte niederlassen. Die meisten von ihnen leben in den Regionen Akmola, Karaganda und Ost-Kasachstan.

2012 setzte die kasachische Regierung das Repatriierungsprogramm infolge der gewaltsamen Ölarbeiterstreiks in Schangaösen, von denen Regierung glaubte, dass sie von Oralmanen initiiert worden waren, aus. Nach dem Beginn des Krieges in der Ostukraine wurde es 2015 wieder aufgenommen, um ethnische Kasachen in den noch immer vorwiegend russischgeprägten Norden des Landes anzusiedeln.

Licht und Schatten

Faktisch werden die Oralmanen als Migranten gesehen. Ähnlich den Spätaussiedlern in der Bundesrepublik werden sie mit einer Neiddebatte konfrontiert. Die einheimischen Kasachen fragen sich, wofür die Rückkehrer Geld erhalten. Auch das mag ein Grund sein, weshalb die Oralmanen die Bezeichnung unpassend finden. „Sie glauben, dass das Wort eine Grenze in den Köpfen bildet“, sagt Bejmenbetow. Sie seien keine Rückkehrer, sondern Ba’urlas: Brüder.

Dina Buleschewa setzt sich seit Langem für die Rechte der Oralmanen ein.
Dina Buleschewa setzt sich seit Langem für die Rechte der Oralmanen ein. | Bild: privat

Der Politologe sieht noch eine weitere Besonderheit in den Vereinen der Oralmanen. Es ist die Organisation je nach Herkunftsland. „Die Vereine versuchen anderen Migranten aus ihrem Land zu helfen. Das heißt ein Verein, der von Oralmanen aus China gegründet wurde, unterstützt vornehmlich andere Rückkehrer aus China. Vereine der Mongolen arbeiten mit mongolischen Oralmanen“, erklärt Bejmenbetow.

So war es zunächst auch bei Buleschewa. Sie wollte ihre Landsleute unterstützen, die aus Karakalpakistan nach Kasachstan übersiedelten. Immer wieder machte sie dabei nicht nur auf deren Schicksal aufmerksam, sondern auch auf das des Aralsees. Als Wissenschaftlerin publizierte sie mehrere Aufsätze, in denen sie ökologische Migranten als Personen definiert, die aufgrund von „Umweltbedrohungen für Leben und Gesundheit als Resultat von Desastern und Katastrophen“ gezwungen sind, umzuziehen. Dazu zählen ihrer Meinung nach auch die Einwohner des ehemaligen Atomwaffentestgeländes um Semipalatinsk. 2015 erhielt sie für ihre Arbeit eine Medaille und eine Auszeichnung des Präsidenten anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Assemblee.

Schwierige Integration

Oralmanen sind häufig sogar schlechter in der Gesellschaft integriert als die hiesigen Minderheiten, obwohl sie fließend Kasachisch sprechen. Doch vor allem Rückkehrern aus Ländern, die nicht zur ehemaligen Sowjetunion gehört haben, wie China, Mongolei oder Türkei, mangelt es an den notwendigen Russischkenntnissen. In diesen Gruppen herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit. Einige kehren enttäuscht in die Länder zurück, aus denen sie kamen.
Wie schwierig die Rückkehr sein kann, zeigt der Dokumentarfilm „Kasache aus Istanbul“. Die Regisseurin Raichan Rachim begleitete dafür zwei Oralmanen aus der Türkei. Einer ihrer Protagonisten ist Muftichan-Ata. Er lebt in Nurly, einem Dorf rund 165 Kilometer von Almaty entfernt.

1943 in China geboren, weigerten sich seine Eltern, die seit 1949 regierende Kommunistische Partei zu unterstützen. Anfang des Jahres 1951 flohen sie aus der Provinz Gansu im Bezirk Shanghai. Über Tibet, Indien und Pakistan kamen sie mithilfe eines Internationalen Flüchtlingsfonds und dem Roten Kreuz im September des Folgejahres in Istanbul an. Im Film spricht Muftichan-Ata über den „warmen Empfang“ und die finanzielle Hilfe von Seiten des türkischen Staats, mit der er sich ein Haus bauen und ankommen konnte.

Nach fast 48 Jahren als türkischer Staatsbürger entschied er sich 1999, nach Kasachstan zurückzukehren. „Ich wollte nicht, dass meine Kinder Fremde werden, dass sie ihre Wurzeln vergessen.“ Er bekam Geld von der Regierung, um sich in Nurly ein Haus zu bauen. Heute erhält er eine kleine Rente von 12.000 Tenge (ca. 30 Euro). Das Leben auf dem Dorf ist oft nicht einfach, doch für Muftichan-Ata ist es die Erfüllung seiner Träume.

Positive Aussichten

Iljas Kerim hat seinen Plan hingegen vorerst aufgegeben. Der türkische Meister in Taekwondo betritt mit 41 Jahren zum ersten Mal kasachischen Boden. Die Kamera zeigt die emotionale Begegnung mit seiner Heimat und mit Muftichan-Ata. Am Ende des 2017 entstandenen Films lässt sie in ihm den Entschluss reifen, nach Kasachstan zu ziehen. Produzentin Rachim erzählt später jedoch, dass ihm über das Quotensystem ein Haus im unwirtlichen und kalten Norden Kasachstans zugewiesen worden sei. Für den Familienvater, dem es in Istanbul eigentlich gut geht, vorerst keine annehmbare Option.

Trotz aller Schwierigkeiten sieht der Wissenschaftler Bejmenbetow die Zukunft der Oralmanen optimistisch, da zum einen das Kasachische eine immer größere Rolle spielt. Zum anderen lernen die Zugezogenen und deren Kinder Russisch. Er schätzt, dass die Integrationsprobleme nach einer Generation gelöst sein werden.

Für Buleschewa war die Umsiedlung nach Almaty leicht. Schon in der Sowjetunion gehörte sie zur „Elite“, wie sie selbst sagt. Nach einem Studienabschluss in Philosophie an der Universität Taschkent, besuchte sie noch zu Sowjetzeiten die höhere Parteischule der KPdSU in Moskau. Die heute 62-Jährige spricht fließend Kasachisch, Russisch, Usbekisch und Karakalpalkisch. Dennoch gibt es auch Schattenseiten. „Ich kann seit der Rückkehr nicht mehr nach Usbekistan reisen, nicht einmal zu Beerdigungen naher Verwandter“, sagt sie traurig.