War das Treffen der G8-Staaten in St. Petersburg zugleich Auftakt für ein neues Kapitel russischer Großmachtpolitik? Die WEDOMOSTI (Moskau) glaubt mit Blick auf die von ihr erhoffte Aufnahme Russlands in die Welthandelsorganisation WTO nicht daran: „Das war eine verpasste Chance. Entgegen aller Erwartungen ist es Russland und den USA nicht gelungen, vor und auf dem G8-Gipfeltreffen das WTO-Protokoll zu unterschreiben. Das Treffen in St. Petersburg wäre der ideale Rahmen für den Abschluss der Verhandlungen gewesen. Jetzt werden die Möglichkeiten für einen Kompromiss immer schwieriger. Wenn die Einigung mit den USA nicht bis zum Jahresende gelingt, besteht die Gefahr, dass Russlands Beitritt zur WTO auf Jahre hinausgezögert wird.”

Der Brüsseler DE MORGEN versteht dagegen die Gastgeberrolle des russischen Präsidenten als Indiz für das neue Gewicht seines Landes: „Der Gipfel, der das erste Mal in Russland stattfand, war ein Triumph für Wladimir Putin, und er erlaubte sich sogar einigen Zynismus gegenüber George W. Bush und Tony Blair. Putin ist es gelungen, der G8 klar zu machen, dass sein Land 15 Jahre nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion ein wichtiger Partner geworden ist, mit dem die Welt rechnen muss.”

Die französische Zeitung LE FIGARO sieht vor allem die Energiepolitik als Druckmittel eines neuen Russlands: „Das Treffen war im Prinzip der Sicherung der Energieversorgung gewidmet, diesem für den Wohlstand auf dem Planeten wesentlichen Thema. Herausgekommen ist aber nichts. Konnte man indessen anderes erwarten, wenn das Russland von Präsident Wladimir Putin Energie auf der internationalen Ebene schamlos als Waffe einsetzt? Als grausame Ironie wird von dem G8-Gipfel in Erinnerung bleiben, dass er begrüßt wurde von einem anderen Gipfel, dem der Ölpreise, die schnurstracks auf die 80 Dollar zugehen.”

Die Londoner TIMES widmet sich den Signalen für einen Wandel der russischen Außenpolitik am Rande der G8-Gespräche: „Das wichtigste Zusammentreffen während des Gipfels kam ganz am Ende, als die westlichen Delegationen bereits ihre Koffer packten. Putin traf sich mit den Präsidenten aus Indien und China, mit denen er sich gegen die USA verbünden will. Seit Ende des Kalten Krieges haben die USA aus der Sicht der Russen eine „unipolare” Weltordnung geschaffen – für Russland eine Herausforderung. Alles in allem war es ein kühner Auftritt von Putin. Vielleicht zu kühn.”

Die Würzburger TAGESPOST meint zur künftigen Rolle Russlands, das erstmals als Gastgeber des Gipfels fungierte: „St. Petersburg hat allein durch die Wahl dieses Ortes zum Prestige Russlands beigetragen. Der Westen hat Präsident Wladimir Putin diesen Erfolg trotz mancher Demokratiedefizite in seinem Lande nicht ‘vermasselt’. Dies war klug, obwohl Russlands innen- und außenpolitische Zukunft Anlass zu mancherlei Fragen und Bedenken gibt. (…)Die westlichen Staaten werden lernen müssen, mit einem starken, aber zunehmend undemokratischen Russland umzugehen. Sie müssen behutsam versuchen, dieses schrittweise an den Westen heranzuführen.”

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