Da sitze ich nun in meinem Ego- bzw. Euro-Zentrismus, auf meinem Schoß die fünf Kilogramm schwere Enzyklopädie „Mensch“, und staune, wie viele Völker es gibt. Wie wenig wissen wir doch über die Menschheit!

Oder kennen Sie etwa die Metis, die Yupik, Tlingit, Makah, Haida oder Micmac? Die Potawatomi, Hopi, Huichol oder Saramaka? In all den vielen Büchern, Musiktexten und Filmen, die mir in meinem Leben untergekommen sind, tauchte nie ein Bajau auf. Als wären die Bajau nicht nennenswert. Dabei gibt es so viel Interessantes über sie zu berichten. Zum Beispiel, dass die Bajau überwiegend auf dem Wasser leben. „An Land werden lediglich die Trinkwasserreserven aufgefüllt und die Toten bestattet“, heißt es in meiner Enzyklopädie. Na, darüber wüsste ich gern mehr. Auch kenne ich niemanden, der jemanden kennt, der einen Hopi kennt. Und ich kenne wahrlich viele Menschen – aus den verschiedensten Erdteilen und Winkeln. Und es geht immer weiter. Nicht nur, dass die Ni-Vanuatu zu den vielen ungekannten Völkern gehören, sondern unter ihnen gibt es wiederum viele sprachlich und kulturell unterschiedliche Gruppen, so heißt es. Das nimmt ja gar kein Ende. Bisher wusste ich nicht, dass es über 6.500 Völker gibt und etwa genauso viele Sprachen. Und jetzt weiß ich, dass es sie auch nicht mehr lange geben wird. Denn, was auch in meiner neuen Enzyklopädie steht – dass alle zwei Wochen eine Sprache stirbt. Auf Anhieb ist meine Reaktion „Schade“, denn Sprachen sind ja schön. Aber wenn ich dem gedanklich weiter folge, wird mir klar – da stirbt ja in erster Linie nicht die Sprache, sondern ein Volk, das nämlich diese Sprache gesprochen hat. Denn wie könnte eine Sprache anders sterben? Es sei denn, ein Volk hört von heut auf morgen auf, die eigene Sprache zu sprechen. Wieso sollte ein Volk das tun? Und damit ist das Ganze nicht mehr nur schade, sondern wird schon sehr dramatisch. Während ich mir die Zähne putze, einkaufen gehe und Mails beantworte, sterben in einem fort Völker. Heute erst erfahre ich von ihrer Existenz, und morgen sind sie schon tot. Dabei würde ich sie so gerne kennen lernen. Da ich zur Zeit nicht verreisen kann, packe ich im Geiste meine Koffer und gehe in meiner Enzyklopädie auf Entdeckungstour. Und entdecke wiederum, dass das Entdecken nichts menschlich Normales ist, sondern anscheinend ein europäisches Phänomen. Die meisten Völker sind immer und durchweg auf ihrem Territorium geblieben. Was logisch wird. Sonst wären wir ihnen ja auch schon mal begegnet, hier oder dort. Und sonst würden sie auch nicht einfach so aussterben. Und dann lese ich weiter, und mir wird klar, dass manche Völker nur aussterben, weil wir unsere Entdeckungslust ausleben, in ihre Territorien eindringen und ihre natürlichen Lebensgrundlagen zerstören. Und damit schließt sich wieder der Kreis oder anders gesagt – hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Würden wir alle bleiben, wo wir herkommen, müsste vielleicht auch niemand aussterben. Aber andererseits wüssten wir alle nichts voneinander. Was ja auch jammerschade wäre. Ein kleiner Trost bleibt – es werden auch immer wieder Völker neu entdeckt, und über das Leben auf anderen Planeten haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen. Aber das würde hier zu weit führen.

Von Julia Siebert

01/09/06

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