Wenn man so vor sich hinlebt, aufsteht, arbeitet, isst, Freunde trifft, ab und zu ein bisschen Kultur konsumiert, dann kommt einem vieles so selbstverständlich vor.

Auch der tägliche Blick in die Zeitung und die Gespräche über das Weltgeschehen werden beinahe zur Routine. Dabei entgeht einem manchmal der Blick aufs Große und Ganze. Zum Beispiel, wie dynamisch Deutschland den Boden für das Anderssein bereitet. Die Integration ist auf vollem Vormarsch, keiner wird ausgelassen. Es gibt fundierte Gesetzesgrundlagen und zahlreiche Projekte zur Einbeziehung von Migranten, von Behinderten und Senioren, für alleinerziehende Mütter, Homosexuelle und die verschiedenen Glaubensrichtungen. Es wird das Beieinander und Miteinander gefördert. So werden die Moscheen aus den Hinterhöfen geholt, prächtige Bauten werden architektonisch in das Stadtbild integriert. Ältere werden aus ihrer Isolation befreit und können in Wohnprojekten mit Jüngeren zur gegenseitigen Bereicherung zusammenleben. Migranten sollen verstärkt in Unternehmen, in der Verwaltung und Polizei eingesetzt werden. Niemand darf wegen seines Geschlechts, Glaubens, der sexuellen Ausrichtung oder aufgrund geistiger oder körperlicher Beeinträchtigungen diskriminiert werden. Und wem das doch widerfährt, der kann seine Rechte einklagen. Das ist wahrlich nicht selbstverständlich – schon gar nicht in der Welt und auch nicht in Europa. Und auch noch nicht lange in Deutschland. Es gab Zeiten, da gab es viel weniger Frauen in der Wirtschaft, kaum Migranten in Führungspositionen, da konnten sich Homosexuelle nicht outen und die ältere Generation versauerte in Pflegeheimen. Das zeigt, dass wir uns allmählich aus der Denkrichtung einer klassischen Leistungsgesellschaft heraus bewegen. Heute ist viel mehr von Potenzialen die Rede. Das hat aber nicht nur soziale Beweggründe, sondern es zeigt sich auch in der Wirtschaft, dass sich Fortschritt einstellt, wo verschiedene Erfahrungen und Kompetenzen aufeinandertreffen. Wenn Männer mit Frauen zusammenarbeiten. Wenn verschiedene Kulturen sich vermischen. Wenn Geisteswissenschaftler ihren Blick auf wirtschaftliche Prozesse richten.

Diese Entwicklungen machen sich auch in der Vielfalt der Sprache bemerkbar. Es gab Zeiten, da gab es hierzulande nur ‚Ausländer‘, heute bemüht man sich um die politisch korrekte Wortwahl. Üblich ist der Begriff ‚Migranten‘ oder ‚Zuwanderer‘. Und wenn man auf allen Ebenen politische Korrektheit beweisen will, hieße es besser ‚Migrantinnen‘ und ‚Migranten‘‚ bzw. ‚Zuwanderer‘ und ‚Zuwandererinnen‘ (oder wie lautet hier die Begriffsbildung?). Aber weil diese Menschen aber gar nicht mehr auf Wanderschaft sind, passt vielleicht besser ‚Zugewanderte‘. Und weil die jüngere Generation überhaupt nie gewandert ist, wäre treffender ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘? Aber auch das stimmt oft nicht mehr, viele sehen sich klar als Deutsche und suchen vergeblich nach ihrem Migrationshintergrund.

So stolpern wir noch ein wenig unbeholfen durch die sprachlichen und gesetzlichen Feinheiten, und vor allem die Praxis zeigt noch großen Handlungsbedarf. Aber dass wir stolpern und dass es um Feinheiten geht, ist eine wirklich gute Ausgangsbasis. Noch etwas guten Glauben an die Dynamik der Prozesse, dann könnten wir uns in wenigen Jahrzehnten in einer wahren multikulturellen, interdisziplinären und generationenübergreifenden Gesellschaft sehen. Schöne Aussichten!

Von Julia Siebert

19/05/06

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