Es ist schon schön, dass man in Europa so unaufwändig und unauffällig über die Grenzen hinweg sausen kann, ohne umständlich Schlange stehen, den Pass vorzeigen und Geld wechseln zu müssen. Die Zahnbürste und drei Schlüpfer in den Koffer packen, in ein Fahr- oder Flugzeug steigen – schwups, ist man im Ausland.

Aber vor lauter Schwups geht auch das echte Reisegefühl flöten, das nur aufkommt, wenn man ein bisschen aufgeregt ist, monatelang für die Reise spart und sich wochenlang auf die landestypischen Besonderheiten einstellt: Welche Reisedokumente benötige ich? Wie zahlt man da, wie kommt man dort von A nach B? Passen die Stecker in die Steckdosen? Darf man den Leuten direkt in die Augen schauen und hautenge Jeans tragen? Dann braucht es ein paar Unklarheiten und Unannehmlichkeiten, die einem die Reise immer wieder ins Bewusstsein bringen, angefangen vom Schlangestehen an Konsulaten, um dann natürlich das Visum doch noch nicht zu bekommen, sondern – klar – erst kurz vor Abreise. Nach Landung das Bangen, ob man einreisen darf, dicht gefolgt vom Hadern, ob man an der richtigen Haltestelle steht und ob dort jemals ein Fahrzeug ankommen wird. Um dann erst von einem Taxifahrer bedrängt und schließlich abgezockt zu werden. Das Hotel weiß von keiner Reservierung, versucht aber, ein Zimmer aufzutreiben und kommt sich dabei selbst ganz serviceorientiert vor. Man darf aber trotzdem erst in ein paar Stunden einchecken und muss sich hundemüde durch die Stadt trollen, in der man fast kein Wort versteht. Dann irgendwann kommt der erlösende Moment, man findet ein ruhiges Plätzchen, an dem man sich aufgehoben und verstanden fühlt und einem jemand freundlich lächelnd ein wohltuendes Getränk und Gericht serviert, endlich aufatmen! „Glück ist die Abwesenheit von Schmerz“, sagt Epikur. Und „wenn du eine Reise tust, dann kannst du was erleben“, sagte meine Großmutter.

Solche Reiseerlebnisse hätte ich gern mal wieder, aber im Augenblick habe ich weder die Zeit, noch das Geld, noch die Nerven dafür. Drum habe ich mich sehr gefreut, als ich zuletzt eine kleine Dienstreise nach Istanbul antreten durfte. Ich war ganz aufgeregt und musste feststellen, dass ich keine Ahnung hatte, wie man nach Istanbul reist und wie man sich dort verhält und bewegt. Das war mir ein bisschen peinlich, da ich viele türkischstämmige Freunde, ein paar Jahre beim Zentrum für Türkeistudien gearbeitet und ein paar Brocken Türkisch gelernt habe und mich pseudowissenschaftlich mit dem Land befasse, aber über Null praktisches Basiswissen verfüge. Da ständig viele Menschen nach Istanbul reisen, als würden sie beim Bäcker Brot kaufen, kann das nicht so schwierig sein, sagte ich mir. Prüfte schnell noch, welche Reisedokumente ich benötige und wie man am besten vom Flughafen in die Stadt käme, und ab die Post!

Und dann war es total super. Mit den türkischen Lira, dem anderen Klima, den Moscheen, dem Bosporus und Nachtleben kam mehr Reisegefühl auf als in Holland oder Belgien. Aber die Anreise war geschmeidig genug, um den Aufenthalt genießen zu können. Ein paar kleine Unwägbarkeiten und Unannehmlichkeiten, die zu einer Reise dazugehören, gab es auch, v.a. im Hotel und am Flughafen. In der Bilanz stelle ich fest: Istanbul ist der perfekte Ort, um mal zwischendurch kurzschnell eine „richtige“ kleine Reise zu unternehmen, die einen in ein anderes Ambiente eintauchen lässt, aber finanziell und nervlich nicht ruiniert. Das mache ich jetzt ein Mal im Jahr.

Istanbul – ich komme!

Julia Siebert

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