Schon vor 2.000 Jahren zeugte eine Karawanenstation von der Handelsstärke der Stadt Taras. Das ehemalige Zentrum an der Seidenstraße gehört heute zu einer der ärmeren Regionen in Südkasachstan. Kanat Bosumbajew ist Dezember letzten Jahres als neuer Gebietsakim angetreten, um der Region zu neuem Glanz zu verhelfen. „Wir haben Bodenschätze, gute Arbeitskräfte und setzen bei der Modernisierung auf eine Partnerschaft mit Deutschland.“

/Bild: Christine Karmann. ‚Delegationsreise in die Region Shambyl: Der deutsche Generalkonsul Dr. Gerold Amelung besuchte mit deutschen Mittlern die regionale Vereinigung der Deutschstämmigen „Wiedergeburt“ in Taras.’/

Das ließ sich der deutsche Generalkonsul Dr. Gerold Amelung nicht zweimal sagen und reiste Anfang April mit einer Delegation nach Taras, um deutsche Technik, Kultur und Sozialarbeit zu präsentieren. „Wir wollen nicht kurzfristig ins Geschäft kommen, sondern eine solide Basis für langfristige freundschaftliche Beziehungen legen“, so Dr. Gerold Amelung.

Als Kay Zwingenberger, Präsident von Siemens in Kasachstan, in Taras aus dem Flugzeug stieg, staunte er nicht schlecht. Die Leiterin einer örtlichen Privatklinik stürmte direkt auf ihn zu, um ihm einen Kernspintomographen abzukaufen. Guldara Nurumowa sollte eigentlich ihre türkischen Geschäftspartner abholen, als sie am Flughafen erfuhr, dass im selben Flieger von Almaty nach Taras auch ein Vertreter der Konkurrenz saß. „Siemens war für mich immer ein Unternehmen aus dem siebten Himmel. Falls der Kernspintomograph zu teuer wird, so möchte ich doch auf jeden Fall ein anderes Siemens-Gerät kaufen“, sagte Guldara Nurumova.
Amangeldy Jelgonow, Leiter der Repräsentanz von Wirtgen in Kasachstan, entschied sich für die beschwerliche Busreise nach Taras. Die staubige Buckelpiste ist für den Unternehmer, der deutsche Straßenbaumaschinen in Kasachstan verkauft, der siebte Himmel. „In den nächsten drei Jahren wird hier eine Autobahn gebaut, die Westeuropa mit Westchina verbindet“, sagte Amangeldy Jelgonow und freute sich auf gute Geschäfte.

Auf dem alten Boden der Stadt Taras begrüßte der neue Gebietsakim Kanat Bosumbajew die deutsche Delegation mit Generalkonsul Dr. Gerold Amelung. „Wir schätzen die deutsche Technik sehr. In den letzten zehn Jahren haben wir viele Geschäfte mit deutschen Firmen gemacht und möchten die Region mit deutscher Ausrüstung, neuen Technologien, Erfahrung in der Unternehmensführung und Schulung von Fachleuten weiter modernisieren. Zuverlässige Partner und echte Freunde suchen wir nicht nur in der Wirtschaft, sondern wir sind auch an einer langfristigen Zusammenarbeit im sozialen und kulturellen Bereich interessiert“, sagte Kanat Bosumbajew.

Generalkonsul Dr. Gerold Amelung war bei seinem ersten offiziellen Besuch eines Bezirks außerhalb Almatys mit einer großen Delegation angereist. „Der Anstoß des Besuches kam aus der Wirtschaft. Ursprünglich wollte nur Kay Zwingenberger ein Kooperationsmemorandum zwischen dem Gebietsakimat und Siemens Kasachstan abschließen. Bei einer Umfrage des Konsulats zeigte sich, dass sich auch weitere deutsche Firmen anschließen und deutsche Mittler gerne an der Reise teilnehmen wollten.“

Die Region rund um Taras bietet viel Potential für Investitionsprojekte in ganz verschiedenen Sektoren wie der Landwirtschaftstechnik, der chemischen Verarbeitung, der Bauindustrie, der Metallurgie, der Energiebranche und der Infrastruktur. Gelber Phosphor, Rohmetalle und Sonnenblumensamen werden aus der Region nach Deutschland exportiert im Austausch gegen Kfz- und Landwirtschafttechnik sowie Autoreifen. Neben den mehr als 9.000 Betrieben, davon 92 Prozent Kleinbetriebe, sind vor allem auch Krankenhäuser auf Investitionen angewiesen. „Bei der Behandlung von Patienten gibt es ein Defizit an Geräten. Erst 40 Prozent des Bedarfs an medizinischer Ausrüstung ist gedeckt“, sagte der Gebietsakim.
Bolat Kainasarow, Chefarzt des Gebietskrankenhauses, ist bereits stolzer Besitzer eines universalen Röntgengeräts und kann mit Hilfe eines von drei modernen Angiografiegeräten in Kasachstan verengte Blutgefäße reparieren; seine jungen Ärzte bedrängen ihn jedoch, weitere medizinische Geräte bei Siemens zu bestellen. Deutsche Technik ist teuer, aber auch in Kasachstan für seine Qualität bekannt. „In der Region sind Herzkrankheiten die Todesursache Nummer 1. Mit Hilfe moderner medizinischer Ausrüstung konnten wir die Sterberate bereits senken“, sagte Bolat Kainasarow.

Eine lebendige Brücke zwischen Deutschland und Kasachstan bilden die 6.600 ethnischen Deutschen in der Region. Die Assoziation der gesellschaftlichen Vereinigungen der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“ unterhält neben der Filiale in Taras Außenstellen im ganzen Gebiet. „Haben wir zunächst die ethnischen Deutschen bei den Anträgen unterstützt, um nach Deutschland auszureisen, so bestehen unsere Hauptaufgaben heute in der Spracharbeit, der Landeskunde und der sozialen Arbeit. Die deutschen Sitten und Bräuche lernen unsere Kinder und Jugendlichen in eigenen Clubs. Mit deutscher Hilfe unterstützen wir Rentner sowie wenig begüterte und kinderreiche Familien“, sagte Elisaweta Schefer, Vorsitzende der „Wiedergeburt“ in Taras.

In den letzten fünf Jahren arbeitet die „Wiedergeburt“ des Gebiets Shambyl auch verstärkt mit örtlichen Stellen zusammen, aus dem Gebietsbudget wurde bereits das Nähen deutscher Trachten finanziert. Generalkonsul Dr. Gerold Amelung hatte auf den Termin bei der „Wiedergeburt“ in Taras als einer der aktivsten in ganz Kasachstan besonders gewartet und wünschte Elisaweta Schefer, dass sie mit ihrer Arbeit die Kontakte zu den Entwicklungen im modernen Deutschland weiterhin pflegt und nicht verliert.

Babara Fraenkel-Thonet, Leiterin des Goethe-Instituts Almaty, zeigte sich von den Schicksalen der Russlanddeutschen in Taras sehr bewegt. Valentina Leitner ist eine der vielen Russlanddeutschen, deren Eltern im Arbeitslager starben. „Wir kamen als Kinder allein nach Kasachstan und überlebten die schwere Zeit.“

Heute ist Valentina Leitner rehabilitiert, ihre Enkel haben Computer- und Kochkurse in der „Wiedergeburt“ besucht, und sie selbst durfte an einem Erholungsurlaub im Sanatorium teilnehmen. „Für die materielle Hilfe, insbesondere für den Kauf von Medikamenten, möchte ich mich bei der Bundesregierung bedanken“, sagte Valentina Leitner.

Eine Gruppe des deutschen Jugendklubs „Juwel“ hat sich auf die Spuren der ethnischen Deutschen in der Region begeben und die Lebensläufe der Russlanddeutschen von Taras aufgezeichnet. Mit ihren deutschen Texten gewannen die Jugendlichen den Wettbewerb des Goethe-Instituts „Interview mit Babuschka“. Dieses Jahr im Juni wird die Gruppe ins Rheinland fahren und in deutschen Familien wohnen, nächstes Jahr werden sie Gäste aus Deutschland erwarten.

Außerhalb der Unterrichtsräume der „Wiedergeburt“ kann die deutsche Sprache nur an wenigen Schulen und Universitäten in der Region erlernt werden. An der staatlichen Dulati-Universität Taras mit über 10.000 Studenten unterricht Nasim Dussenowa Deutsch als zweite Fremdsprache und studienbegleitendes Fach. „Die Stundenzahl des Deutschunterrichts ist sehr gering, nichtsdestotrotz bemühen wir uns den Studenten die Liebe zur Sprache weiterzugeben“, sagte die Deutschlehrerin. Eva Portius, Leitern des DAAD-Informationszentrums in Almaty, stellte die ganze Bandbreite von Stipendien vor.
Neben den Höflichkeitsbesuchen informierten sich die Teilnehmer der Delegation über die Geschichte der Region. Als besonderes Highlight empfanden viele Deutsche den Besuch der Sammlung von Steinfiguren im Heimatkundemuseum. Die sogenannten „Bal-Bal“-Steine benutzen nomadische Viehzüchterstämme als Wegweiser oder Verehrungssymbole auf mittelalterlichen Grabhügeln. Wer als Krieger, Poet und anderweitig bekannte Person über genug Einfluss verfügte, dessen Gesicht kann man noch heute in Stein gemeißelt bestaunen.
Unter den 1.100 Denkmälern der Region, ragt eines besonders hervor. Das Mausoleum Aischa Bibi ist ein einzigartiges Zeugnis der orientalischen Architektur, erbaut mit 64 Arten von dekorativen Steinen. Der Legende nach starb hier am Flusses Aischa, die Tochter des Herrschers von Samarkand, an einem Schlangenbiss. Das junge Mädchen war auf der Reise zu ihrem Geliebten Karachan, den sie sich, entgegen der Tradition, selbst zum Bräutigam ausgesucht hatte.

Die Terrakottaziegel des Mausoleums sind vor einigen Jahren nach alten Skizzen renoviert worden, nur beim Dach konnte man auf keine Zeichnungen zurückgreifen und hat sich mit einer abnehmbaren Kuppel beholfen. Die Suche nach Aufzeichnungen eines deutschen Ethnografen, der diese Gegend bereist hatte, blieb bisher erfolglos. Um auch die zukünftigen Generationen daran zu erinnern, das kulturelle Erbe der Region zu bewahren, hat Präsident Nursultan Nasarbajew anlässlich des 2.000-jährigen Jubiläums von Taras eine Schrift in einer Steinsäule versteckt, die in 1.000 Jahren wieder geöffnet werden soll.

Es bleibt zu hoffen, dass man nicht so lange warten muss, um von der Renaissance der historischen Region rund um Taras zu lesen und dass sich aus den Absichtserklärungen zwischen dem Gebietsakimat und der TOO Siemens Kasachstan sowie aus den Kooperationsmemoranden zwischen deutschen Firmen (TOO Robert Bosch, Wirtgen International GmbH, C. Illies & Co ) und den Abteilungen des Gebietsakimats schon in naher Zukunft eine erfolgreiche Zusammenarbeit entwickeln wird.

Von Christine Karmann

09/04/10

Hinterlasse eine Antwort

Please enter your comment!
Please enter your name here