Mit surrealen Bildern und Klängen vor der Kulisse Kasachstans lockte der kasachisch-russische Film „Parallelstimmen“ („Vokalnye Paralleli“), die Besucher des goEast-Kinofestivals im deutschen Wiesbaden.

„Das Wiesbadener goEast-Festival des mittel- und osteuropäischen Films zeichnet sich durch die Vielfalt der Arbeiten von Polen bis Kasachstan aus“, so Christine Kopf, go-East-Festivaldirektorin des Deutschen Filminstituts (DIF). In der Reihe „Signatur“, mit der das Kinofestival laut Programmheft „Streifen mit individueller Note, die in kein Raster passen und durch ihre Inszenierung bestechen“ eine Bühne bieten will, lief auch die kasachisch-russische Koproduktion „Parallelstimmen“ von Rustam Chamadow.

Kasachische Signatur in Wiesbaden

Mit gut drei Dutzend Zuschauern, von der Studentin aus Kasachstan bis zur Film- und Opernkritikerin, war das Chamadowsche Filmkonzert in der kasachischen Steppe für eine Vorstellung zu Festivalbeginn trotz Mittagssonne gut besucht. Auch Saltanat Rachimschanowa lockte der einzige Filmbeitrag aus Kasachstan im Festivalprogramm nach Wiesbaden. Die junge Kasachin studiert in Darmstadt Germanistik und verantwortet die Aktivitäten der Atameken mit – einer Vereinigung Studierender aus Kasachstan im deutschsprachigen Raum. Beim Festival war sie gespannt auf den in ihrer Heimat inszenierten Film „Parallelstimmen“. Die filmische Parallelität von Oper, Theater und Kino plus Neugierde auf Bilder von Land und Leuten lockte auch die in Rumänien geborene Abiturientin und Kasachstanreisende Laura Horga, die nun selber Theater, Film und Medien studieren will, vor die Leinwand. Erst im Sommer hatte Laura Kasachstan besucht. Dort durfte sie auf dem Weltraumbahnhof Baikonur in der winterlichen Steppe einen Raketenstart beobachten. „Nun bin ich einfach auf mehr Bilder aus Kasachstan gespannt“, so Laura Horga.

Kalte verfallene Fabrikhallen inmitten der kasachischen Weite im Winter bilden die Kulisse der Ouvertüre von Chamadows Filmkonzert. Am Lagerfeuer und in fast schamanisch anmutender Manier kreuzen sich bei Opernklängen die Wege der Parallelstimmen-Protagonisten, von der Filmdiva bis zur Frau in Dorfkleidung mit Milchkanne. Die Fabrikhallen mit ihren zerborstenen Fenstern, durch die die Wintersonne Lichtmuster wirft, sind der Anfangspunkt der filmischen Reise einer russischen Operndiva mit teurem Pelzmantel und rotem Hut durch Kasachstan.

Eigenwillige Begegnung mit Land und Leuten

Bei ihrem  Streifzug durch Kasachstan begegnet sie zentralasiatischen Operndiven und den traditionellen Lebensformen der Nomaden. Dies alles ereignet sich in der Steppe oder in bunt geschmückten Traumwelten, unterlegt mit farbenreichen, vom Regisseur selbst entworfenen Kostümen. Die Handlung der Chamadow-Inszenierung hangelt sich an verschiedenen klassischen Stücken entlang, ergänzt durch kurze Dialoge und reflektierende Selbstgespräche. Der die russische Diva umgebende Glamour, ihre Worte über einen weißen Steppenadler aus Stein inmitten der kargen kasachischen Steppe, oder ihr Auftritt in der einfachen Jurte ist eine künstlerische Momentaufnahme einer Gesellschaft im Umbruch; einer Gesellschaft mit dem Nebeneinander von Spuren der Vergangenheit und wieder belebten Traditionen, zwischen europäischen Kultureinflüssen und Stolz auf turk-mongolische Traditionen. So singt die glamouröse Operndiva in einer bunt geschmückten Jurte in der zentralasiatischen Steppe Puccini und Verdi auf Russisch. Dombraklänge sind auch zu hören. Im Matsch stehend beobachtet die Sängerin mit einer kasachischen Bäuerin Pferde und zieht Parallelen zwischen der Konkurrenz der Pferde untereinander und dem Wettstreit auf den Bühnen. Später wird die Operndiva große Äpfel nach ihren kasachischen Kolleginnen werfen.

Freude über neues Genre in Kasachstan

Chamadows Film ist eine bizarre und phantasiereiche Mischung aus traditioneller europäischer Oper und zentralasiatischer Tradition und Lebensweise, eine Skizze von Parallelwelten oder parallelen Stimmen, die sich kunstvoll vermischen. Chamadows 60-minütige Inszenierung mit Situationskomik und sich dem Zuschauer nicht gleich erschließenden Szenen, mit beeindruckenden Bildern von Landschaft und bunter traditioneller kasachischer Kleidung, zieht in den Bann.

Kirsten Liese, die für Tageszeitungen, Kulturzeitschriften und Fernsehkanäle als Opern- und Filmkritikerin schreibt, lobt den Film. Begeistert schildert sie, wie die gelungene und kunstvolle Inszenierung von Farben, Geräuschen und Klang der „Parallelstimmen“ sie gefesselt habe.

„Erstmal muss man all den Bildern Zeit geben, sich setzen zu lassen“, so die Germanistikstudentin Saltanat Rachimschanowa über die surreale Inszenierung aus ihrem Heimatland, die in den Wolken über der Steppe endet. „Aber ich bin froh, dass es solch ein Genre jetzt auch in Kasachstan gibt“, so Rachimschanowa weiter.

Von Gunter Deuber

14/04/06

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