Tausende Dia-Fotos eröffnen einen neuen Blick auf das Alte Kasachstan: Sie sind ein Schatz aus einer vergangenen Epoche und sie bieten spannende Eindrücke von Kasachstan vor der Unabhängigkeitserklärung 1991. Vor vierzig Jahren bereiste der Ingenieur Wolfram Krause aus Sachsen die Region Mittelasien und fotografierte Tausende Motive. Nun will er sein Archiv digitalisieren.

 

Schatzhüter: Wolfram Krause mit Fotoboxen in seinem Haus in GörlitzDie Sowjetrepubliken Zentralasiens, das waren aus Sicht der Deutschen Demokratischen Republik in den 1970er Jahren sozialistische Bruderländer – geographisch zwar unfassbar weit entfernt, aber politisch-ideologisch ganz nah dran. Für Wolfram Krause war es trotz allem ein erschwingliches und erreichbares Urlaubsziel; Reisen in den Westen waren hingegen schier undurchführbar. Sie wären nicht nur wesentlich teurer gewesen, ja, schon allein wegen der eingeschränkten Reisefreiheit in der DDR war an einen Ausflug ins westliche Ausland kaum zu denken. Solche Unternehmungen blieben in der Regel ein Privileg für Staatsbedienstete oder DDR-Bürger mit Parteibuch und guten Kontakten.

Hobbyfotografen unter Spionageverdacht

Krause buchte also 1975 eine Reise nach Kasachstan, in eine Weltregion voller Gegensätze, wo der wirtschaftlichen Rückständigkeit der unbekannte Zauber orientalischer Kultur gegenüberstand und wo die asiatisch-muslimische Welt der Nomaden auf die tendenziell areligiöse Staatsordnung der Sowjetrepublik traf. Die sozialistische Staatsverwaltung war es auch, die Krauses dreiwöchige Reise in gewissen Bahnen halten wollte und reglementierte.

Für damalige Verhältnisse erschien das Krause allerdings als vollkommen normal: „Unsere Reisegruppe durfte nicht überall hingehen. Unser Reisebegleiter vor Ort war instruiert worden, uns nur auf festgelegten Routen durch das Land zu führen. Wir durften immer nur an bestimmten Orten rasten und Fotos machen.“ Touristische Motive in der Steppe und Naturaufnahmen in den Bergen abzulichten war zum Beispiel erlaubt, aber in Städten wie Almaty, das damals noch Alma-Ata hieß, waren die Möglichkeiten stark eingeschränkt. „Details von offiziellen Gebäuden oder wichtigen Straßen durften wir zumeist nicht fotografieren“, erinnert sich Krause, „denn man fürchtete stets Spionage und die Möglichkeit, dass die Aufnahmen zum Klassenfeind gelangen könnten.“
Flache Stadtlandschaft: 1975 gab es in Alma Ata (heute Almaty) nur wenige WolkenkratzerKrause hatte eine Praktica-Spiegelreflexkamera mit verschiedenen Objektiven dabei; noch heute gilt der Fotoapparat unter Kennern als ein Klassiker der DDR-Photographie. Die Kamera machte auch bei Hitze zuverlässig Bilder: „Ich hätte auch gern eine Filmkamera mitgenommen, aber die war in der damaligen DDR nur äußerst schwer zu beschaffen.“

Noch heute bewahrt Krause die Ergebnisse seiner Reise wie einen kostbaren Schatz in kleinen Boxen in einem großen Schrank auf. Dort, im Keller seines Hauses im sächsischen Görlitz, bereitet er nun auch die Digitalisierung der Bilder vor. Die Fotoaufnahmen liegen in Diaformat vor. Krause hatte sie in dieser Form immer herausgeholt, um sie in kleineren Runden Freunden und Verwandten vorzuführen und von Land und Leuten zu berichten. Das Interesse an der Region führte Krause drei Jahre später noch ein weiteres Mal in die Region. Dann, 1978, bereiste er mit seiner Frau nicht nur Kasachstan, sondern auch noch Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan.

Deutsche Bevölkerung wurde tabuisiert

Mit der deutschen Bevölkerung in Kasachstan kam Krause kaum in Kontakt: „Wenn es sie überhaupt auf unserer Strecke gab, wurden wir bewusst an Siedlungen mit Kasachstandeutschen vorbeigelotst.“ Dabei spielte wohl nicht nur der Umstand eine Rolle, dass zufällige Begegnungen das Reisetempo gebremst hätten. Vielmehr lag wohl die Ursache darin, dass mögliche Verbrüderungsszenen von Deutschen aus dem „Nahen Osten“ und aus dem „Fernen Osten“ unerwünscht waren. Schon gar nicht sollte es derartige Fotos geben.
Landschaftsaufnahmen: Hier war Fotografieren für Krauses Reisegruppe erlaubtAus diesem Grunde, so erinnert sich Krause, konnte er meist nur die einheimische kasachische Bevölkerung in Szene setzen. „Allerdings war auch das gar nicht so einfach. Viele Menschen haben es aus religiösen Gründen abgelehnt, fotografiert zu werden. Im Islam gelten Selbstbildnisse zum Teil als Tabu.“ Trotzdem konnte Krause hin und wieder Einheimische zu einem Porträt überreden und gelegentlich gelangen ihm auch Schnappschüsse aus weiterer Entfernung, wie er heute stolz erzählt.

Trotzdem: Im Wesentlichen beschränken sich Krauses Motive auf Landschaftsbilder und Stadtansichten, so etwa Bilder von Alma Ata: „Gerne würde ich heute noch einmal nach Kasachstan reisen, um zu sehen, wie sich das Land inzwischen entwickelt hat. Aber es fehlt gerade einfach an Zeit für so ein Vorhaben. Außerdem macht die geopolitische Lage in Vorder– und Mittelasien gerade keinen guten Eindruck.“ Aber auf jeden Fall wird er seine Schätze nun wieder herumzeigen können: „Ich plane, die Bilder digital zu archivieren, damit sie länger Bestand haben. Außerdem kann ich die Bilder nun bearbeiten und aus den Fotos Diashows für meinen Freundeskreis erstellen.“

Krause ist sich im Klaren darüber, dass das sicher auch ein größeres Publikum interessieren würde. Doch auch wenn das Internet viele Möglichkeiten der Verbreitung seines Bildbestandes bietet, „damit habe ich mich leider noch nicht beschäftigt, aber immerhin habe ich jetzt wenigstens schon ein Smartphone. Und wer weiß, was die Zukunft bringt.“

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