Das Jahr 2015 stand ganz im Zeichen der Gedenkfeier „70 Jahre Sieg über den Nationalsozialismus“: Zeitzeugen erinnerten sich an die entsetzliche Zeit vom 22. Juni 1941 bis 9. Mai 1945, in der die Sowjetunion um Leben und Tod gegen die Nationalsozialisten kämpfte. Seite an Seite mit anderen sowjetischen Nationalitäten haben die Sowjetdeutschen alles für den Sieg hergegeben – sowohl an der Front als auch im Hinterland.

[…] Auch der Stabsoffizier Peter Eisfeld war ein Sowjetdeutscher, der 1929 Berufsoffizier wurde und seine Feuertaufe bei der Befreiung von Bessarabien erlebte. 1941 belegte er ein Fernstudium an der Fremdsprachenfakultät der Staatlichen Universität Moskau. Bald darauf ging Peter Eisfeld an die Front in die Nähe der Stadt Dubno, wo sein Regiment einen ungleichen Kampf mit den Nationalsozialisten führte.

Peter Eisfeld war in seiner Funktion als Stabsoffizier sehr beschäftigt und arbeitete als erster Vertreter des Regimentsführers Tag und Nacht: Er zeichnete in der Karte jede mögliche Positionsveränderung des Feindes ein, damit die gegen die Nationalsozialisten gerichtete Militär-Operationen fehlerfrei und bis ins kleinste Detail geplant werden konnten. Trotz des Mangels an Waffen, Munition, Nahrungsmitteln und Medizin wuchs der Widerstand der Sowjetarmee mit jedem Tag, während die Offensive der Feinde immer schwächer wurde – das Heldentum der Roten Armee erreichte seinen Höhepunkt.

Zu diesem Zeitpunkt gelang es Peter Eisfeld, den Ausgang eines komplizierten Manövers zugunsten der Sowjetsoldaten zu entscheiden. Die Soldaten mussten ins Feldlager der Nationalsozialisten eindringen, um einen erfahrenen deutschen Offizier zu entführen. Vom Beobachtungsposten aus hatten die Späher der Operation das nationalsozialistische Feldlager sowie dessen Wachen gut im Blick.

Um, ohne Aufsehen, zu erregen ins Lager der Feinde zu gelangen, musste lediglich das Passwort genannt werden. Da dies jedoch ohne Deutschkenntnisse nicht möglich wäre, wurde Peter Eisfeld als Begleitung der Späher auserwählt.

So näherte sich die Gruppe bei Anbruch der Dunkelheit leise dem Treffpunkt, von dem aus zwei Wachmänner üblicherweise ihren Rundgang begannen. Der erste Wachmann, der den Treffpunkt erreichte, musste außer Gefecht gesetzt werden, bevor der zweite auftauchen würde. Eisfeld befand sich in Position, während die Späher in einiger Entfernung auf den Beginn der Operation warteten.

In diesem Moment tauchte auf linker Seite der erste Wachsoldat auf. Eisfeld ging ihm einige Schritte entgegen und rief mit überzeugender Stimme: “Stehen bleiben! Wer ist da? Passwort?”

“Bajonett!”, antwortete der Wachsoldat mit lauter Stimme und fügte hinzu: “Schhh.. schrei doch nicht so!”

So gelangten die Späher ins feindliche Gebiet. Alles war still. Das Passwort ließ sie immer tiefer ins Lager der Feinde vordringen.

Vor dem Bunker, auf dessen hölzerne Eingangsstufen ein dünner Lichtstrahl fiel, ging ein Wachmann auf und ab. Die Späher wussten, dass dies die Unterkunft des gesuchten Offiziers sein musste. Der Wachmann wurde lautlos außer Gefecht gesetzt.

Der Offizier, der sich in diesem Moment, lediglich mit einem Hemd bekleidet, den Bart rasierte, erschrak sehr, als er im Spiegel hinter sich die Gruppe sowjetischer Soldaten erblickte, die ihre Pistolen auf ihn gerichtet hielten. Ohne Probleme konnten sie den Offizier aus dem feindlichen Gebiet schleusen, da dieser aus Angst um sein Leben keinen Laut von sich gab. Er war der Oberbefehlshaber des Stabregiments und war nach seiner erfolgreichen Gefangenschaft bereitwillig, den Sowjetsoldaten wertvolle Informationen über die Nationalsozialisten zu liefern.

Neben seiner Schlüsselrolle in der erfolgreichen Entführungsoperation kämpfte Peter Eisfeld an der Front bei Charkiw und war an der Befreiung der Städte Dnipropetrowsk, Odessa, Tiraspol sowie Österreichs beteiligt. Dabei wurde er schwer verletzt und musste im Krankenhaus behandelt werden.

Am 28. Mai 1946 kehrte Peter Eisfeld zu seiner Familie nach Kasachstan zurück. Bis zu seiner wohlverdienten Pension arbeitete er in Almaty als Typograf.

Ehemaliger Soldat Jakob Richert

Ein weiterer Sowjetdeutscher, der im Krieg seinen Patriotismus bewiesen hat, war Jakob Richert, der die ersten Kriegstage hautnah miterlebte. Im Sommer 1941 diente Richert im 342. Artillerieregiment an der polnischen Grenze in der Nähe der Stadt Przemyśl. Am 22. Juni hatte er seinen Grenzdienst abgeleistet und sollte nach Hause zurückkehren. An genau diesem Tag fielen von der polnischen Seite der Grenze jedoch plötzlich Schüsse.

Jakob dachte im ersten Augenblick, es wäre nur wieder jemand abgefangen worden, der unerlaubt die Grenze übertreten wollte. Als er jedoch ins Freie trat, um nachzusehen, erblickte er ein gewaltiges Feuer. Scheinwerferlichter hüpften über die Dächer der Baracken, während unzählige Schüsse fielen und sich Kugeln in die Wände der Häuser bohrten. Explosionen und das Brummen von Flugzeugen ließen die Luft erbeben. Inmitten dieser Verwirrungen waren die Schreie erster Opfer des Angriffs Hitlers zu hören. Wie Schneeflocken fielen Flugblätter vom Himmel, auf denen geschrieben stand: “Russen! Ergebt euch! Widerstand ist zwecklos!”

“Wir warfen die Flugblätter in den Dreck und stürzten uns in einen ungleichen Kampf. Nach zwei Tagen erbitterten Kampfes gelang es unserer Gruppe, den feindlichen Einkreisungsring zu durchbrechen”, erinnerte sich Jakob später.

Jakob war der einzige in der Gruppe mit Deutschkenntnissen, daher wurde er gebeten, bei der Befragung zweier Gegangener als Dolmetscher zu fungieren. Die Gefangenen weigerten sich anfangs zu antworten, als die jedoch hörten, dass der Dolmetscher ebenso wie sie Plattdeutsch sprach, wurden sie sogleich gesprächiger.

Für seine Tapferkeit, die Jakob in vielen Schlachten bewiesen hat, wurde er mit unzähligen Medaillen und Orden ausgezeichnet.

Nach dem Krieg kehrte er in die Altairegion in sein Heimatdorf Ananjewka zurück, wo er als aktives Mitglied des Komsomol und als begabter Traktorist einen Namen hatte. Bis zu seiner Pension war er Brigadier der Traktoristen. Zu den Auszeichnungen des Vaterländischen Krieges kamen noch drei sowjetische Auszeichnungen für seine gewissenhafte Arbeit an der Friedensfront hinzu.

Seine Enkelin schrieb über ihn: „Opa Jakob wurde am 22.09.1913 im Dorf Chortitza im Landkreis Slawgorod geboren. 1939 wurde er in die aktive Rote Armee einberufen. In den ersten Kriegstagen war er an der polnischen Grenze stationiert. Er erhielt sehr viele Auszeichnungen, darunter „Für die Verteidigung Kiews“, „Für Neulanderschließung“ und „Für heldenhafte Arbeit“. […]

Swetlana Jasowskaja

Die Fortsetzung dieses Beitrags lesen Sie in den nachfolgenden Ausgaben.

Übersetzung: Sabrina Kaschowitz

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