Konjunkturzyklen, also das regelmäßige Steigen und Sinken des Produktionsvolumens, sind eine normale Erscheinung marktwirtschaftlich organisierter Prozesse. Steigt die Nachfrage nach Erzeugnissen, steigt auch die Produktion und umgekehrt. Staatliche Eingriffe in diesen natürlichen Ablauf der Wirtschaftsprozesse – so zeigen die historischen Erfahrungen der meisten Länder – können diese Schwankungen bestenfalls etwas abschwächen, keinesfalls jedoch beseitigen.

Der aktuelle Konjunkturabschwung ist hierbei prinzipiell keine Ausnahme, obwohl er sehr stark ausfällt und durch rechtzeitiges adäquates Gegensteuern auch staatlicher Organe – beim Entstehen der ersten Krisenzeichen etwa ab 2007 – hätte abgemildert werden können. Doch diese Möglichkeit ist verpasst, und nun haben es praktisch alle Länder mit der Frage zu tun: „ Wie geht’s weiter?“

Die Regierung Kasachstans hat versucht, auf diese Frage eine Antwort zu geben, was naturgemäß ausgesprochen schwierig ist. Erst einmal ist klar, dass die Indikatoren aller wichtigen Wirtschaftsgrößen in diesem Jahr nur die Richtung nach unten kennen. Ich will es „tapfer“ nennen, dass die Regierung immer noch von einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um ein Prozent in diesem Jahr ausgeht. Im Januar lagen die Prognosen noch bei knapp drei Prozent. Gut, die Ölpreise haben sich im Moment etwas stabilisiert, doch wie es weitergeht, weiß natürlich niemand. Russland jedenfalls, dessen Produktions- und Exportstruktur prinzipiell mit der Kasachstans vergleichbar ist, geht von einem Rückgang des BIP um mehr als zwei Prozent aus. Wer Recht hat, werden wir erst am Jahresende sehen, vielleicht sind beide Prognosen zu optimistisch.

Das Außenhandelsvolumen Kasachstans wird in diesem Jahr etwa um die Hälfte geringer ausfallen als im Vorjahr. Ein Exportüberschuss bleibt zwar erhalten, er wird jedoch deutlich niedriger sein als in den letzten Jahren. Devisen dürften also knapper und damit teurer werden. Die Inflation bleibt nach den Regierungsprognosen mit elf Prozent ziemlich hoch, was den Tatbestand der sogenannten „Stagflation“ erfüllen könnte. Darunter versteht man eine Stagnation oder nur ein geringes Wachstum der Produktion bei gleichzeitig hoher Inflation. Das ist so nicht normal, denn bei Rückgang der Produktion, die ja durch den Rückgang der Nachfrage ausgelöst wird, müssten die Preise eigentlich eher sinken. Die anhaltend hohe Inflation, deren Ursache der in den vergangenen Jahren entstandene Geldmengenüberschuss ist, wird die Nachfrageentwicklung wohl weiter nachhaltig negativ prägen.

In den publizierten Regierungsprognosen fehlt eine Zahl, die bisher immer gern als anschauliche Kennziffer des internationalen Vergleiches genannt wurde: das BIP in Dollar. Warum diese Zahl fehlt, ist nicht nachvollziehbar, auf jeden Fall wird diese Größe gegenüber dem Jahr 2008 deutlich zurückgehen müssen, denn schließlich hatten wir eine etwa 25-Prozentige Abwertung. Zwar ließe sich nun diese BIP-Größe in Dollar sehr leicht berechnen, aber vielleicht bleibt der gegenwärtige Wechselkurs nicht unbedingt so, wie er heute ist. Interessant ist hingegen, dass der Wirtschaftsminister die BIP-Größe in Dollar pro Kopf der Bevölkerung fast auf die Kommastelle genau benennt und das für das ferne Jahr 2013. Genau 10.822 Dollar soll da pro Kopf produziert werden. Nun steht es uns nicht zu, an der Seriosität der Prognose zu zweifeln, zumal uns die Schwierigkeit der Vorhersage sehr wohl bewusst ist. Es sei dennoch darauf hingewiesen, dass diese fast 11.000 Dollar nun doch eine drastische Korrektur früherer Prognosen sind. Noch im Herbst vergangenen Jahres wurden 13.000 Dollar genannt, vor drei, vier Jahren waren es noch fast 16.000. Die Realitäten des Lebens wollen sich demnach nicht so richtig an die Wünsche von Politikern halten – und das nicht nur in Kasachstan.

Der Rückgang des Produktionswachstums beziehungsweise womöglich gar der Produktionsleistung hat unvermeidliche Auswirkungen auch auf den Staatshaushalt. Dieser lebt schließlich von gut funktionierenden und gut verdienenden Unternehmen, von denen es im Moment aber immer weniger gibt. Sowohl Einnahmen und Ausgaben des Staatshaushaltes werden sich deutlich reduzieren. Es wird zurzeit von einem Defizit von 573,6 Milliarden Tenge, oder 3,4 Prozent des BIP ausgegangen. Das ist im Vergleich zu anderen Ländern sehr moderat. In den USA werden die staatlichen Ausgaben die Einnahmen um etwa zehn Prozent des BIP übersteigen. Dennoch sind für Kasachstan drei oder vier Prozent schon viel, denn schließlich hatte man in den letzten Jahren eher ausgeglichene Haushalte oder sogar Überschüsse zu verzeichnen.

Gewichtiger bei der Interpretation dieses Defizits ist jedoch der Umstand, dass fast die Hälfte der Einnahmen des Staatshaushalts in diesem Jahr aus dem Nationalen Reservefonds kommen werden, also nicht aus den laufenden Steuereinnahmen. Gäbe es diese Reserven nicht, sähe es um die Finanzlage der Nation düster aus.

Bodo Lochmann

03/04/09

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