Die europäische Gemeinschaftswährung Euro hatten viele Experten vor einem Jahr schon beinahe abgeschrieben. Das war zu früh, wie Kolumnist Bodo Lochmann feststellt.

 

Sehr düster waren vor etwa einem Jahr die Prognosen hinsichtlich des weiteren Bestandes der Eurozone. Eigentlich alle namhaften internationalen, vor allem amerikanische Ökonomen und Investoren waren sich einig, dass Griechenland pleite gehen würde, die Eurozone verlassen müsse und überhaupt der Euro keinen Bestand haben werde. Die ohnehin schon nervösen Finanzmärkte sind durch solche Aussagen noch unruhiger geworden, denn niemand konnte belastbar die Konsequenzen eines möglichen Ausscheidens Griechenlands aus der Eurozone für die Eurozone selbst und die Weltwirtschaft vorhersagen. Das ist auch nicht verwunderlich, denn schließlich handelt es sich beim Euro zwar nicht um den in der Wirtschaftsgeschichte ersten Versuch der Schaffung einer Gemeinschaftswährung souveräner Staaten, wohl aber um den zahlenmäßig größten und wirtschaftspolitisch komplexesten. Doch der vorhergesagte, von manchem vielleicht auch herbeigesehnte Zusammenbruch des Euro ist ausgeblieben, von seinem Tief bei etwa 1,20 Dollar pro Euro im Sommer vergangenen Jahres hat sich der Euro momentan wieder auf fast 1,35 Dollar hinaufgearbeitet. Das ist durch eine gestiegene Nachfrage nach Euro bedingt, welche ihrerseits ausdrückt, dass sich das Vertrauen der Finanzmärkte in die europäische Einheitswährung wieder deutlich erhöht hat. Allerdings sind die meisten Grundprobleme des Konstrukts Euro noch nicht gelöst, wohl aber hat die Lösung begonnen.
Die amerikanischen Experten jedenfalls beschäftigen sich nun auch richtigerweise wieder mehr mit den eigenen Problemen, also mit den enormen Schulden des amerikanischen staatlichen Gefüges. Es wäre auf jeden Fall vermessen, den amerikanischen Propheten zu empfehlen, von der Eurokrise und ihrer Bewältigung zu lernen, gleichwohl gibt es eine Reihe von Ähnlichkeiten zwischen dem schlechten fiskalpolitischem Management in den USA und dem Chaos beim Lösen der Verschuldungskrise in der Eurozone. Es heißt also erst einmal: Jeder fasst sich an seiner Nase! Dabei gibt es durchaus eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen den Verschuldungsprozessen in den USA und in Europa. Gemeinsam ist beiden Problemregionen, dass man die Lösung der Probleme nach hinten schiebt, also eher nichts beherzt anpackt. In den USA ist das zum großen Teil durch die Existenz zweier sich politisch unversöhnlich gegenüberstehenden Lager, in Europa durch die Existenz einer großen Anzahl unterschiedlicher Interessenlagen der 17 Mitgliedsstaaten der Eurozone bedingt. Hier wie dort wird dem Volk kein reiner Wein hinsichtlich Kosten und möglicher Konsequenzen von Tun oder auch Nichtstun in der Schuldenkrise eingeschenkt. Und das ist nur zum Teil dadurch erklärbar, dass die Politiker darauf selbst oft noch keine Antworten haben. Beide Regionen zeichnen sich weiterhin dadurch aus, dass die Wirtschaft nicht in dem für eine Lösung der Probleme der Staatsfinanzen notwendigen Tempo wächst. Bei den jetzt angehäuften Schuldenbergen hilft allein die Ausgabenreduzierung, also Sparen, nicht. Es muss ergänzt werden durch höhere Steuereinnahmen, die letztlich aus höherem Wirtschaftswachstum und nicht vorrangig aus Steuererhöhungen kommen sollten. Doch beide Wirtschaftsregionen schwächeln im Vergleich zu solchen aufstrebenden Volkswirtschaften wie China oder Brasilien. Der Kampf um Innovationen und Marktanteile wird immer härter und vor allem die Eurozone fällt im internationalen Wettbewerb zurück. Natürlich gibt es Lichtblicke. Dazu gehört, dass in den USA momentan ein wahrer Energieboom stattfindet. Gas ist so billig wie lange nicht, was die preisliche Wettbewerbsfähigkeit vor allem energieintensiver Unternehmen steigert. In den europäischen Problemstaaten ist es gelungen, die Selbstkosten der Produktion zu verringern und so möglicherweise eine Trendwende hin zur Preisreduzierung der Exportprodukte anzuschieben. Allerdings sind die Selbstkostensenkungen in Europa eher durch Lohnkürzungen, denn durch wirkliche Innovationen bedingt, was natürlich nicht nachhaltig sein kann.
Insgesamt sind die Kritiker aus dem Vorjahr hinsichtlich der Entwicklung des Euro wesentlich vorsichtiger geworden. Von Auseinanderfallen der Eurozone ist keine Rede mehr, man akzeptiert wohl, dass es Europa irgendwie gelingt, sich durch die Krise zu mogeln.

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