Deutsche haben viel Freizeit, werden wir aus dem In- und Ausland gerügt. Es ist ja eigentlich kein Verbrechen, viel Freizeit zu haben.

Aber es ist wirklich wahr, „Freizeitgesellschaft“ oder „Spaßgesellschaft“ sind anerkannte Schimpfwörter. Und stimmt das überhaupt? Na ja. Mag sein. Weiß nicht recht. Am besten, wir gehen der Sache mal auf den Grund. Ein schneller Blick in die Statistik, Büros und auf die Straßen zeigt: Viele arbeiten sehr viel. Oft gibt es einen Wettstreit darum, wer die meisten Überstunden macht. Und wer nicht so viele Überstunden macht, der ist trotzdem ständig beschäftigt. Denn eines kann man den Deutschen bestimmt nicht nachsagen – dass sie ihre Zeit nicht sinnvoll und produktiv nutzen würden. Deutsche sind wahre Freizeitweltmeister, wenn es darum geht, in möglichst wenig Zeit möglichst viel zu schaffen. Obwohl, den Weltmeistertitel machen uns sicher Japan oder China streitig. Aber in einem sind wir uns einig: In der Freizeit geht es ums Schaffen und nicht ums Vergnügen. Gleich nach dem Lockern der Krawatte werden auch schon die Ärmel des Freizeithemdes hochgekrempelt. Denn nach der Arbeit kann endlich all das erledigt werden, was bisher liegen geblieben ist: Besorgungen, Putzen, soziale Kontakte pflegen, familiären Verpflichtungen nachgehen, sportliche Leistungen erbringen, Reparatur- und Renovierarbeiten durchführen, Winterreifen anbringen, mal wieder ein gutes Buch lesen, brachliegende Spanischkenntnisse auffrischen, die Steuererklärung, Akten aus dem Büro hat man sich ja auch mit nach Hause genommen.

Der samstägliche Einkaufsbummel ist schon lange kein Bummel mehr, sondern als Schnäppchenjagd eine sportliche Disziplin. Und wenn man es dazwischen noch schafft, das schöne Wetter zu nutzen, dann kann man am Sonntag Abend ganz zufrieden sein. Aber eines ist man gewiss nicht – entspannt und erholt. In dem kompakten Freizeitprogramm, in dem es so viel zu leisten und zu schaffen gibt, hetzt man durch Raum und Zeit, vom einen zum anderen und begreift in dem ganzen Stress nicht mehr, was Vergnügen und was Verpflichtung ist. Ständig guckt man auf die Uhr, um rechtzeitig den Absprung zu schaffen, auch wenn das Beisammensein mit Freunden noch so schön ist. Aber hilft ja alles nichts, man muss genügend Kraft tanken, um den nächsten Tag zu bewältigen.

Aber es ist nicht so, dass nicht auch der Deutsche einfach mal gern nichts täte.

Einfach mal nichts tun

Aber so einfach ist es dann gar nicht. Im Gegenteil. Es gehört wohl zu den schwierigsten Aufgaben des Deutschen, NICHTS zu tun. Denn nichts ist präsenter als das NICHTS. Man kann nicht aufhören, es zu denken. Auf dem Sofa liegen und sich einen Unterhaltungsfilm anschauen, das ist wirklich schwer. Nach außen hin sieht man ruhig und entspannt aus. Aber im Inneren tobt der Dialog: „Ich könnte ja… ach, nein. Ich tu einfach mal nichts. Muss ja auch mal sein. Aber eigentlich müsste ich ja noch… Nee, es ist wichtig, mal abzuschalten. Einfach mal gar nichts tun. Andererseits habe ich schon lange nicht mehr… Nein, Entspannung muss sein. Umso produktiver ist man … Und außerdem mach ich es ja ganz bewusst” usw. usw. Immer wenn jemand anruft, wiederholt man, was man sich selbst schon in einer Endlosschleife vorgebetet hat. Und am Montag im Büro das Ganze noch einmal. Bis man irgendwann geradezu stolz darauf ist, dass man es mal geschafft hat, NICHTS zu tun. Und prompt kommt von den Kollegen das erlösende Lob. „Also, das kann ich ja nicht. Einfach mal nichts machen. Würde ich ja auch so gern mal…” Und so landet das Nichtstun auch auf der Erledigungsliste. Damit wir aber nichts aus dem Programm streichen müssen, verschieben wir einfach alles, was wir in den nächsten Jahren nicht schaffen, auf die Rente. Manche Lebensträume wollen noch erfüllt werden. Auch gibt es so viel, was man immer schon mal wissen und lernen wollte, ein Studium wäre da nicht verkehrt, mindestens aber diverse Kurse an der Volkshochschule.

Und sowieso möchte man noch viele Länder bereisen. Ein Leben reicht einfach nicht aus. Man kann also nicht früh genug anfangen, die Zeit möglichst sinnvoll zu nutzen. Das hat glücklicherweise auch schon unsere junge Generation begriffen. Anfangs wirkte es noch wie eine Wortverirrung in den falschen Hals, wenn Achtjährige das Wort „Stress” gepiepst haben. Heute ist es normal, mit den Enkeln Termine zu vereinbaren. Die Gesellschaft kommt nicht mehr zur Ruhe. Aber dafür gibt es ja, Gott sei Dank, die Feiertage nach guter alter Tradition. Als das Leben noch ruhiger verlief. Weihnachten zum Beispiel. Das Fest der Familie und Besinnlichkeit. „Um Gottes Willen, Weihnachten!”, klagen viele, so ein Stress! Drei Tage, in denen man nichts erledigen kann, also muss man vorher noch richtig reinklotzen. Außerdem würde man alles andere lieber tun als die Verwandtschaft zu treffen, und streiten darf man sich auch nicht.

Feiertage sind purer Stress

Man muss wieder viel zu viel essen und die größte Herausforderung bleibt das Schenken. Sowieso sind einem nach all den Jahren die Ideen ausgegangen. Und weil es heute als dekadent und materialistisch gilt, Großes haben zu wollen, dürfen es nur Kleinigkeiten sein. Der moderne Weltbürger erfreut sich am liebsten an Symbolik, Kreativität ist gefragt. Weil diese aber in dem Alltagsstress so schwer zu finden ist und man wieder auf den letzten Drücker kurz vor Schluss losrennt, geht das ganz bestimmt schief. Wenn schon Feiertage solch ein Stressempfinden auslösen, reden wir besser gar nicht über Ausflüge und Urlaub. So viel zu der Freizeitgesellschaft in Deutschland. Und wo war jetzt der Spaß? Der ist wohl auf der Strecke geblieben.

09/12/05

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