Von sowjetischer Alphabetisierung zur Bankierserziehung

Usbekische Studenten bei Vorlesung im Wintersemester.
Usbekische Studenten bei Vorlesung im Wintersemester. | Foto: Autor

Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat die usbekische Regierung das sowjetische pädagogische Konzept übernommen und umgestaltet. Nun verfolgt es nicht mehr das Ziel, einen neuen Menschen im sozialistischen Sinne zu erschaffen, sondern, dem usbekischen Modell folgend, einen traditionell geprägten, patriotischen, kritiklosen und regierungstreuen Bürger zu formen. Die Bildung trägt zur Unterdrückung der Freiheitsbestrebungen der Bürger und zur Konsolidierung der Macht bei.

Frieden und Krieg, Freiheit und Gehorsamkeit, Folter und Gutmütigkeit sowie Freund und Feind entstehen erst in unseren Gedanken. Menschliches Denken wird durch Bildung geformt. Je gebildeter eine Person ist, umso höher ist ihr Einfluss auf die Entwicklung der gesamten Gesellschaft. Aber warum führt Bildung nicht immer zur Befreiung von Unterdrückung?

Die Alphabetisierung der Bevölkerung in der Sowjetunion

Der brasilianische Pädagoge Paulo Freire konstatierte, dass es keine neutrale Erziehung geben kann. Sie kann gleichzeitig ein Mittel zur Befreiung der Lernenden als auch ein Mittel zur Unterdrückung sein. Bildung leistet deshalb einen entscheidenden Beitrag dazu, dass die Lernenden sich entweder für eine freie Gesellschaft entscheiden oder sich weiterhin unter die Herrschaft der Eliten stellen. In dieser Situation stellt sich die Frage, was eigentlich unter den Begriff en Bildung/gebildet verstanden werden kann.

Bildung politisiert

In der usbekischen Sprache wird unter gebildet eine Person verstanden, die nicht nur schreiben und lesen kann, sondern über bestimmte Fähigkeiten in einem bestimmten Fachbereich verfügt. Aber ein Jahrhundert früher, zu Beginn der sowjetischen Zeit, war die Definition von gebildet, einfach nur schreiben zu können. Ende der 1920er Jahre hat die sowjetische Regierung eine Kampagne gegen Analphabetismus gestartet, da die Anzahl der lesekundigen Bevölkerung nur bei ungefähr 40 Prozent lag. Wladimir Lenin, damaliger Regierungschef der Sowjetunion, sagte damals, dass Lesen und Schreiben eine wichtige Voraussetzung für die Existenz sowohl des Individuums, als auch der kommunistischen Gesellschaft sei: „Eine nicht alphabetisierte Person steht außerhalb der Politik, sie muss erst alphabetisiert werden. Ohne Alphabetisierung können Gerüchte, Klatsch, Erzählungen und Vorurteile aufkommen, aber keine Politik.“

Zentralasiatische Sprachreformen

Die Beseitigung des Analphabetismus ist somit die ursprüngliche Form der Bildung der Bevölkerung in der Sowjetunion. Im Rahmen der sowjetischen Kampagne gegen Analphabetismus wurde das Alphabet für jedes Volk in einer eigenen Schrift entwickelt, um das ganze Land erreichen zu können. Er wurde deshalb im turksprachigen Zentralasien wie Kirgisistan, Kasachstan und Usbekistan mit einem Alphabet in einer reformierten Form experimentiert, das auf der arabischen Schrift basierte. Aber aus politischen Gründen wurde diese Idee verworfen und kyrillische Buchstaben eingeführt. Damit wurden die zentralasiatischen Länder von der islamischen Kultur und den reformatorischen Entwicklungen in der Türkei isoliert. Infolgedessen war der größte Teil der Bevölkerung zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mit den kyrillischen Buchstaben vertraut.

Bildung und Proletariat

Zu erwähnen ist, dass das Alphabetisierungsprogramm in der Sowjetunion einen doppelten Zweck verfolgte. Auf der einen Seite strebten die Bolschewiken das Ziel an, der Bevölkerung die Bildung, in diesem Fall Lese– und Schriftkundigkeit, beizubringen. Auf der anderen Seite wurde die Schaffung der lese– und schreibkundigen Arbeiter als erste Voraussetzung für die Industrialisierungskampagne angesehen. Dennoch konnte dieser idealtypische Arbeiter die Bedürfnisse der neuen Regierung nur erfüllen, wenn er zusammen mit dem Wissen auch die sowjetische Ideologie beherrschte. Aufgrund dessen verband die Kampagne gegen den Analphabetismus Bildung mit Propaganda.

Usbekische Bildung nach der Unabhängigkeit

Die Alphabetisierungsrate der usbekischen Bevölkerung betrug bis zur Oktoberrevolution weniger als zwei Prozent. Mittlerweile absolvieren ungefähr 90 Prozent der Bevölkerung in Usbekistan die mittlere Schulbildung und werden von der Regierung als gebildet anerkannt. Usbekistan hat aufgrund des Zerfalls der Sowjetunion im Jahr 1991 seine Unabhängigkeit erreicht, aber das autoritäre Regime Usbekistans sticht, mit seinem starken Fokus auf Hierarchie und Unterdrückung als Staat, im Vergleich zu anderen postsowjetischen Ländern heraus. Diese nationale staatliche Ideologie orientiert sich an einer typischen Idee der Sowjetzeit– der Verbreitung von Agitation und Propaganda in der Bildung. Ein solcher pädagogischer Umgang unterstützt seit fast 30 Jahren die Diktatur im Land. Das Ergebnis spiegelt sich auch im Vergleich anerkannter Demokratieindizes wider. Nach dem Democracy Index des The Economist Intelligence Unit‘s ist Usbekistan den autoritären Regimen Kongo oder Nordkorea ähnlich.

Lernende als Objekte

Das Bildungssystem Usbekistans basiert auf dem Bankiers-Konzept, wonach der Schüler unterdrückt wird, das heißt in der Bildung unfrei bleibt. Unter diesem Konzept wird eine Art der Pädagogik verstanden, welche die Lehrenden als Subjekte und die Lernenden als Objekte ansieht. Daran anschließend wird Wissen so übermittelt, dass die Lernenden alles unter der Kontrolle des Lehrenden auswendig lernen, ohne irgendwelche Inhalte zu analysieren. Durch die Bankiers-Erziehung bleiben Lehrende immer wissender als Lernende.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion wollte die usbekische Regierung die Macht zentralisieren. Deshalb musste in kurzer Zeit dementsprechend ein eigenes Nationalmodell entwickelt werden. Dabei versuchte die usbekische Regierung, nicht die Fehler der Sowjetunion zu begehen. Diese nationale Entwicklungsstrategie heißt das Usbekische Modell. Es ist mit der nationalen Ideologie verbunden und sollte in alle Bildungsbereiche integriert werden.

Staatsreformen unter Karimow

Der Staat sollte bei der allgemeinen Entwicklung eine große Rolle spielen. Ende der 1990er Jahre hat das Bildungsministerium die ersten Maßnahmen ergriffen, sodass in den Schulen die Lehrbücher mit sowjetischer Ideologie von Lenin und Stalin verschwanden. Seitdem bezeichnet sich Usbekistan auf Geheiß des ehemaligen Präsidenten Karimow als ein liberal-islamisches Land: „Wir wissen jetzt, was mit denjenigen passiert, die gegen Gott kämpften. Nun geht so ein unnötiger und kalter Weg der Verneinung nicht mehr. Unsere Religionsansicht spielt in den internationalen Beziehungen, besonders mit den islamischen Ländern, eine wichtige Rolle.“
Dieser Auszug aus der Präsidentenrede von Islam Karimow im Jahr 1996 zeigt, dass Usbekistan nach der Unabhängigkeit angefangen hat, wie andere zentralasiatische Länder, seine nationale Identität zu formen und die Geschichte seines Volkes neu zu schreiben. So wurde nach der 75-jährigen Sowjetzeit dem Islam wieder ein offizieller Status gegeben. Weiter wurde das kyrillische Alphabet abgeschafft. Das arabische Alphabet und die Sprache wurden aber nicht in die Schulbildung integriert. Zudem wurden die im Land existierenden Koranschulen geschlossen, obwohl der Islam nun als Staatsreligion anerkannt wurde. In der Folge wurde im Jahre 1993 per Gesetz das lateinische Alphabet eingeführt.

Bücher des Präsidenten bilden den Lehrplan

Im nächsten Schritt wurden die vom Präsidenten geschriebenen Bücher (z.B. „Der Geist der Usbeken“) von der Grundschule bis zur Universität als Pflichtlektüre eingeführt. So gibt es zum Beispiel in den Schulen Fächer wie „Die nationale Staatsidee“, „Starker Geist – unbesiegbare Macht“ sowie „Usbekistan an der Schwelle zur Unabhängigkeit“. Diese Fächer basieren auf Karimows Büchern und haben zum Ziel, die Lernenden und Studierenden dazu zu erziehen, die Regierung auf keinen Fall zu kritisieren.
„Die geistliche Erziehung unserer Kinder ist von hoher Bedeutung. Wenn wir bei der Erziehung keine Achtung und Scharfsinn, Verantwortung und Standhaftigkeit mehr haben, wenn sich die Erziehung unabhängig von uns entwickelt, können wir unsere alten Bräuche und Geistigkeit sowie unseren Hauptentwicklungsweg verlieren.“ So beschrieb der ehemalige Präsident Usbekistans Islam Karimow das Usbekische Modell.
Das Ziel der Herrschenden ist, kritisches Denken in der Gesellschaft zu verhindern. Deshalb gab es in Usbekistan gegen das autokratische Regime des Präsidenten, der fast ein Vierteljahrhundert das Land beherrschte, keine einzige nennenswerte Aktion.
Aufgrund der dauerhaften Unterdrückung der Gesellschaft werden Mut, Skepsis und Widerspruch gegenüber den Herrschenden verhindert. Deshalb kann man das staatliche Gewaltmonopol als einen wichtigen Aspekt für Frieden und Stabilität in Usbekistan nennen. Der Grund dafür ist, dass in Usbekistan dank der strukturellen Gewalt und unterdrückenden Pädagogik der Wille zur Freiheit und Unabhängigkeit nicht ausgebildet wird.