Man soll ja nicht immer gleich übertreiben. Trotzdem tun wir es. Ständig. Mehrmals täglich zumeist. Weil es Spaß macht. Und gut tut. Weil wir keine kleinen Wichte sein wollen. Weil es anregt und stolz macht, in den denkbaren Möglichkeiten zu verweilen. Um andere und sich selbst zu überzeugen. Am liebsten sind wir die ersten, schnellsten, besten; die schönsten und erfolgreichsten. Träumen darf man. Aber man darf nicht immer und überall den Superlativ einsetzen.

In der Werbung zum Beispiel darf man nicht ohne weiteres behaupten, dass man das sauberste, schnellste, beste, erste Produkt hat. Denn das könnte ja jeder behaupten und täte es gewiss auch. Und wem soll man dann noch glauben?! Eben! Das muss man belegen können. Sonst ist man ein Schwindler. Richtig so. Nun ist es zwar Auslegungssache, ob der größte Betrieb an der Fläche, der Mitarbeiterzahl, der Gebäudehöhe oder dem längsten Mitarbeiter bemessen wird. Trotzdem gibt es Kriterien, Regeln und Gesetze.

Weniger handfest aber doch gültig sind kulturelle Regeln, wie sehr man übertreiben darf. In Deutschland zum Beispiel ist das nicht so gern gesehen. Da ist das Höchstmaß erreicht, wenn man gut ist. Jeder Versuch, der schnellste zu sein, wird einem im Kindesalter ausgetrieben. Angeberei kommt nicht gut an. Eher noch wird untertrieben, das geht hin bis zu geheuchelter Bescheidenheit. In Russland gehört es zum guten Ton, das eigene Land und sich selbst in höchsten Tönen zu loben. Und so hat Russland nicht nur die schönsten Frauen. Sondern jede Stadt behauptet mit stolz geschwellter Brust, dass sie die beste Schokolade und das leckerste Eis hat. In Russland ist der Superlativ ganz wichtig, drum wird dort auch der Wettbewerbsgeist gepflegt. Kaum hat man das Sprechen erlernt, wird um die Wette gelernt. Pokale, Urkunden, Auszeichnungen winken. Und es reicht nicht, den zweiten Platz zu belegen, der dritte Platz kann einen schon in tiefe Depressionen stürzen. Nein, es gilt, der Beste zu sein. Das wäre in Deutschland undenkbar. „Dabei sein ist alles!“ heißt es. Hier gilt der Teamgeist. „Zusammen sind wir stark!“ Aber ganz so ist es nicht. Denn insgeheim wäre doch lieber jeder der Beste und Wichtigste. Und es ist vollkommen verständlich. Es ist langweilig und anstrengend, immer nur angemessen, realistisch, relativ sein zu dürfen. Der Superlativ hingegen macht glücklich. Wenn man ihn aussprechen, denken, leben darf, dann funkeln die Äuglein. Faktisch ist man dadurch nicht der Beste, aber man fühlt sich besser, einfach gut. Und dagegen spricht nichts. Ein bisschen mehr Superlativ könnte uns allen nicht schaden.

Julia Siebert

30/03/2007

Hinterlasse eine Antwort

Please enter your comment!
Please enter your name here