Der 15. November ist ein Datum, was dieses Jahr unter anderem für den deutschen Volkstrauertag stand. Es stand aber auch für den Tag nach den terroristischen Anschlägen, die in der Nacht vom 13.auf den 14. November in Paris stattfanden, deren Geschehnisse erneut den gesamtgesellschaftlichen Frieden dieses europäischen Landes und den seiner Nachbarn herausfordern.

Auch in Kasachstan wurde am 15. November 2015 auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Almaty der Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft gedacht. Die vom Generalkonsulat durchgeführte Gedenkveranstaltung anlässlich des Volkstrauertages galt– aus hochaktuellem Anlass – auch den Opfern der terroristischen Anschläge von Paris. So wurde in diesem Rahmen auch eine Schweigeminute für alle Opfer von Gewaltverbrechen abgehalten.

Der Militärattaché der deutschen Botschaft in Astana, Oberstleutnant Ferdinand Freiherr von Richthofen, sowie einige Vertreter des kasachischen Militärs gaben sich dieses Jahr die besondere Ehre, bei der Gedenkzeremonie anwesend zu sein. Generalkonsulin Dr. Renate Schimkoreit und der Oberstleutnant legten Kränze nieder und hielten Ansprachen an die anwesenden Gäste. Die Zeremonie wurde von einer Militärkapelle begleitet.

In den Ansprachen gedachte man der Opfer wie auch der derzeit weltweit aktiven Bundeswehrsoldaten und fand auch Worte, um die Gedanken der anwesenden Gäste auf die Erbarmungslosigkeit eines jeden geführten Krieges zu richten. „Der Volkstrauertag gibt uns immer wieder die Möglichkeit, uns mit durch Kriege und Gewaltherrschaften verursachtem Leid auseinanderzusetzen. Er verpflichtet uns, das Vergangene nicht zu vergessen und all derer zu gedenken, die unter Unmenschlichkeit leiden mussten. (…)Wir dürfen nicht vergessen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Insofern sind wir alle aufgefordert, unseren Beitrag zum Erhalt des Friedens zu leisten. Für ein friedvolles, soziales Miteinander sind Achtung und Toleranz gegenüber unseren Mitmenschen, unabhängig von ethnischer Herkunft oder persönlichen Weltanschauungen, entscheidend“, so mahnende Worte Ferdinand Freiherr von Richthofens.

Dass der in großen Teilen Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelebte Frieden zerbrechlich ist und sich auch nicht als alleinstehend und unabhängig vom globalen Weltgeschehen reflektieren sollte, wurde in diesen Tagen wieder besonders deutlich. Auch Frau Dr. Schimkoreit fand treffende Worte, um darauf hinzuweisen: „Doch längst mussten wir begreifen, dass wir nicht für alle Zeiten mit Frieden rechnen dürfen, sondern dass er kontinuierlich neu erarbeitet werden muss. Ein Blick über den europäischen Tellerrand hinaus macht unmissverständlich klar, wie gefährdet und fragil das, was wir heute noch als Frieden wahrnehmen, in vielerlei Hinsicht bereits ist.“

Krieg ist nicht nur eine physisch zerstörende Kraft, er verändert auch das menschliche Wesen. Das ist ein Gedanke, der fast schon automatisch kommt, wenn man die tägliche Berichterstattung aus den Krisengebieten der Welt und das Ausmaß der Gewalt betrachtet. Derselbe Gedanke kommt allerdings auch, wenn man die Geschichtsbücher einsieht und sich mit Kriegsgrauen und Gewaltherrschaft unter Regimes auseinandersetzt. In seiner Gedenkrede während der zentralen Gedenkstunde am Volkstrauertag im Berliner Bundestag geht Bundespräsident Joachim Gauck auf die Brisanz des Krieges ein: „Krieg verwandelt Lebendige in Tote und hinterlässt in unzähligen Überlebenden tote Seelen. Wer Gewalt ausübt oder ihr ausgesetzt ist, wandelt sich in seinem Wesen. Er wird ein Anderer.“

Europa und der sogenannte Westen sehen ihre demokratischen Werte gefährdet. Denn es ist die noch recht frische mahnende Geschichtsschreibung, die diese Wertegemeinschaft daran erinnert, dass sie diese Lektion unter anderem mit den 80 Millionen Kriegstoten der beiden Weltkriege gelernt hat. So kommentiert Gauck die kürzlich verübten Terroranschläge in Paris mit den Worten: „Der Anschlag galt Frankreich, aber auch der offenen Gesellschaft, der Lebensweise der Freien und Gleichen in Europa und der ganzen Welt. Jene, die solche Taten verüben oder gutheißen, müssen wissen: Die Gemeinschaft der Demokraten ist stärker als die Internationale des Hasses. Wir beugen unser Haupt vor den Toten, niemals aber beugen wir uns dem Terror.“

Man ist erneut in Alarmbereitschaft. Die politischen Themen dieser Tage vermischen sich in einem Durcheinander medialer Reaktionen. Kausalitäten werden in einem bunten Fächer präsentiert und besonders in den sozialen Medien gern kommentiert. Ein Gefühl von vertauschter Ursächlichkeit mag zuweilen auch bei manchen europäischen politischen Entscheidungen als Folge dieser Terroranschläge entstehen. In aller Munde kursiert Nebulöses – die Zugewanderten unter Generalverdacht, die Abschottung Europas, der Angriff als Revanche oder der plötzlich möglich scheinende internationale Zusammenschluss als Mediation – Europa und die Welt scheinen noch näher als sonst vor Optionen zur Handlungsbereitschaft zu stehen.

Bis jetzt sind offiziell keine konkreten Forderungen an Deutschland gestellt worden, was den Kampf gegen den internationalen Terrorismus angeht. Man sei lediglich dazu angehalten worden, bisherig geleistete Maßnahmen aufzuzeigen. Nach Vizekanzler Sigmar Gabriel wäre es ein Fehler und ein Eingeständnis an den internationalen Terror, bei dem Kampf gegen radikale islamistische Bewegungen von Krieg zu reden. „Denn je größer die Angst in unseren Gesellschaften wird, auch die Angst vor Krieg, desto mehr hat der Terror seine Erfolge zu verzeichnen.“ Angela Merkel sagte am Tag der Attentate Frankreich ihre Unterstützung zu: „Wir weinen mit ihnen. Wir werden gemeinsam mit ihnen den Kampf gegen die führen, die ihnen so Unfassbares angetan haben.“ Welches Ausmaß an Hilfestellung sich hinter dieser Zusage verbirgt, ist noch unklar. Bisher wird sich Deutschland nicht an Luftangriffen auf den IS in Syrien beteiligen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier besteht weiterhin auf Waffenlieferungen an Kurden im Nordirak. Steinmeier, der bei den Anschlägen am Stade de France sich in unmittelbarer Nähe befand, sprach zuvor von einem „Inferno des Terrors.“
Im Netz und in der Presse findet man neben den Anteilnahmebekundungen bezüglich der Pariser Attentate auch Stimmen, die führende Medien für einseitige westlich-zentrierte Berichterstattung kritisieren. Man verweist dabei auf die zahlreichen Terroranschläge, die in etlichen Krisenherden fast an der Tagesordnung stünden und deren Opfer kaum in der westlichen Berichterstattung gedacht würde. Besonders seitens der Perspektive aus dem afrikanischen Kontinent reagierte man mit Unverständnis auf die Doppelmoral der Medien. Man wünscht sich mehr Zuwendung und Mitgefühl auf der Seite der täglichen Opfer in etlichen Krisenherden, etwa von Boko-Haram oder auch der Al-Shabab-Milizen. Die geopolitische ungleiche Machtaufteilung des Globus würde hierbei durch die führenden Medien gespiegelt.
In Zentralasien betrachtet man die Dinge wieder durch andere Wahrnehmungs– und Medienfilter. Bei dem auf Einladung des Generalkonsulats im Deutschen Haus erfolgten Empfang zum Volkstrauertag sind sich die Menschen im Angesicht des Vergangenen, des Gegenwärtigen und in der Ungewissheit des zu Erwartenden darüber einig, dass Krieg immer die beängstigendste Perspektive ist.

Seit 1995 existiert das Kriegsgräberabkommen zwischen Kasachstan und Deutschland. Wenn es nach Archivunterlagen in Kasachstan einst 86 Kriegsgefangenenfriedhöfe gab, so sind nur neun davon erhalten geblieben, sieben davon wurden bisher vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge instand gesetzt. In Kasachstan ließen über 6000 Deutsche infolge von Krieg und Internierung ihr Leben.

Der Friedhof in Almaty unterscheidet sich von den anderen in Kasachstan dahingehend, dass hier die 15 begrabenen Soldaten namentlich bekannt sind. In der Gravur auf dem zentralen Findlingsstein sind diese wiederzufinden, können allerdings nicht den jeweiligen Grabkästen zugeordnet werden. Die überwiegend einfachen Soldaten auf diesem Friedhof sind in Kriegsgefangenschaft durch Krankheit gestorben. Der Kriegsgefangenenfriedhof in Almaty wurde 1998 wiederhergestellt, ist 400 Quadratmeter groß und sind mit Hecke und Zaun umgeben. Der größte der kasachischen Kriegsgefangenen– und Interniertenfriedhöfe liegt bei Karaganda. Der Spasskoje-Friedhof ist Ruhestätte für ca. 5000 zu Tode gekommener Deutsche, die neben vielen anderen Nationalitäten auf dem Steppengelände begraben sind. Die Pflege erfolgt allein durch den Volksbund.

Die Organisation Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge kümmert sich seit 1954 weltweit um Friedhöfe, wo Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft begraben sind. Im Osten Europas und der Gebieten der ehemaligen UdSSR konnte erst vor 25 Jahren mit der Arbeit begonnen werden. Wie auch im Westen nach Ende des Zweiten Weltkriegs setzte dies intensive Versöhnungsarbeit voraus, handelt es sich doch meist um Gräber von einstigen Kriegsfeinden. http://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaetten

In der Begrüßungsansprache zur offiziellen Gedenkveranstaltung am Volkstrauertag im Deutschen Bundestag am 15. November 2015 lenkte der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Markus Meckel die Aufmerksamkeit unter anderem auf einen ganz besonderen Diskurs. Er erwähnte die Aufarbeitung des Schicksals von mehr als drei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener und Internierter, die während des Weltkriegs zu Tode kamen. Hierzu dankte er auch dem Bundespräsidenten für sein Engagement, was letztlich zu einem Forschungsprojekt zur Suche nach den Namen und dem Schicksal der sowjetischen und der deutschen Kriegsgefangenen und Internierten führte. Die Ergebnisse würden nach Abschluss der Forschungsbemühungen den Angehörigen und der wissenschaftlichen Aufarbeitung zugänglich gemacht.

Julia Boxler

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