„Wer zwingt, kann nicht geliebt werden“

Ein Bühnenstück mit universellem Charakter – eine Frau, zwei Männer, eine unglückliche Hochzeit.
Ein Bühnenstück mit universellem Charakter – eine Frau, zwei Männer, eine unglückliche Hochzeit. | Foto: Boris Shadrin

„Karagos“ nach dem kasachischen Autor Muchtar Auesow wurde vom Deutschen Theater Kasachstan in deutscher Sprache auf die Bühne gebracht. Ein ungewöhnliches Schauspiel, das Welten zusammenbringt – und damit etwas Neues schafft.

Muchtar Auesow, 1897-1961, war ein kasachischer Schriftsteller und Dramaturg.Bekanntheit erlangte er insbesondere für seine beiden Romane „Abai“ und „Der Weg Abais“, wofür er auch den Staatspreis der UdSSR und den Leninpreis erhielt. Sein Bühnenstück „Karagos“ ist nicht sein berühmtestes Werk, wurde aber bereits auf zahlreichen Bühnen und sogar vor der Kamera interpretiert. Der Stoff wurde nun auch vom Deutschen Theater Kasachstan aufgegriffen und in einer ungewöhnlichen Melange in deutscher Sprache inszeniert.

Ein Dichter aus der Sowjetunion und ein Gastregisseur aus Deutschland

Um das Stück hier in Almaty auf die Bühne zu bringen, ist Florian Bilbao aus Berlin als Gastregisseur nach Zentralasien gekommen. Gemeinsam mit der Leiterin des Theaters, Natascha Dubs, ist das Stück realisiert worden. Unterstützt wurde das Projekt vom Goethe-Institut Almaty.

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„Karagos“ wurde am 02. Juli 2017 in der Selesnjow-Fachschule für Choreographie in Almaty uraufgeführt – eine der vielen verschiedenen Bühnen des Deutschen Theaters. Weitere Aufführungen folgten in Astana im Rahmen der EXPO. Die nächste Spielzeit beginnt Ende August. Da wird „Karagos“ nochmals zu sehen sein.

Eine Zwangsheirat

„Karagos” – ein Stück eines kasachischen Schriftstellers auf der Bühne des Deutschen Theaters Kasachstan in deutscher Sprache.
„Karagos” – ein Stück eines kasachischen Schriftstellers auf der Bühne des Deutschen Theaters Kasachstan in deutscher Sprache. | Foto: Boris Shadrin

Die Handlung des Theaterstücks hat universellen Charakter – eine Frau, zwei Männer, eine unglückliche Hochzeit. Karagos, eine junge Frau, soll verheiratet werden. Doch sie liebt bereits einen anderen Mann. Zerrissen zwischen Pflichtbewusstsein gegenüber der eigenen Familie und der Tradition des Dorfes, dem Druck der beiden Männer und ihren eigenen Gefühlen, entgeht sie der sich immer weiter zuspitzenden Situation letztendlich im Wahnsinn – und stirbt kurz darauf.

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Was ist richtig in der falschen Situation?

Die Dramatik des Stücks wirft im Laufe der Handlung die Frage auf: Was ist richtig in der falschen Situation? Die Bühne gibt die Antwort auf einen möglichen Ausweg: Der Wahnsinn. Er ist wieder einmal das, was aus Liebe und Schmerz, die am Abgrund des Todes balancieren, resultieren muss. Der verrückte Tod der Protagonistin im Wald ist ihre Erlösung aus der falschen Situation. „Karagos“ ist eine Tragödie, welche eindeutig traurig endet. Zentral liegt dabei die Erkenntnis des Ehemanns, der von Anfang bis Ende der Handlung vor Liebe zu der Frau vergeht, die ihn nicht liebt: Wer zwingt, kann nicht geliebt werden.

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Zentralasiatische Poesie?

Die kasachischen Facetten des Werks Auesows zeigen sich in der Poesie der Dialoge und, zumindest scheinbar, in den kulturellen Mechanismen, welche den Lauf der Dinge formen. Der Liebhaber Syrym gesteht Karagos leidenschaftlich: „Ich sehe dich überall in der Steppe, nachts in der Finsternis und in jeder meiner Kühe.“

Die Steppe wurde auf Deutsch bisher wenig besungen. Seltsam mag das auf dieser Sprache klingen, und außergewöhnlich schön.

Ferner ist die Rede von der Hochzeit in der Jurte, von den Regeln des muslimischen Kanons, von der Ehre der Großmutter, von Tradition, von ungeschriebenen Regeln. Doch lassen sich die Elemente, welche die Poesie des Stücks bezeichnen und das Leben der jungen Frau beeinflussen, wirklich nur einer bestimmten Kultur zuschreiben? Oder sind letztendlich alle Höhe– und Wendepunkte des Dramas universell denkbar?

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Das Stück erschließt sich so in einem Spiel aus Distanz und Nähe, aus vermeintlich Fremdem und vermeintlich Vertrautem. Die Motive des Stücks – Eifersucht, Liebe, Wahnsinn, Tod – sind tatsächlich bereits auf jeder Bühne dieser Welt dargestellt worden, in jeder Sprache, in jedem Land. „Karagos“ wird damit zum Teil einer Weltliteratur, die beweist, dass Menschen sich doch überall mit denselben Themen beschäftigen, so unterschiedlich die Kulturen auch sein mögen.

Ein kasachisches Geschehen in deutscher Sprache

Eine der Besonderheiten des Stücks liegt bereits in der Tatsache, dass eine Dichtung aus der in deutschsprachigen Ländern relativ unbekannten kasachischen Literatur in deutscher Sprache aufgeführt wird. Übersetzungen und auf diesen basierende Aufführungen ermöglichen Einblicke in andere Orte, andere Kulturen, andere Welten – das ist wertvoll.

Für die SchauspielerInnen des Deutschen Theaters Kasachstan ist Deutsch eine Fremdsprache. Dennoch spielen sie das gesamte Stück Auesows in dieser. Die so auf die Bühne gebrachten sehr unterschiedlichen Akzente im Deutschen werden auf diese Weise Teil des Stücks. Das manchmal gerollte R und die manchmal ungewöhnliche Betonung sind zwar mit dem traditionellen deutschsprachigen Theater nicht vergleichbar, schaffen dafür aber neue Schönheiten. Das Bühnenstück des Deutschen Theaters hat mit „Karagos“ etwas Neues geschaffen – einen Einblick in eine transkulturelle Welt: Fließende Übergänge zwischen zwei Kulturen.

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Wortloser Ausdruck

Auch künstlerisch ist das Stück eine Verflechtung traditionell voneinander getrennter Genres. Das Thema, aber auch die Inszenierung des Stücks sind intensiv. Explosive, intime und beklemmende Szenen reihen sich aneinander.

Dabei wird das Schauspiel von Musik, Tanz und Installationen begleitet – von Anfang bis Ende führen sie das Publikum und die SchauspielerInnen durch die Emotionen, welche die Szenen auslösen müssen. Die Mischung wirkt experimentell, bringt aber in ihren Elementen gekonnt zusammen, was zusammengehört.

Denn was in der Sprache nicht ausgedrückt wird, formuliert sich im Tanz, in der Bedrücktheit der Installation, in rhythmischem Sprechgesang und manchmal nur in stillen Berührungen. Und selbst die Kobyz, die kasachische Geige, wird am Ende verrückt. Sie krächzt, während die Protagonistin Karagos, in dieser Szene gespielt von Tolganay Talgat, im Wald auf erschreckend authentische Weise wahnsinnig wird.

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Fast essayistisch wirft das Mosaik aus szenischen Tänzen Fragen zur männlichen und weiblichen Rolle auf und verarbeitet den Schmerz, der aus diesen entsteht. Die Inszenierung spielt mit Gruppen-, Zweier– und Einzelbildern und deren Macht, setzt gekonnt Rhythmen und Antirhythmen ein und muss, trotz der Wortgewalt des Dichters, nicht alle diese Fragen mit Worten beantworten.

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Eine Welt auf einer Bühne – wie wäre es auf weiteren?

„Karagos“ des Deutschen Theaters Kasachstan ist das Stück eines kasachischen Dichters in deutscher Sprache auf einer Bühne in Kasachstan. Doch das Bühnenstück ist noch weit mehr. Es lohnt sich, sich in der kommenden Spielzeit ein eigenes Bild zu machen.

Noch spielt sich all das auf einer kasachischen Bühne ab. Der Vorhang der großen Bühne in Almaty ist bestickt mit der goldenen Sonne und dem fliegenden Adler. Interessant wäre es ferner, dieses Stück auf eine Bühne in Deutschland, oder, warum auch nicht, im gesamten Europa zu bringen.