Poetische Stimme in der Minderheit

Die Gewinnerin des ersten deutschsprachigen Poetry-Slams in Taschkent – Radmila Rasuleva.
Die Gewinnerin des ersten deutschsprachigen Poetry-Slams in Taschkent – Radmila Rasuleva. | Foto: Oksana Danilevskaja

Radmila Rasuleva hat mit ihren Gedichten den ersten Poetry-Slam in deutscher Sprache in Taschkent gewonnen. In ihrem Heimatland Usbekistan lebt sie in der Minderheit. Mit der DAZ hat sie über politische Poesie, Feminismus und die Vorteile der deutschen Sprache gesprochen.

Sie spricht poetisch. Sie liebt die Wörter und das Reisen. Schreiben ist ihr Bedürfnis, um soziale Probleme zu verarbeiten. Neben Russisch, Usbekisch, Englisch, Deutsch, Türkisch und Spanisch, hat sie sogar angefangen, Arabisch zu lernen. Und sie arbeitet im Content-Management-Bereich. Sie will Geld verdienen, denn weibliche Unabhängigkeit, glaubt sie, beginnt im finanziellen Sinn. In der Zukunft plant sie etwas Technisches zu studieren. Sie liebt es, spanische Thriller-Filme zu schauen und Pablo Nerudas Liebesgedichte zu lesen. Früher hat sie Fußball gespielt und die deutsche Sprache findet sie praktisch. Sie ist bescheiden, aber klar in dem, was sie will.

Radmila. Dein vorgetragenes Gedicht „Supurgi“ hat viele seiner HörerInnen überzeugt. Schon in der Schule hattest du den Schwerpunkt Geisteswissenschaften, die dem Schreiben nahe sind. Dann hast du „International Management“ studiert. Was bedeutet dein Studienfach für dich?

Ich glaube, ich war sehr jung, als ich mich für dieses Studium entschieden habe. Jetzt glaube ich, dass es keine sehr passende Entscheidung für mich war. Ich arbeite derzeit freiberuflich im Bereich Content Management.

Vielleicht möchte ich das jetzt ändern, ich überlege, noch einen Bachelor zu machen. Ich möchte etwas werden, womit ich mehr Geld verdienen kann. Vielleicht Programmiererin oder Informatikerin.

Das ist aus meiner Sicht noch weiter entfernt von den Worten. Möchtest du nicht in diesem Bereich arbeiten?

Ich habe oft gehört, dass man mit Journalismus nicht so gut verdient. In so einer Situation will ich mich nicht befinden. Deshalb bemühe ich mich jetzt, ein bisschen pragmatischer zu sein.

Aber ich glaube, dass die Worte wie ein Kern von mir sind. Und ich kann das für mich weiterführen, auch wenn ich etwas Anderes studiere und arbeite. Das Schreiben kann immer bei mir bleiben. Wie ein Hobby. Oder wie die Nahrung meiner Seele. Es ist mir wichtig. Ich weiß, dass die Welt der Wörter meine Welt ist.

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Schreiben spielt also schon lange eine Rolle in deinem Leben. Seit wann Dichtung im Speziellen?

Ich habe bereits als Journalistin gearbeitet, und in meinem Leben spielte Sprache bis jetzt immer eine Rolle. Ich dachte immer, dass Prosa, etwas Nützliches, passender für mich sei. Für Dichtung habe ich mich früher nicht so interessiert, weil ich gedacht habe, dass ich dafür nicht begabt, dass es zu schwierig sei.

Ich bin erst dazu gekommen, als ich ungefähr zwanzig Jahre alt war und angefangen habe, mich nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Dazu habe ich dann ein paar Gedichte geschrieben. Das waren nur Versuche, aber ich bekam positives Feedback. Das war meine erste Erfahrung mit Dichtung.

<< Ich bin der Meinung, man soll nur schreiben, wenn man etwas zu sagen hat. Wenn etwas unbedingt herauswill. >>

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Und was war das für ein Thema, dass dich zum ersten Mal zum Schreiben gebracht hat? Was musste da raus? Was hat dich dazu gebracht, dieses Gefühl zu überwinden, dass du eigentlich dachtest, nicht schreiben zu können?

Ja, der Sinn des Lebens! Das war mein erstes Thema. Vor Kurzem habe ich auch über andere Themen geschrieben – über Usbekistan. Aber das ist oft politisch, und da muss ich vorsichtig sein. Ich mag es, kritische Gedichte zu verfassen.

Du schreibst ja auch auf Deutsch. Hat es auch etwas damit zu tun, dass dir kritische Texte auf Russisch oder Usbekisch gefährlich werden können?

Ich glaube, ich fühle mich sehr beschützt, wenn ich in einer anderen Sprache schreibe. Während des Schreib-Workshops im Goethe-Institut haben wir gelernt, auf Deutsch zu schreiben. Ich denke, es ist leichter für mich, in dieser Sprache zu schreiben. Auf keinen Fall will ich wie eine Dichterin aus dem 19. Jahrhundert klingen. So fühle ich mich zum Beispiel immer auf Russisch, weil ich nicht weiß, wie man auf Russisch auch zeitgenössisch schreiben kann. Aber auf Deutsch habe ich ein Gefühl dafür bekommen, wie man auch modern schreiben kann. Auch, weil ich einige zeitgenössische deutsche Dichter gelesen habe.

<< Deutsch ist sehr direkt und das mag ich. >>

Du hast gesagt, du fühlst dich beschützt, wenn du auf Deutsch schreibst und du hast dich in vielen Sprachen ausprobiert. Passt das Deutsche vielleicht sogar zu deiner, wie du selbst sagst, pragmatischen Art?

Ja, kann sein. Ich mag, wie diese Sprache alles ausdrückt. Es geht mehr um den tieferen Sinn als um die Oberfläche, glaube ich. Deutsch ist sehr direkt, und das mag ich. Wenn ich jetzt russische Gedichte lese, stört es mich fast ein bisschen, wenn dort zu viel mit Wörtern gespielt wird. Ja, gut, das ist auch die Schönheit der Sprache, aber manchmal ist mir das zu viel.

       << Ein Gedicht geht direkt in den Kopf – wie ein sehr kurzer Film. >>

Was hast du in der Lyrik für dich entdeckt? Wie ist deine Erfahrung mit dem Schreiben in einer Fremdsprache – kannst du im Gedicht etwas ausdrücken, was du in Prosa nicht kannst?

Ja. Mir gefällt es, dass Gedichte sehr kurz sind und gleichzeitig sehr stark. Sie brauchen nicht so viele Bilder. Du sagst etwas – und alle verstehen es, haben aber ihre eigenen Bilder im Kopf. Es wird sehr viel reduziert. Weniger Wörter. Manchmal passt das, manchmal passen andere Formen besser.

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Um etwas zu analysieren, passt ein journalistischer Text natürlich besser. Aber für soziale Probleme, über die man schon sehr viel gesprochen oder gelesen hat, ist es besser, etwas Kurzes, aber Aussagekräftiges zu schreiben. Ja, diese Form kann mehr Einfluss auf Themen haben. Man kann sich ein Gedicht schon allein besser merken, weil es kurz ist und direkt in den Kopf geht – wie ein sehr kurzer Film. Man sieht sich die Bilder an und dann kann man sich darüber seine eigenen Gedanken machen.

<< Das Thema Frauen ist hier in Zentralasien der Nerv der Zeit. >>

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Dein Gedicht „Supurgi“ setzt auch viele Bilder frei. Man kann es, glaube ich, als starke Abrechnung mit der familiären Kultur der zentralasiatischen Region lesen. Wo positionierst du dich selbst innerhalb dieses Komplexes, den du hier thematisierst?

Ich würde sagen, dass das Thema Frauen hier in Zentralasien der Nerv der Zeit ist. Ich bin selbst Teil davon, aber habe das alles nicht selbst erlebt. Meine Eltern sind Tataren und unsere Kultur ist ein wenig anders als die der Usbeken. Wir leben hier als Minderheit mit 30.000 anderen Tataren. Untereinander sind wir auch sehr unterschiedlich. Meine Eltern haben mich aber beispielsweise in Bezug auf meine Rolle als Frau nie bedrängt, da meine Mutter selbst Feministin ist. Vielleicht ist dieses Thema deshalb so wichtig für mich. Ich fühle mich also sowohl innerhalb dieser Diskussion um die Frauenrolle als auch außerhalb. Ich glaube, deshalb konnte ich das Thema im Gedicht „Supurgi“ beschreiben, aber nicht zu subjektiv.

<< Wir leben hier als Minderheit mit 30.000 anderen Tataren. Und die sind untereinander auch sehr unterschiedlich. >>

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Du sagst also, dass es insbesondere Empathie mit deinem Umfeld ist, die dich dazu bewogen hat, über dieses Thema zu schreiben.

Ja, ich habe sehr viele Freundinnen, die sich in solchen Situationen, wie ich sie in meinem Gedicht beschreibe, befunden haben. All die Dialoge und Situationen habe ich aus dem Leben. Ich habe mir nichts ausgedacht. Nur die Namen und Vornamen sind geändert, ansonsten ist alles genau so passiert. Und solche Situationen finde ich persönlich bedauerlich.

Die Geschichte im Gedicht ist die meiner besten Freundin. Sie hatte gute Zukunftsaussichten, viel bessere als ich, und war sehr engagiert und aktiv. Doch sie wurde immer von ihren Eltern unter Druck gesetzt. Mit 23 Jahren wurde sie dann gegen ihren Wunsch verheiratet. Jetzt hat sie ein Kind. Und sie hat kein Licht in ihren Augen. Sie ist zwar sehr glücklich, dass sie eine Mutter ist, aber es ist nicht ihre Entscheidung gewesen. Der Tradition nach lebt sie nach der Hochzeit bei der Familie ihres Mannes. Sie hat mir erzählt, dass sie sich dabei nicht wohl fühlt, mit ihrer Schwiegermutter zusammen zu wohnen.

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Muslima lautet der Name der Tochter, die am Ende deines Gedichts geboren wird. Er klingt wie eine Anspielung auf den Islam. Nun ist Zentralasiens Kultur zwar vom Islam geprägt, aber es ist dennoch eine multikonfessionelle Region. Was genau wolltest du mit diesem Namen andeuten?

Ich wollte nur einen Teil der ganzen Situation zeigen. Wie man hier den Islam versteht, beeinflusst auch das Verständnis davon, wie die Frau ihr Leben führen soll und was sie für Verpflichtungen hat. Zum Beispiel auch – und das habe ich im Gedicht natürlich nicht erwähnt – dass die Frau bis zur Heirat Jungfrau bleiben soll. Das ist für mich Unterdrückung.

Ich erlebe hier die Tendenz, dass den Kindern mehr und mehr muslimische Namen gegeben werden. Das ist auch eine Frage der Positionierung. Der Dialog über den Namen der Tochter im Gedicht war ebenso ein Dialog zwischen meiner Freundin und ihrem Mann. Ihr Mann hat das allein entschieden. Es war wichtig, dass er und nicht sie entscheidet, was für einen Vornamen ihr Kind tragen wird.

<< Ich habe das Gedicht absichtlich „Supurgi“ genannt. Es bedeutet „Besen“. >>

Du selbst bist nicht in der Situation, mit einer solchen Forderung umgehen zu müssen. Aber wie weit, glaubst du, können sich die Frauen in deinem Umfeld von ihrer Kultur entfernen? Ist das möglich oder nicht?

Ich habe das Gedicht absichtlich „Supurgi“ genannt. Es bedeutet „Besen“. Es ist für mich wie ein Symbol für Unterdrückung. Ich hoffe, dass das Ende gezeigt hat, dass diese Tradition wie eine Endlosschleife ist, die kaum zu durchbrechen ist. Zumindest ist es sehr schwierig, sie zu durchbrechen. Ich spreche besonders über die ländlichen Regionen. In Taschkent ist es vielleicht schon ein wenig besser und auch auf die Familie kommt es an. Mancherorts ist man noch sehr konservativ. Und ich sehe fast keine Dynamiken für eine Veränderung.

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<< Diese Tradition ist wie eine Endlosschleife. >>

Aber nachdem ich bei dem Poetry Slam in Taschkent mein Gedicht vorgelesen hatte, sind drei junge Mädchen zu mir gekommen und haben gesagt: „Ja, jetzt sind wir uns sicher, dass wir in den nächsten fünf Jahren nicht heiraten wollen – nein, wir wollen etwas Anderes machen!“

Was macht denn die moderne Frau anders als die traditionelle, der du in deinem Gedicht „Treue zur Familie“ zuschreibst?

Ich bemerke, dass viele Frauen zum Studieren ins Ausland gehen, ihnen ist ihre Ausbildung sehr wichtig. Manche Eltern sind sehr glücklich darüber, dass ihre Töchter diese Gelegenheit bekommen.

Das Wichtigste für eine Frau ist meiner Meinung nach ihre finanzielle Unabhängigkeit, damit ihre Stimme gehört wird. Aber das ist der Punkt: Man bleibt sehr, sehr lange abhängig von den Eltern und fügt sich ihnen. Das ist Teil dieser Kultur.

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Ich glaube, dass dieses traditionelle Bild tief verankert ist. Aber das hängt natürlich auch von der Frau ab. Ich glaube zwar, dass die Frauen, die schon im Ausland waren, ein wenig andere Vorstellungen haben. Aber ob sie damit gegen die Vorstellungen der Familie angehen können, das ist eine andere Frage.

Und wie ist das bei dir? Du hast gesagt, deine Mutter ist Feministin. Haben dir deine Eltern die Freiheit gegeben, die viele deiner Freundinnen deiner Ansicht nach nicht haben?

Ja, ich glaube, die Familie ist der springende Punkt. An meiner Mutter habe ich immer bewundert, dass sie so stark und unabhängig ist. Sie wollte auf keinen Fall von ihrem Mann abhängen und tut es bis jetzt nicht. Ich bin die einzige Tochter in der Familie, aber ich habe nie das Gefühl gehabt, als „Tochter“ behandelt zu werden. Mit meinem Vater habe ich seit dem Kindesalter immer viel diskutiert. Er hat mir nie gesagt: „Du bist nur ein Mädchen, du verstehst das nicht.“

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Aber auch auf meinen Reisen habe ich sehr viel mit Frauen und Männern über dieses Thema gesprochen. Und dabei habe ich gesehen: Es gibt Männer, die Frauen anders behandeln. Männer, die die Meinung der Frau respektieren und Klugheit schätzen. In Usbekistan ist es im Durchschnitt so, dass eine kluge Frau bei den Männern nicht gut ankommt. Sie haben Angst vor Frauen, die alles selbst entscheiden. Es ist wichtig, dass Männer auch feministisch denken können, glaube ich. Beim Thema Feminismus ist Europa zum Beispiel schon weit fortgeschritten. Auch dort ist man damit noch nicht fertig, aber im Vergleich zu Zentralasien ist man sehr weit vorn.

       << Ich will mich gar nicht bezeichnen. >>

Würdest du dich als Feministin bezeichen? Und was bedeutet der Begriff für dich?

Ich mag diesen Begriff nicht so sehr. Jeder interpretiert ihn anders. Wenn ich sage, dass ich eine Feministin bin, dann erschrecken sich manche, weil sie ein ganz anderes Bild von diesem Konzept haben: Dass die Frau wie ein Mann ist, zum Beispiel. Diese Frage habe ich übrigens häufig gehört: „Willst du wie ein Mann sein?“ Deshalb bemühe ich mich, diesen Begriff nicht so oft zu verwenden. Alle interpretieren ihn auf ihre Weise.

Aber ich glaube schon, dass ich mich als Feministin verstehe. Es bedeutet für mich, dass ich so sein kann, wie ich es will und, dass alle Frauen so sein können, wie sie es wollen – niemand sagt ihnen, was sie wegen ihres Geschlechts tun und lassen sollen und was sie zu denken haben.

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Und hast du einen besseren Begriff für dein Konzept gefunden? Oder wie willst du dich am liebsten bezeichnen?

Nein, ich will mich gar nicht bezeichnen. Es ist für mich einfach sehr wichtig, dass Frauen sich frei fühlen. Ja, Freiheit.

<< Frauen haben ihre eigene Individualität und sind damit mehr als nur ein Geschlecht. >>

Was verstehst du darunter, weiblich zu sein oder eine Frau zu sein?

In der usbekischen Gesellschaft gibt es ein festes Bild davon, was Frausein bedeutet. Für mich ist dieses Bild nicht so stark gefestigt. Was mir viel wichtiger ist: Dass Frauen ihre eigene Individualität haben und damit mehr als nur ein Geschlecht sind. Ich mag es, wenn Frauen verschieden sind – ebenso wie Männer.

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In Anbetracht all dieser Themen, die dich berechtigter Weise gerade beschäftigen: Wie geht es für dich weiter? Was hast du für Pläne? Für deinen persönlichen Werdegang und was wird das Schreiben darin für eine Rolle spielen?

Ich will jetzt noch ein Studium beginnen. Aber in meinem Leben stimmt das, was ich plane und das, was ich wirklich mache, nie überein (lacht). Zunächst wünsche ich mir, etwas Praktisches zu lernen. Ich habe mich in Deutschland für Wirtschaftsinformatik und Medieninformatik beworben. Ich möchte auch Gedichte schreiben, aber eben nur, wenn ich wirklich etwas mitzuteilen habe. Ich kann mich mir nicht als Dichterin vorstellen – aber ab und zu über etwas schreiben möchte ich schon.

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Du warst ja schon mal in Deutschland und du sprichst auch die Sprache, aber du weißt auch, dass Deutschland sich sehr von Zentralasien unterscheidet. Willst du gerade diesen Unterschied oder hast du Angst vor ihm?

Deutschland ist sehr viel heterogener als mein Land. Und vielleicht muss ich dafür auch noch flexibler werden. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Asien gelebt und ich denke auch viel in asiatischen Regeln. Vielleicht unbewusst, aber diese Kultur hat mich natürlich beeinflusst. Deutschland ist sehr anders.

Ich denke aber, dass man dort vieles finden kann. Ich bin schon in einigen Teilen Deutschlands gewesen und habe keine Angst. Ich könnte etwas Europäisches lernen und andersherum könnte ich den Menschen dort etwas Asiatisches beibringen. Ich denke, in Deutschland ist man an Asien interessiert, da weniger dazu bekannt ist. Ich sehe es also eher als einen Austauschprozess, der für beide Seiten sehr interessant sein kann.

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Was hältst du denn von deinem eigenen Land? Kannst du dir vorstellen, wieder zurückzukommen? Oder gehst du jetzt gerade, um für immer woanders zu bleiben?

In manchen Aspekten mag ich dieses Land sehr. Aber die Frage, wo ich leben will, kann ich nicht so direkt beantworten. Ich glaube nicht, dass ich, obwohl ich in Usbekistan geboren bin, hier mein Leben lang bleiben muss. Wenn ich will, lebe ich hier und dann ein paar Jahre woanders und komme dann zurück. Für mich steht das noch nicht so fest.

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Das klingt für mich nach genau dem Gegenteil von „Supurgi“, von dem Besen, den ich insbesondere als Symbol für die Sesshaftigkeit der Frau verstanden habe.

Radmila, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Supurgi

Für Mavdzhuda, ihre lebenslange Askese
Ihre Demut, Selbstverleugnung
Für die Tränen
die niemand sehen soll

– Eine Hose? Wer bist du?
– Eine Frau.
– Rock bis hier!
– Bis an die Knie?
– Genau! Ansonsten – uyat!

– Wir schicken dich zur Uni.
– So schön, zu studieren!
– Naja… such dir dort einen Mann.

– Beeil dich, Mavdzhuda!
Du bist schon 24.
Niemand wird dich später
nehmen.
– Was macht mich denn attraktiv?
Sport? Kosmetik?
– Kaum. Supurgi um 6 Uhr morgens
und du bist die gewünschte Frau.

Karnay-surnay
der gesenkte Blick
hahnenfarbener Atlas
und Millionen von Gästen
Kelin, salom!
Marhamat!

Eine Art Chronologie:
Der Geruch verbrannter Milch
schwarzer Kazan,
schwarzer Ruß
die kohleschwarzen Tage

– Hurshid-Aka, mein Lieber
was wollen Sie zu Abend essen?
– Mach Plov, Samsa, Shurpa.

Qaynona sitzt wie ein Pfau
Fächer in einer Hand
in der anderen Konfekt
„Kümmer dich um die Familie!
Sei nicht so faul!
Deine Mutter hat dir nichts beigebracht.
Sie ist schuld.“

– Warum ist es so schwierig,
Oyidzhon?
Ich leide.
Den ganzen Tag Hismat.
– Du magst nicht,
wenn man schreit?
Ich sage Dir noch einmal:
Tshida! Geduld!

Der rechteckige Beshik wartet
seit neun Monaten schon.
„Wer ist geboren?
Wieso wieder eine Tochter?
Madina soll unsre Tochter nicht heißen,
besser Muslima“
sagt der Vater
mit gerunzelten Brauen.

Sieben Jahre sind vorbei.
„Komm, Muslima, nimm Supurgi.
Jetzt bist du dran.“

Glossar:

Supurgi – Besen
Uyat – Schande, Scham (für die Familie)
Karnay-surnay – traditionelles Hornblasen zur Hochzeit
Kelin – Braut im ersten Jahr, die bei der Familie des Bräutigams lebt und dort ⇒ Hismat verrichtet
Kazan – zentralasiatisches Kochgeschirr
Aka – «älterer Bruder»; respektvolle Anrede in Usbekistan
Qaynona – Schwiegermutter
Oyidzhon – liebevolle Anrede der Mutter
Hismat – Dienst der ⇒ Kelin; Kochen, Sorge für die Kinder der älteren Schwägerinnen und Schwager, Hausarbeit, Dienst am Tisch und bei Festen
Beshik – traditionelle Wiege