16. November 1941. Die deutschen Truppen rücken zielstrebig in Richtung Moskau vor. Doch bei Dubosekowo, etwa 140 Kilometer vor der russischen Hauptstadt, stellt sich ihnen eine Gruppe von 28 tapferen Sowjetsoldaten entgegen – ausgestattet nur mit Gewehren, Handgranaten und Molotow-Cocktails.

Sie gehören zur 316. Schützendivision, gegründet in der damaligen kasachischen Hauptstadt Almaty. Ihnen gegenüber stehen mindestens 50 deutsche Panzer. Trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit der Deutschen zerstören die 28 Sowjetsoldaten 14 gegnerische Panzer. Dann sagt der Kommissar der Gruppe, Wasili Klotschkow den Satz, der ihn später berühmt machen wird: „Russland ist weit, aber es gibt keinen Platz zum Rückzug – hinter uns liegt Moskau“. Schwer verwundet schmeißt er sich mit einigen Handgranaten unter einen heranrückenden gegnerischen Panzer und sprengt sich mit ihm in die Luft. Vier weitere Stunden kämpft der Rest der Gruppe gegen die gegnerische Überzahl. Die Deutschen verlieren 18 Panzer, Dutzende Soldaten und werden entschieden am Weitermarsch gehindert.

So oder ähnlich lautet die Legende der 28 Panfilowzy, benannt nach Iwan Panfilow, dem General der 316. Schützendivision. Wahrscheinlich wird jeder Sowjetbürger diese Geschichte schon einmal gehört haben – ob aus Liedern, Geschichtsbüchern oder dem Fernsehen. Auch heute – 75 Jahre danach – sind die Helden von damals noch omnipräsent. Zum Jahrestag im November erscheint der Film Die 28 Panfilowzy, eine aufwendige Kinoproduktion, teilfinanziert durch das russische Kulturministerium. Straßen, Schulen und Denkmäler in der ehemaligen Sowjetunion sind nach den Helden benannt. Klotschkows legendärer Satz „Russland ist weit, aber es gibt keinen Platz zum Rückzug – hinter uns liegt Moskau“ schmückt das Denkmal zu Ehren der 28 Panfilow-Helden im gleichnamigen Park in Almaty.

Ein Monument steht symbolisch für Millionen gefallener Sowjetsoldaten – das Panfilow-Denkmal in Almaty. | Foto: Paul Toetzke

Heute weiß man jedoch: Klotschkow hat diesen Satz nie gesagt. Auch der Rest der Geschichte ist größtenteils erfunden. Die Legende der 28 ist ein Beispiel dafür, wie Übertreibung und Faktenverdrehung, Kriegseuphorie und nationaler Stolz zu Geschichte werden. Wie Realität und Fiktion miteinander verschmelzen. Und wie Kriegslegenden Teil der nationalen Identität werden. Diese Art der Geschichtsschreibung ist jedoch kein sowjetisches Phänomen. Es gab sie schon lange zuvor; die Entstehung des Christentums, die Heldentaten im antiken Rom, die Zivilisierungsmission während der Kolonisierung. Schon immer waren Mythen Teil der Geschichtsschreibung. Doch gerade im Dritten Reich sowie in der Sowjetunion unter Stalin nahm die Heroisierung von Kriegstaten einen besonders hohen Stellenwert ein. Die Narrative des Großen Vaterländischen Kriegs wurde zum unentbehrlichen Träger der sowjetischen Identität. Und mit ihr Legenden, wie die der 28 Panfilowzy.

Mit Beginn der Perestroika und der damit verbundenen Öffnung der Militärarchive wurde nach und nach bekannt, dass die Ereignisse um den Ort Dubossekowo herum so nie stattgefunden haben. Trotz mehrerer kritischer Analysen russischer Historiker gab es nie eine offizielle Erklärung zu den Ereignissen. Der russische Kulturminister Wladimir Medinski forderte zuletzt, man solle endlich mit der „widerlichen Beschmutzung dieses Themas aufhören“. Dabei stellte die sowjetische Militärstaatsanwaltschaft schon 1948 in einer Untersuchung fest, dass die Ereignisse nicht auf der Realität basieren: „Die in den Medien beschriebene Leistung der 28 Panfilowzy ist eine Erfindung des Reporters Korotejew [und] Ortenbergs, Redakteur der Zeitung Krasnaja Swezda [Roter Stern], und insbesondere des literarischen Sekretärs der Zeitung, Kriwizki.“ Das Politbüro ignorierte die Untersuchung jedoch und stufte die Dokumente als geheim ein. Als Folge entstand ein Mythos, der bis heute existiert. Erst 1990 wurde der Report der Militärstaatsanwalt von 1948 in einem Artikel von A. F. Katusew veröffentlicht. Eine weitere ausführliche Untersuchung der Ereignisse entstand 1997 durch die Autoren Petrow und Edelmann. Alle Publikationen stimmen mit dem Report von 1948 darin überein: Die wahren Urheber der Legende sind die drei Journalisten der Zeitung Krasnaja Swesda.

Wie also kam es zu der selektiven Mythisierung der 28? Am 24. November 1941 suchte der Journalist Wasili Korotejew den Kommissar der 8. Gardedivision auf. Dieser erzählte ihm, er habe gehört, dass die 5. Kompanie eines unbekannten Schützenregiments gegen 54 deutsche Panzer gekämpft, sie am Vormarsch gehindert und mehrere von ihnen zerstört habe. Diese Zahl ließ sich allerdings nirgendwo bestätigen. Tatsächlich notierte die sowjetische Armee vier zerstörte Panzer des gesamten 1075. Schützenregiments zwischen dem 16. und 18. November. Trotzdem erscheint drei Tage später Korotejews Artikel in der Zeitung „Krasnaja Swesda“, in dem er von einer „Handvoll“ Soldaten der 316.

Schützendivision schreibt, die 18 der 54 gegnerischen Panzer zerstört und 800 deutsche Soldaten getötet haben soll. Alle Helden, eingeschlossen des Kommandeurs Dijew, seien gefallen. Er schätzte, dass es ungefähr 30 Soldaten gewesen sein müssen, von denen zwei aufgrund von versuchter Kapitulation erschossen worden seien. Der Redakteur der Zeitung ist begeistert von der Geschichte, aus „politischer Verantwortung“ spricht er zunächst von nur einem Verräter, später wird auch der zweite gestrichen. Er beauftragt einen weiteren Journalisten, Alexander Kriwizki, mit einem Leitartikel für die nächste Ausgabe.

Kriwizki, nicht umsonst literarischer Sekretär der Zeitung, macht aus der bisherigen Story eine Art Kriegskrimi. Er hat nur wenige Stunden, um den Text fertigzustellen. Also verlässt sich Kriwizki auf seine Fantasie: „Die 28 kämpften in Erinnerung an ein altes Sprichwort: „Soldaten sterben, sie kapitulieren nicht“ schreibt er und fügt weitere Details hinzu. Die sowjetische Führung ist entzückt, selbst Stalin billigt die Geschichte angeblich. Nun fehlen nur noch die Namen der 28 Helden. Karpow, Kommandeur des 1075. Schützenregiments hört das erste Mal von den Panfilowzy, als Kriwizki ihn Ende Dezember aufsucht. „Ich sagte ihm, dass es dazu keine Dokumente gibt und auch nicht geben konnte“, erinnert sich Karpow später. Daraufhin lässt ihn Kriwizki 28 willkürliche Namen unter den getöteten Soldaten der 5. Kompanie auswählen. Einen verstorbenen Kommandeur der 4. Kompanie, Wassili Klotschkow, macht er zum Kommissar der 28. Ein weiterer Artikel erscheint, Namen verändern sich, die Zahl der zerstörten Panzer sinkt – und Klotschkows berühmter Satz geht in die Geschichte ein. Jahre später wird Kriwizki zugeben: „Ich habe es erfunden.“

Von klein auf setzt man sich hier mit den Heldentaten auseinander. | Foto: Paul Toetzke

„Die Kämpfe zwischen 28 Panfilow-Soldaten und deutschen Panzern bei Dubossekowo am 19. November 1941 fanden nie statt; sie sind pure Erfindung“, erklärt auch der Kommandeur des 1075. Schützenregiments, Karpow, später. Doch da hat die Geschichte schon offiziellen Status erreicht. 1942 werden die 28 mit dem Titel „Held der Sowjetunion“ ausgezeichnet. Aber es gibt ein Problem: Vier von ihnen sind noch am Leben. Drei der noch lebenden Helden erhalten ihre Auszeichnung. Ein weiterer Überlebender, Daniil Koschebergenow, wird am 2. Mai 1942 wegen freiwilliger Kapitulation gegenüber den Deutschen verurteilt. Sein Name geriet versehentlich auf die Liste. Innerhalb des 1075. Schützenregiments existierte niemand mit einem solchen Namen. Auf dem Denkmal in Almaty ist sein Name jedoch noch zu finden.

Ein weiterer Name muss erwähnt werden: Iwan Dobrobabin. Heute weiß man, dass ein Teil seiner Einheit unter den 28 gewesen sein muss, und Dobrobabin somit ihr Kommandeur war. Kriwizki wollte allerdings, dass der Kommandeur der 28 ein Kommissar sei und wählte deswegen Klotschkow aus. Dobrobabin wurde an jenem 16. November von den Deutschen festgenommen und arbeitete als Hilfspolizist, um einer Deportation zu entkommen. 1943 erreichte ihn die Rote Armee und machte ihn zum Feldwebel. Nach dem Krieg liest er in einem Buch über die Panfilow-Helden und fordert seine Auszeichnung ein. Doch stattdessen wird er 1947 für seinen Dienst als deutscher Hilfspolizist zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt. Dobrobabins Geschichte ist nicht heldentauglich, sein Name verschwindet aus späteren Veröffentlichungen.

Der Journalist Kriwizki machte Karriere mit seinen 28 Panfilowzy. Schriftsteller, Dichter, Historiker – viele übernahmen seine Geschichte. Einige Fragen sind bis heute ungeklärt. Die Legende von den 28 lebt jedoch weiter. Als Kinofilm, als Denkmal, vor allem aber in den Köpfen der Menschen. „Geschichte ist eine Fabel, auf die man sich geeinigt hat“, hat schließlich schon Napoleon gesagt.  Und schon bald können wir uns auf eine filmische Neuauflage dieser Geschichte in den Kinos Russlands und Kasachstans freuen.

Paul Toetzke

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