Die Bundeswehr der Zukunft wird keine Wehrpflichtigenarmee, sondern eine Armee von Freiwilligen und Berufssoldaten sein. Mit der Verkündung der neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien im Mai und der Aussetzung der Wehrpflicht im Juli 2011 brachte Verteidigungsminister Dr. Thomas de Maiziere den derzeit größten Umbau der deutschen Streitkräfte ins Rollen. Neben der Truppenreduzierung auf 180.000 Soldaten sind bereits weitere Entscheidungen wie das Stationierungskonzept mit der Schließung von 31 Standorten getroffen worden.

DAZ sprach mit dem Militärattaché an der Deutschen Botschaft Moskau, Brigadegeneral Josef Niebecker, über anstehende Herausforderungen und künftige Veränderungen in der Bundeswehr.

DAZ: Herr General, die Strukturreform der Bundeswehr sieht eine Truppenreduzierung von derzeit 220.000 auf zukünftig 180.000 Soldaten plus vor. Kann eine Einsatzarmee, die bisher mit zwei großen und einer kleinen Operation schon überlastet war, den zukünftigen Anforderungen mit noch weniger Soldaten gerecht werden?

Brigadegeneral Josef Niebecker: Die tatsächliche Truppenreduzierung schätze ich nicht so dramatisch ein. Ein großer Teil, der wegfällt, sind ja die Wehrpflichtigen. Außerdem wird das Personal, das sich mit der Ausbildung der Wehrpflichtigen befasste, jetzt freigesetzt. Das bedeutet, in einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung haben wir eigentlich mehr Soldaten für die tatsächlichen Einsatzaufgaben zur Verfügung, als mit der vorherigen „Nominalstärke“ von 220.000 Soldaten. Dieses Personal muss jetzt allerdings umgeschichtet und umgeschult sowie in neuen Strukturen zusammengefasst werden. Dieser Prozess braucht etwas Zeit.
Der Rückgang von 220.000 auf 180.000 Soldaten (plus) wird die Anzahl der Soldaten, die effektiv für den Einsatz zur Verfügung stehen, zunächst überhaupt nicht beeinflussen. Für die Einsatzgestellung haben wir somit ein solides Fundament.

Das zweite, das Sie angesprochen haben, ist der „Level of Ambition“, so die NATO-Terminologie. Das neue Anforderungsprofil, dem die Bundeswehr nach neuer Struktur genügen muss, ist auch entsprechend der Reform neu festgesetzt worden. Zukünftig orientieren sich unsere nationalen militärischen Möglichkeiten an einer großen Operation und mehreren kleineren unabhängigen, z.B. Marine- und Luftoperationen. Dazu kommen die Bereitschaftskräfte, die für Operationen der NATO, der EU und der UN einsetzt werden können. (NRF/EUBG)

Eine weitere Forderung ist die Durchhaltefähigkeit: Durchhaltefähig heißt, wir rechnen mit einer Stehzeit von 4-6 Monaten im Einsatz. Zwischen den Einsätzen sollen zwei Jahre Pause berücksichtigt werden; hier muss ein Rhythmus gefunden werden.

Es muss also beispielsweise genügend Personal in einer Fernmeldeeinheit vorhanden sein, so dass derselbe Soldat erst nach zwei Jahren erneut in den Einsatz geschickt werden muss, aber sein Dienstposten im Einsatz die ganze Zeit durchgängig durch andere Kameraden besetzt werden kann. Dasselbe betrifft den Sanitätsdienst, hier z.B. die Chirurgen, die dabei hoch qualifiziert sein müssen.

Bislang sind aber die Strukturen noch nicht im Detail ausgearbeitet, denn der Verteidigungsminister hat zunächst nur Grobstrukturen bekanntgegeben. Die Inspekteure der Teilstreitkräfte erhielten den Auftrag, die Feinstrukturen der Reform auszuplanen. Bis dahin gilt es abzuwarten.

Bedeutet Durchhaltefähigkeit für den Einsatz auch, dass der Einsatzrhythmus eventuell auf einen längeren Zeitraum als 4 bis 6 Monate festgesetzt wird?

Das Bundesministerium der Verteidigung hat sich gegenüber dem Parlament ins Obligo begeben, dass an diesem grundsätzlichen 4 Monate dauernden Einsatzzeitraum nicht gerüttelt wird, zumindest für die „normalen“ Verbände. Es gibt allerdings spezielle Positionen, da macht ein 4-Monate-Einsatz schlichtweg keinen Sinn. Ein Verbindungsoffizier im afghanischen Verteidigungsministerium braucht nun einmal eine längere Einarbeitungszeit. Aber das betrifft eher Einzelpersonal, wie z.B. einen typischen Feldlagerpionier, der für die Wasserversorgung im Lager zuständig ist. Hier muss die Einsatzdauer aufgabenspezifisch auf den Einsatz abgestimmt werden. Andere Dienstposten müssen mindestens 1 Jahr am Stück besetzt werden, wie z.B. im Pressebereich im internationalen Umfeld.

Die Personalstrukturreform der Bundeswehr zielt auf Truppenreduzierung und Effizienzsteigerung ab: Wie passt das beides zusammen? Wie muss die Ausbildung und Einsatzvorbereitung angepasst werden, um mit weniger Truppe besser und effizienter im Einsatz agieren zu können?

Diesbezüglich wird man sich noch stärker auf den eigentlichen Einsatzauftrag konzentrieren und sich von Überflüssigem trennen müssen. In meiner Verwendung als Brigadekommandeur begleitete ich meine Brigade in dieser Funktion in den Einsatz im Kosovo und nach Bosnien. Das heißt, ich war für die Einsatzvorbereitung meiner Truppe zuständig. Dabei war stets klar, dass ich die Hälfte des Personals zu Hause am Heimatstandort lassen musste, zum Teil auch die Bataillonsführungen. Der normale Dienstbetrieb ging ja in einem Teil der Einheiten weiter. Es gab also eine Menge Gründe, die mich daran hinderten, mein Personal komplett in den Einsatz zu schicken, um dort dann den Einsatzauftrag wahrzunehmen.

Wenn wir uns jetzt entscheiden, mit den Freiwilligen komplett in den Einsatz zu verlegen, dann wäre das durchaus möglich, und wir würden eine Effizienzsteigerung in großem Maße erreichen. Es ist derzeit möglich, viel mehr Männer und Frauen für den Einsatz zu mobilisieren als vormals. Daher sehe ich durchaus keinen Widerspruch in der Truppenreduzierung und gleichzeitigen Effizienzsteigerung.

Wie allerdings die Einsatzausbildung optimiert werden kann, vermag ich von meinem heutigen Standort in Moskau nicht zu bewerten. Das sollten diejenigen festlegen, die demnächst in den Einsatz gehen und eine Einsatzvorausbildung durchlaufen.

Nachdem die Wehrpflicht am 1. Juli ausgesetzt wurde, sieht die Bilanz der freiwilligen Wehrdienstleistenden und der Abbrecher mit 20 % nicht sehr rosig aus: Wie kann man die Grundausbildung und den Dienst generell attraktiver gestalten, um mehr freiwillige Bewerber anzuziehen?

Dazu muss ich anmerken, dass es schon immer Abbrecher gegeben hat und geben wird. Das hat drei Ursachen. Die erste ist die sog. Mehrfachbewerbung, also jemand, der sich bsp. neben der Bundeswehr außerdem bei der Polizei, der Feuerwehr oder der Wehrverwaltung beworben hat. Das ist jetzt sicherlich auch der Fall. Zum anderen gibt es auch Bewerber, die zwar durch die Prüfverfahren gekommen sind, aber nach ca. vier bis sechs Wochen von jedem militärischen Vorgesetzten die Frage gestellt bekommen würden, ob sie sich für die Bundeswehr wirklich geeignet fühlen.

Dann gibt es noch die Gruppe derer, die vor der Einstellung von falschen Voraussetzungen ausgingen. So steht bei diesen Bewerbern die Fachverwendung als z.B. Radioelektroniker und nicht das Soldatsein an erster Stelle. Die Bundeswehr wirbt ja sehr stark mit den zivilberuflich verwertbaren Möglichkeiten, die die Bewerber mitbringen.

Das ist in der Tat ein großer Unterschied: Wenn viele Freiwillige davon ausgehen, dass sie in erster Linie Radioelektroniker werden und eine fachliche Ausbildung erhalten, dann sind sie leider falsch informiert: In erster Linie ist man Soldat und dann Elektroniker. Dieses Element des Soldatseins mag dem ein oder anderen bei seiner Bewerbung nicht ganz so bewusst gewesen sein.

Zum jetzigen Zeitpunkt mache ich mir da keine Sorgen. Die Stammdienststelle für Unteroffiziere und das Personalamt der Bundeswehr weisen genügend Bewerberzahlen auf, so dass weiter eine Auswahl getroffen werden kann. Und es werden immer noch Bewerber abgelehnt.

Letztlich ist es wohl auch ein zeitliches Phänomen. Bei der Personalentwicklung aber auf einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten zu schauen, halte ich für wenig sinnvoll.

Nichtsdestotrotz wird die Bewerberfrage die Kernfrage sein: werden sich genügend Freiwillige für die Unteroffizier- und Offizierlaufbahn bewerben? Bei der derzeit weiter nach unten gehenden Demographiekurve und dem Wirtschaftsaufschwung in Deutschland ist ein großer Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt um attraktive Angebote absehbar. Hier muss die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiv bleiben und professioneller werben.

Was das Konzept der Wehrdienstberatung betrifft, bin ich sehr zuversichtlich. Es gibt da genügend Stützpunkte und Ansprechpartner für Interessierte, die eine qualifizierte Beratung suchen.

Die Bundeswehr befindet sich seit 2001 mit dem veränderten Aufgabenspektrum in der Transformation und einem ständigen Wandel. Glauben Sie, dass die Veränderungsbereitschaft und die Motivation unter den Soldaten ausreichen, um diesen bisher größten Umbau der Streitkräfte zu meistern?

Die Transformation der Bundeswehr dauert, wenn wir es genau nehmen, schon seit der Deutsch-Deutschen Wiedervereinigung an, nicht erst seit 2001. Die militärischen Reformen verlangen den Menschen, die in der Bundeswehr Dienst leisten, aber auch den Familien sehr viel ab. Umgekehrt ist es aber auch so, dass sich die Zeiten so fundamental geändert haben, dass tatsächlich auch eine große Veränderungsbereitschaft da war und heute auch immer noch vorhanden ist.

Wir Soldaten sind alle Angehörige einer ständig dazulernenden Organisation. Insbesondere die Soldaten, die in den Einsatz gehen, bekommen das zu spüren. Zum Teil wird unter großen Anstrengungen Personal aus 30 bis 40 verschiedenen Einheiten zusammengezogen. So entstehen berechtigte Forderungen, dass das System reformiert und angepasst werden soll.
Ich glaube allerdings nicht, dass Soldaten nun mit jeder Entscheidung der Transformation zufrieden und glücklich sind. Die Veränderungsbereitschaft schätze ich momentan trotzdem als sehr groß ein. Gerade wenn die Veränderungen zielorientiert über einen überschaubaren Zeitpunkt auf die konkreten Aufgaben ausgerichtet sind. Diesen Eindruck hat der Bundesverteidigungsminister auch vermitteln können, dem es darum geht, die Bundeswehr im Hinblick auf die Erfüllung der tatsächlichen Aufgaben besser aufzustellen.

Herr General, wie zeitgemäß ist das Konzept Innere Führung in der neuen zukünftigen Freiwilligenarmee ohne Wehrpflichtige? Was macht eine zeitgemäße Führungskultur in der neuen Armee aus?

Das Parlament hatte immer einen besonderen Blick auf die Innere Führung und den inneren Zustand der Streitkräfte gehabt. Diese Sorge war historisch begründet aus der Befürchtung heraus, dass die Menschenführung in der Bundeswehr eventuell nicht einem modernen Menschenbild entsprechen würde. Die Idee der Inneren Führung ist aber noch viel weiter gefasst. Sie sieht ein modernes Menschenbild und ein modernes Miteinander vor. Das wird in einer Freiwilligenarmee sicherlich mit einigen Akzentverschiebungen genauso aktuell bleiben. Daher schätze ich die Unterschiede nicht als sehr groß ein.

Vielleicht wird ein „kollegialerer“ Umgang in der neuen Armee gepflegt werden, trotzdem müssen sich auch Freiwillige dem Konzept von Befehl und Gehorsam unterordnen. Das ist ein wichtiger Punkt: Als Vorgesetzter trage ich die Verantwortung und habe Anspruch auf Gehorsam. Die Innere Führung ist also auch weiterhin unverzichtbar und wird sich lediglich in der Schwerpunktsetzung etwas anpassen.

Eine viel bedeutendere Frage stellt für mich die Einsatzhäufigkeit dar: Wie wird die Bundeswehr mit Menschen umgehen, die sich für 12 Jahre als Soldat in den Streitkräften verpflichten und in dieser Zeit alle zwei Jahre in den Auslandseinsatz gehen? In ihrer gesamten Dienstzeit werden diese Soldaten vielleicht sechs bis sieben Mal im Einsatz gewesen sein. Es gilt zu klären, was eine solche Einsatzhäufigkeit für diese Menschen und deren familiäres Umfeld für Auswirkungen haben kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Malina Weindl.

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