Letztes Jahr hat der Deutsche Timo Loos bei uns in der Schule 12 in Ust-Kamenogorsk (Öskemen) als Freiwilliger sein Soziales Jahr absolviert. Unser junger Reporter hat ein Interview mit ihm für die Deutsche Allgemeine Zeitung geführt.

Guten Tag, Timo, du arbeitest schon das zweite Jahr als Freiwilliger in Kasachstan. Dein Freiwilliges Soziales Jahr ist zu Ende. Kannst du etwas über deine Arbeit und deine Eindrücke von der ehrenamtlichen Arbeit erzählen?

Ich bin Timo Loos, 21 Jahre alt, bei Hamburg geboren und aufgewachsen. Ich bin
13 Jahre lang zur Schule gegangen, habe dort auch ein bisschen Russisch gelernt und bin dann nach der Schule nach Kasachstan gegangen und hier als Freiwilliger in der 12. Schule in Ust-Kamenogorsk tätig, wo ich hauptsächlich im Deutschunterricht unterstütze, helfe, aber ihn gelegentlich auch selbst gestalte.

Wie bist du überhaupt darauf gekommen, Freiwilliger zu werden, und warum ausgerechnet in Kasachstan?

Nach der Schule wollte ich, wie viele junge Deutsche, etwas von der Welt sehen. Dabei habe ich relativ schnell die Möglichkeit eines Freiwilligendienstes im Ausland für mich entdeckt. Ich wollte unbedingt in ein russischsprachiges Land, um mein Schulrussisch anzuwenden. Nachdem die Suche nach einer verfügbaren Stelle in Russland ergebnislos geblieben war, bin ich auf Kasachstan gestoßen. Ich habe mich dann einfach ohne viel nachzudenken beworben und wurde direkt angenommen.

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Was wusstest du über Kasachstan, bevor du hierher kamst, und was hast du dazugelernt?

Kasachstan spielt bei uns in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle, so dass das Allgemeinwissen nur selten über „irgendwo in Asien“ hinausgeht. Auch ich wusste nur geringfügig mehr: großes Land, ehemals Sowjetunion und Almaty und Astana, wobei ich mir nicht ganz sicher war, welche der beiden aktuell die Hauptstadt ist. Über die bewegte Vergangenheit, die Multiethnizität, die reiche, von verschiedenen Einflusssphären geprägte Kultur wusste ich nichts. Schon im Vorfeld der Reise hat sich das natürlich schnell geändert. Seither habe ich bei meiner Arbeit, im alltäglichen Leben und auf meinen Exkursionen durch ganz Zentralasien enorm viel über die Menschen, das Land, die Historie, Traditionen, Hintergründe, aber auch über Probleme erfahren, durfte schier grenzenlose Gastfreundschaft erleben und habe nicht zuletzt atemberaubende Landschaften im ostkasachischen Altai, im Almatiner Siebenstromland und in den endlosen Steppen und Halbwüsten West- und Zentralkasachstans zu Gesicht bekommen.

Wie war der erste Eindruck und welche Probleme gab es nach der Ankunft in Kasachstan?

An dem Spätsommernachmittag, an dem ich in Ust-Kamenogorsk aus dem Flugzeug stieg, war es unglaublich warm und schwül. Nachdem ich in die Wohnung gebracht worden war, die seither mein Zuhause ist, habe ich, obwohl sehr müde, einen kleinen Spaziergang gewagt. Ein paar hundert Meter von dem Plattenbau, in dem sich die Wohnung befindet, fließt der Irtysch. Dort zweigt ein Seitenarm ab, der eine Insel bildet. Hier bin ich mit meinem Mitfreiwilligen zu einem auf Google Maps als Stadtstrand verzeichneten Uferabschnitt gelangt. Eigentlich war das ganz nett, hätten nicht überall Unmengen Müll herumgelegen. Auch in den nächsten Tagen, als ich etwas mehr von der Stadt zu sehen bekam, verfestigte sich der Eindruck einer heruntergekommenen, hässlichen und vermüllten Stadt eher noch. Insbesondere im Vergleich zum modernen, sterilen Astana, in dem ich zwischengelandet war, ist Ust-Kamenogrosk natürlich eine andere Hausnummer. In den ersten zwei Wochen litt ich zudem zunehmend an Asthma und irgendeiner Reaktion meiner Schleimhäute und des Rachens auf die verschmutzte Luft. Ansonsten hatte ich aber keine nennenswerten Probleme, weder mit der Kultur noch mit der Sprache oder auf Arbeit. Mit der Zeit habe ich auch schöne Ecken und Orte kennengelernt und auch die Luft hat mir seitdem nicht mehr so zugesetzt, so dass mein heutiges Bild der Stadt ein gänzlich anderes, sehr viel positiveres ist.

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Was ist der Unterschied zwischen den Bürgern von Kasachstan und Deutschland?

Eine interessante Frage. Ich denke, sowohl in Deutschland als auch in Kasachstan gibt es wie überall sehr unterschiedliche Menschen. Hier gibt es zudem noch unterschiedliche Kulturen und Nationalitäten, sodass es nicht ganz einfach ist, das auf ein Merkmal zu reduzieren. Aber pauschal würde ich sagen, dass die Mentalität und die Einstellung zu bestimmten Lebensfragen eine ganz andere ist. Insbesondere im stärker kasachisch geprägten Süden wurde ich zum Beispiel oft gefragt, warum ich überhaupt reisen würde statt Geld zu verdienen. Auch das Heiratsalter und die Anzahl der Kinder unterscheiden sich stark von dem, was bei uns als normal gilt. Andere Stichpunkte sind das Umweltbewusstsein, die Stellung der Frau und so weiter. Ohne weiter ins Detail gehen zu wollen, denke ich, dass alles seine Vor- und Nachteile hat und man versuchen sollte, die Sichtweisen der anderen zu verstehen, statt sich vorschnell ein Urteil zu erlauben.

Warum hast du dich entschieden, ein zweites Jahr in Kasachstan zu bleiben?

Das Gesamtpaket hat mich überzeugt. Die Arbeit mit den Kindern bereitet mir Freude; die Möglichkeit, weiter in die Kultur einzutauchen, war auch ein Aspekt; genauso wie das Reisen und die Möglichkeit, mein Russisch noch zu steigern. Rückblickend war es auf jeden Fall auch die richtige Entscheidung.

Was wirst du nach deiner Zeit in Kasachstan tun?

Nach meinem Dienstende hier möchte ich mit der Transsibirischen Eisenbahn erst nach Wladiwostok fahren und dann von dort aus über den Baikalsee und Moskau nach Deutschland zurückkehren. Da werde ich dann studieren. Vorläufig weiß ich zwar noch nicht genau, was und wo, aber gerne irgendwo in Süddeutschland irgendetwas mit Wirtschaft.

Vielen Dank für das Interview.

Der Gespräch führte Yurij Grigorjev

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