Als er am Dienstag in das Flugzeug Richtung Deutschland steigt, liegen anstrengende Tage hinter ihm. Mehr als 7.000 Kilometer ist er gereist, hat Gedenkstätten und Kulturveranstaltungen besucht, mit Vertretern der deutschen Minderheiten gesprochen und Regierungsverhandlungen geführt. „Die erste Reise nach Zentralasien war für mich voll mit unglaublich tollen Erlebnissen. Ich habe sowohl in Kirgisistan als auch in Kasachstan Gemeinschaften kennengelernt, denen die eigene Identität, vielleicht auch aufgrund ihres besonderen Schicksals, unglaublich wichtig ist“, wird er am Ende resümieren.

Bernd Fabritius ist der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Als solcher ist er nicht nur für die Belange von (Spät-)Aussiedlern aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion zuständig, sondern auch für die vier Minderheiten in Deutschland sowie die deutschen Minderheiten im Ausland. In dieser Funktion reiste er vom 17. bis zum 21. Mai 2019 erstmals nach Kasachstan, um sich ein Bild von den hier lebenden Deutschen zu machen. Dabei traf er auf junge Menschen, die versuchen, die Sprache und Kultur ihrer Vorfahren zu erhalten und mit neuem Leben zu füllen, Unternehmer, die in Deutschland und Zentralasien zu Hause sind, und Politiker, die offiziell alles für die Unterstützung der Minderheiten tun. „Brückenbauer“ und „lebendige Brücke“ – diese Bezeichnungen fallen oft in den Gesprächen.

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Bernd Fabritius mit einer Delegation des Bundesinnenministeriums, der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland (LmdR) sowie von Vertretern des Jugend- und Studentenrings der Deutschen aus Russland (JSDR), des Bundesverwaltungsamtes und von Baden-Württemberg International (bw-i) bei einem Treffen mit der „Wiedergeburt“ | Foto: Autorin

178.029 ethnische Deutsche leben nach der aktuellsten Zählung noch in Kasachstan. Die Stiftung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“ versucht – auch mit Unterstützung aus Deutschland – die verbliebenen Deutschen in Kasachstan zu unterstützen, durch soziale Projekte oder Stipendien zum Beispiel. Dabei zeigt die Statistik, dass in den vergangenen Jahren wieder mehr Menschen die Reise nach Deutschland antreten. 2.292 Spätaussiedler kamen allein 2018 aus Kasachstan.

Wie es ist, sein Geburtsland zu verlassen, weiß auch Fabritius. Als gebürtiger Siebenbürger Sachse gehört er nicht nur einer Minderheit an, sondern hat auch seine eigene Aussiedlergeschichte. Geboren 1965 in Rumänien, kam er mit 18 Jahren nach Deutschland. Nach einem Studium zum Verwaltungswirt folgten ein Studium der Politikwissenschaft und ein Jurastudium mit anschließender Promotion. Von 2013 bis 2017 saß er  für die Christlich-Soziale Union (CSU) im Bundestag und ist seit 2014 Präsident des Bundes der Vertriebenen. Zum Bundesbeauftragten wurde er 2018 ernannt und war in seinem ersten Amtsjahr viel in Sachen Minderheiten unterwegs.

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Bernd Fabritius (rechts) mit dem „Wiedergeburt“-Vorsitzenden Albert Rau vor dem Denkmal des bekannten Kasachstandeutschen Johann Scharf. | Foto: Autorin

Um die Belange der verbliebenen ethnischen Deutschen in Kasachstan ging es auch bei der deutsch-kasachischen Regierungskonferenz und bei den Gesprächen mit der Stiftung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“. „Unsere wichtigste Aufgabe ist es, die Jugend konkurrenzfähig zu machen“, erklärt deren Vorsitzender Albert Rau. „Sie müssen eine Arbeitsstelle finden und lernen, selbstbewusst durchs Leben zu schreiten.“ Wie wichtig die Jugendarbeit ist, unterstreicht auch Fabritius: „Die Jugend ist der Schlüssel zur Bewahrung der Identität.“

Doch was macht die kasachstandeutsche Identität eigentlich aus? Ist es der Besuch in der evangelisch-lutherischen Kirche? Sind es Dirndl und Lederhosen auf folkloristischen Konzerten? Oder sind es doch viel mehr die modernen Tanzeinlagen, die beim ersten Jugendtheaterfestival der deutschen Minderheit zu sehen waren? Ist es der Unternehmergeist, den manche an den Tag legen? Und dabei taucht immer wieder die Frage nach der deutschen Sprache auf: Muss man unbedingt Deutsch sprechen, um als Deutscher zu gelten?

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All dies kann auch ein Minderheiten-Beauftragter nicht ohne weiteres beantworten. Bei diesem ersten Besuch hat Fabritius zumindest ein sehr positives Bild von Kasachstan und den hier lebenden Deutschen erhalten. „Es ist eine Minderheit, die das Glück hat, heute in einem Land zu leben, das eine offene Gesellschaft hat. Das es ernst meint mit der Religionsfreiheit und das die unterschiedlichen Ethnien vorbildlich unterstützt“, sagt er. Es sei beeindruckend, wie offen und inklusiv die Gesellschaft mit den Minderheiten umgehe. Ein Beispiel dafür sei der Verfassungsrang der Volksversammlung, die neun Abgeordnete ins Parlament schickt. Beide Institutionen konnte Fabritius besuchen.

Am Ende der Reise droht der Bundesbeauftragte scherzhaft: „Ich werde wiederkommen.“ Er habe noch viele Ziele in Kasachstan. „Ich möchte unbedingt nach Almaty und nach Pawlodar. Ich möchte unterschiedliche Projekte besuchen und ein ganz normales Dorf sehen, wo Kasachstandeutsche heute leben, um alle Ebenen des gesellschaftlichen Lebens kennenzulernen.“

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