Verbotene Liebe, Freundschaft, Loyalität und Verrat – diese Zutaten vermengt und in die Szenerie der kasachischen Steppe eingebettet, ergeben den Stoff für eine imposante und schillernd erzählte Liebesgeschichte zweier junger Menschen, die mit Hilfe ihres Lehrers und Freundes, des Philosophen und Literaten Abai, alles riskieren, um ihrer Liebe treu zu bleiben.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfasste der Autor Mukhtar Auezov das Libretto zu der Oper „Abai“, welches anschließend von den beiden Komponisten Achmet Zhubanov und Latif Khamidi vertont wurde. Die Uraufführung dieser kasachischen Oper, die heute zum kulturellen Nationalgut Kasachstans gezählt werden kann, fand am 24. Dezember 1944 statt – am Vorabend des 100. Geburtstags des großen kasachischen Akyns, Abai Kunanbayev. Sein Name verleiht nicht nur der Oper ihren Titel, sondern nimmt ebenfalls eine tragende Rolle in ihrer Handlung ein.

Etwa 40 Jahre nach ihrer Uraufführung wurde die Oper „Abai“ unter großem Zuspruch des deutschen Publikums auch in der DDR, in den Städten Berlin und Dresden, zum ersten Mal aufgeführt. Ein zweites Mal folgte 2012 im wiedervereinigten Deutschland am Staatstheater Meiningen. Zu diesem Zweck wurde sogar der kulturelle und zeitliche Schauplatz der Handlung für das europäische Publikum angepasst und in das Jahr 1956, in die Post-Stalin-Zeit, verlegt, um den Zugang zu der Thematik zu erleichtern. Anpassungen dieser Art mögen für das deutsche Theater nicht allzu unüblich erscheinen, jedoch ist es ein gewaltiger und ungewöhnlicher Schritt für das kasachische Theater, insbesondere im Falle dieser Oper, da sie nicht nur das kulturelle Erbe widerspiegelt, sondern auch noch einen der größten literarischen Vertreter der kasachischen Poesie beherbergt.

Die Bedeutung Abais für die kasachische Kulturwelt

Für die Wiederaufnahme des Stückes in Kasachstan im Jahr 2014 wurden keine Mühen gescheut. Bei der Konzeption und Ausarbeitung des Bühnenbildes, der Lichttechnik sowie der Regie wurden eigens Spezialisten aus Italien hinzugezogen, um von dem reichen Erfahrungsschatz der italienischen Oper lernen und profitieren zu können. Unter Hochdruck und Einsatz aller Kräfte arbeiteten alle Beteiligten intensiv an der Neuinszenierung. Unter anderem waren dabei auch die Urenkel der Komponisten sowie des Autors des Librettos beteiligt.

Welch einen Wert diese Oper für die kasachische Kulturwelt und Bevölkerung hat, zeigt sich nicht nur daran, dass jede neue Spielzeit mit einer Aufführung „Abais“ eingeleitet wird, sondern auch an dem stetigen Zulauf des Publikums. Der Zuschauerraum ist zumeist gut gefüllt und die Altersspanne reicht von Eltern mit Säuglingen bis hin zu Senioren.

Das Aufbegehren reformativen Denkens

In der zweieinhalbstündigen Oper, die ausschließlich auf Kasachisch verfasst, jedoch mit englischen und russischen Untertiteln versehen ist, wird die Geschichte von den Liebenden, Azhar und Aidar, erzählt, die den gesellschaftlichen Konventionen zum Trotz sich zu ihrer Liebe für einander bekennen – und das, obwohl die junge Azhar einem anderen Mann versprochen ist. Nur das Einschreiten des Lehrers und Weisen, Abai, kann Aidar vor dem sicheren Tod und Azhar vor der Schmach, eine Ausgestoßene zu sein, retten. Abai nimmt sich dem Schicksal beider an und ermahnt die aufgebrachte Menge, sich zu besinnen, und Gerechtigkeit statt starrem Recht walten zu lassen.

Dieser Konflikt thematisiert nicht nur die verbotene Liebe und die damit einhergehende gesellschaftliche Ächtung, viel mehr symbolisiert er das Aufbegehren reformativen Denkens gegen alteingesessene Traditionen und Gesetze. Ein immer wiederkehrender Leitfaden der Handlung ist die Frage, ob es denn so verwerflich sein kann, die eigenen Gefühle nicht nur wahrzunehmen, sondern sich auch zu ihnen zu bekennen.

Demütigung und Rache

Trotz der Gefahr, den eigenen Ruf, die Anerkennung der Gemeinschaft und im schlimmsten Fall sein Leben zu verlieren, setzt sich Abai für die beiden Liebenden ein und verteidigt ihren Fall mit Ruhe und Überlegtheit gegenüber der aufgewühlten Menge sowie vor dem Clanrichter. Und das scheinbar Unmögliche gelingt: Abai kann nicht nur die Menschen, sondern auch den Richter für sich gewinnen und triumphiert über den verschmähten Verlobten Azhars und seine Mitkläger. Und welcher Stoff könnte explosiver und zerstörerischer sein als verletzter Stolz und die Demütigung, von der eigenen Verlobten eines anderen Mannes wegen verschmäht zu werden?

Während Azhar, Aidar und Abai ihren Sieg für die Liebe freudetrunken feiern und sich in Hochzeitsvorbereitungen stürzen, schmieden der verschmähte Verlobte und seine Gefährten bereits ihren Racheplan. Azim, einem Freund Aidars und Schüler Abais, der bereits zuvor mit Missgunst den Erfolg Aidars beäugte und ihn um die Anerkennung durch den gemeinsamen Lehrer beneidet, wird eine kleine Ampulle mit Gift überreicht, die dieser während der Hochzeitsfeierlichkeiten dem Bräutigam Aidar in das Getränk mischt. Unter den Augen aller bricht Aidar zusammen und verstirbt noch vor Ort. Schnell wird klar, dass er Opfer einer Vergiftung geworden ist, und auch die Schuldigen sind nicht lange zu suchen. Zwar können die Täter ergriffen werden, doch bringt dies Aidar nicht ins Leben zurück. Es bleiben eine trauernde Azhar und ein erschütterter Abai zurück.

Musikalische Gänsehaut-Momente bei „Abai“

Auch wenn die Freude nur von kurzer Dauer war, bleibt die Geschichte von Azhar und Aidar doch als ein Zeichen für den Triumph über alte Gebräuche und Konventionen bestehen, und Abai besteht trotz seiner Trauer als ein unauslöschliches Licht fort, das seinen Mitmenschen mit Weitsicht den Weg in eine helle Zukunft weist.

Die musikalische Darbietung und das prächtige Bühnenbild spiegeln nicht nur den kulturellen und künstlerischen Reichtum Kasachstans wider, sondern nehmen den Zuhörer außerdem auf eine philosophische Reise mit, die gespickt ist mit dem ganzen Spektrum menschlicher Emotionen.

Wem der Sinn nach musikalischen Gänsehaut-Momenten steht, dem sei geraten, der nächsten Aufführung „Abais“ im Abai Opernhaus in Almaty einen Besuch abzustatten.

Anne Lemke

Teilen mit:

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein