Immer wieder begeben sich junge Menschen mit kasachstandeutschem Familienhintergrund auf Spurensuche nach ihren Vorfahren. Unsere Autorin Antonia Skiba berichtet in der DAZ über das Schicksal ihrer Urgroßeltern, die unter Stalin nach Kasachstan deportiert wurden.

An meine Urgroßmutter Maria Löpp kann ich mich noch sehr gut erinnern: Sie war eine sehr kleine, alte Frau, die uns Enkelkinder immer mehrmals zur Begrüßung auf die Wangen küsste und uns mit Piroschki und Süßigkeiten überhäufte. Meine Mutter verstand sich immer sehr gut mit ihr, und jedes Mal, wenn wir sie besuchten, plauderten die beiden wie enge Freundinnen. Meine Urgroßmutter sprach mit meiner Oma sehr häufig Plattdeutsch. Meine Mutter verstand es noch, konnte es aber selbst nicht sprechen. Ich konnte nur vereinzelt Wörter verstehen. Urgroßmutter starb an einem warmen Tag im Mai 2010. Erst jetzt kenne ich ihre ganze Lebensgeschichte, weil meine Mutter anfing, die Geschichte ihrer Familie aufzuschreiben.

Zeichnung vom Dorfhäuschen in Kasachstan

Maria wurde 1930 auf der Krim in eine Familie von Russlanddeutschen geboren. Sie wuchs mit sechs Geschwistern auf. Ihre Kindheit war von Widersprüchen geprägt: Die Familie lebte in Armut, Vater Abraham Löpp trank viel. Trotzdem erinnerte sie sich an das schöne Wetter auf der Halbinsel, an das Meer und an frisches Obst. Sie beendete gerade die 4. Klasse, als die gesamte Familie 1941 nach Kasachstan deportiert wurde.

Sie wurden in Viehwaggons gepfercht und fuhren bis ins nördliche Gebiet um Kökschetau. Zwei ihrer Schwestern starben während der Deportation an Hunger und Kälte. Der Familie war es verboten, ihre Leichen zu beerdigen, und so wurden sie aus dem fahrenden Zug geworfen. Meine Urgroßmutter konnte nur weinend und mit zitternder Stimme davon erzählen.

Kein Entkommen vor Stalins Repressionen

Bei der Ankunft wurde ihr Vater verhaftet, sie sahen ihn nie wieder. Erst nach Stalins Tod wurde die Familie darüber benachrichtigt, dass er in Karaganda inhaftiert war und dort starb. Bis heute ist unklar, wann genau und woran er starb. Die Mutter starb eines Hungertodes, die älteste Schwester Lena wurde zur Trudarmee zwangsmobilisiert. Meine Urgroßmutter erzählte davon, wie sie in dieser Zeit in Mülltonen nach Kartoffelschalen oder auf bereits abgemähten Feldern nach übriggebliebenen Grashalmen suchte, um nicht zu verhungern.

Auch mein Urgroßvater Dmitri Wall erlebte die Deportationen. Er wurde 1927 im ostukrainischen Dorf Danilowka geboren. Sein Vater war ein deutscher Großgrundbesitzer, gebildet und wohlhabend. Auf einem mit 1927 datierten Foto ist seine Familie zu sehen, die ruhig, satt und gepflegt wirkt. Sie sitzen auf einfachen Holzstühlen, im Hintergrund ist ihr Gutshaus zu erkennen. Nichts davon ist geblieben. Als sich die Sowjetmacht nach dem Bürgerkrieg konsolidierte, gingen im Dorf Gerüchte herum, dass nun schreckliche Repressionen einsetzten, die besonders ethnische Minderheiten treffen würden. Sie flüchteten eines nachts auf einem Pferdewagen in den Kaukasus – in der Hoffnung, den stalinistischen Repressionen zu entkommen.

Doch 1941 wurde auch Familie Wall in Viehwaggons nach Kasachstan deportiert. Kurz nach ihrer Ankunft wurde mein Ururgroßvater verhaftet, auch er kehrte nie wieder zurück. In unserer Familie gibt es eine Legende über die Abschiedsszene des Vaters von meinem Urgroßvater: Sein Vater wandte sich an ihn, weil er der älteste Sohn der Familie war, und sagte: „Die Familie wird wohl nicht überleben, ich habe kein Vertrauen in dich.“ Großvater war nämlich ein leichtsinniger Raufbold und stellte häufig Unfug an. Doch jetzt musste er Verantwortung für die ganze Familie übernehmen. Ihnen wurde zunächst verboten zu arbeiten, kurz darauf bekamen sie jedoch Arbeit in einer örtlichen Kolchose. Dort zahlte man ihnen den Lohn in Lebensmitteln aus. Niemand in der Familie ist in dieser Zeit gestorben, sie alle überlebten den Zweiten Weltkrieg, alle seine Geschwister erlernten Berufe.

Glückliche Kindheit im kasachischen Dorf

Meine Urgroßeltern Maria und Dmitri heirateten 1950 und zogen fünf Kinder heran. Sie bauten über Jahre hinweg an ihrem Dorfhäuschen, bis sie schließlich drei Schlafzimmer, eine geräumige Küche und mehrere Ställe besaßen. Sie pflanzten Pappeln an den Wegesrand, die in der kasachischen Sommerhitze Schatten boten. Unter den hochgewachsenen Pappeln hang eine Schaukel, auf der alle Kinder und Enkelkinder schaukelten. Für meine Mutter sind diese Erinnerungen an die Sommerferien im kasachischen Dorf bis heute mit einer glücklichen Kindheit verbunden.

Obwohl ich in Deutschland geboren bin und keinen unmittelbaren Bezug zu dem Leben von Russlanddeutschen in der Sowjetunion habe, fühlt es sich dennoch so an, als würde ich an die Orte zurückkehren, die meine Familie einst verlassen musste. Ich teile eine komplexe Geschichte mit ihnen und je mehr ich über ihr Leben weiß, desto mehr Verständnis und Mitgefühl habe ich für sie. Ich versuche, ihre Spuren nachzuverfolgen und ihre Erlebnisse nachzuempfinden, ohne mich dabei selbst zu verlieren. Dennoch ist die Geschichte meiner Vorfahren eng mit meiner eigenen Lebensgeschichte verwoben.

Heute liegen meine Urgroßeltern auf einem Friedhof in einer westdeutschen Kleinstadt unter einer schweren Marmorplatte begraben, die stets Blumen und Kerzen schmücken.

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