Vor 15 Jahren wurde im Omsker Gebiet der Rayon Asowo mit dem besonderen Titel „deutsch-national“ gegründet. Die Geschichte der Gründung des Rayons wurde bereits in den vorangegangenen Ausgaben des Osmker Russlanddeutschen-Magazins „Kultura“ eingehend behandelt. Am Rande des diesjährigen Jubiläums traf sich der Journalist Nikolai Schokurow mit einem der Begründer des Rayons und dem heutigen Landrat des deutsch-nationalen Rayons Asowo, Bruno Reiter, zu einem Gespräch.

Herr Reiter, erzählen Sie, inwieweit erschien Ihnen die Gründung des deutsch-nationalen Rayons 1992 als zeitgemäß? Wäre auch heute so etwas noch möglich?

Die Situation war damals folgende: Ein Jahr früher hätte es nicht passieren können und ein Jahr später auch nicht. Heutzutage kann man über so etwas gar nicht reden. Zumindest passt es nicht in die staatliche Nationalitätenpolitik. So wie auch früher zu Sowjetzeiten will man heute eine Nation aus uns machen – russische Staatsbürger, um genauer zu sein. Dabei wird ganz vergessen, dass in Russland auch Deutsche, Ukrainer, Belorussen, Russen, Tataren und Kasachen und andere leben. Einhundert Nationalitäten leben allein im Omsker Gebiet. Aber wir sind hier nicht in Amerika, in dem die Eroberer zunächst fast alle Ureinwohner ausrotteten, um dann alle Einwanderer, ganz gleich woher sie kamen, Amerikaner zu nennen. Das Staatsgebilde Russland entstand über Jahrhunderte hinweg, mal aus freien Stücken, mal unter Zwang. Doch die unterschiedlichen Nationalitäten wurden und werden beschützt und bewahrt. Sie wurden sozusagen unter die Fittiche genommen. So kam es, dass wir 1992 den Rayon gründen konnten.

Stießen Sie auf Kritik von Seiten der Leute, die für eine Wiedergründung des deutsch-autonomen Gebietes an der Wolga eintraten? Wie begründeten Sie Ihre Wahl? Nach dem Motto: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach?

Erstens war mir klar, dass eine Wiedergründung der Republik zu einem Zeitpunkt, wo es mit dem Land bergab ging, nicht möglich sein würde. Dafür wären Milliarden notwendig gewesen. Aber woher soll man diese in einem Land nehmen, dass gerade mitten in einem wirtschaftlichem Kollaps steckte? Zweitens kam ein großer Teil der Russlanddeutschen noch zum Ende des 18. Jahrhunderts nach Sibirien. Selbst wenn man eine Republik an der Wolga gegründet hätte, glaube ich, dass wohl kaum welche aus dem Altaier und Omsker Gebiet dorthin gefahren wären. Logisch war, Bedingungen dort zu schaffen, wo die meisten Russlanddeutschen wohnten. Von Seiten meiner Gegner gab es ein Ultimatum: Entweder Wolga oder gar nichts. Sogar aus dem Verein „Wiedergeburt“ wurde ich ausgeschlossen.

Es geht das Gerücht um, dass Asowo nur als Zwischenstation für die ehemaligen Sowjet-Deutschen diente. Gemeint sind jene, die Kasachstan und andere neu gegründete zentralasiatische Staaten verlassen hatten und auf ihre Ausreise nach Deutschland warteten.

Selbst wenn es so wäre, würde ich bis an mein Lebensende darauf stolz sein, dass die Asowoer ihre Blutsbrüder aufgenommen haben. Sie waren gezwungen, alles liegen zu lassen, und gingen aus den früheren asiatischen Sowjetrepubliken der USSR weg. Einige blieben bei uns für ein bis zwei Jahre und fuhren dann weiter weg. Aber der Großteil blieb bei uns. Leider sind viele der früheren Einwohner Asowos weggefahren. Vor allem jene, die besser Deutsch konnten. 75 Prozent der Einwanderer in Asowo sind Kasachen. Das führte dazu, dass wir das Wissen um unsere eigene Sprache kaum noch erhalten können. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass wir sie erhalten sollten.

Würden Sie der Behauptung zustimmen, dass der deutsch-nationale Rayon Asowo mit deutschem Geld erbaut wurde?

Auch ohne diese Gelder würde der Rayon bestehen. Trotzdem muss ich sagen, dass wir ohne die Investitionen aus Deutschland unsere Infrastruktur wie Wohnhäuser, Straßen, Telefon- und Elektroleitungen sowie sanitäre Anlagen nicht hätten verbessern können. Das wirtschaftlich schwache Russland hätte uns nicht so unterstützen können. Ohne das Präsidentenprogramm, dass zwar nur zu sieben Prozent umgesetzt und zu einem Zeitpunkt verabschiedet wurde, als 1998 Helmut Kohl seinen Posten als Bundeskanzler an Gerhard Schröder abgeben musste, wäre es sehr schwer geworden. Dann gab es von der deutschen Seite für neue und bereits bestehende Projekte kein Geld mehr. Und jene zwei, drei Millionen Euro, die es von russischer Seite gab, wogen beträchtlich mehr. Plötzlich wussten wir die Unterstützung unseres eigenen Landes zu schätzen.

Beim Überqueren der Grenze in den Rayon Asowo fallen die im Vergleich zu den Nachbarn sorgfältig gepflegten Getreidefelder ins Auge. Womit hängt das zusammen: kultivierter Ackerbau – die viel zitierte Eigenart der deutschen Kultur – die Liebe zu Sauberkeit und Ordnung?

Ohne Frage findet sich hier eine Eigenart der deutschen Kultur wieder. Haben doch die Russ-landdeutschen von jeher die Kunst des Ackerbaus kultiviert. Das gibt es doch in keiner anderen Region, dass der Landrat und sein Stellvertreter beide Doktoren der Naturwissenschaften sind. Sorgfältig wählen wir aus allen Landwirtschaftsbereichen Spezialisten aus. Die Bauern beachten deren Empfehlungen. Schon 1995 nahmen wir zweite und dritte Plätze beim Viehbestand, sowie beim Ernte- und Milchertrag ein. Schon lange beobachte ich folgendes Phänomen: wenn in Dörfern deutsche Familien wohnen, dann werden sie für den Rest der Bewohner meist zu einer Art Autorität. Das ist ein gutes Beispiel. Die positiven Eigenschaften bleiben weiterhin erhalten – auch in gemischten Ehen.

Besteht Ihrer Meinung nach ein Generationsgefälle innerhalb der Russlanddeutschen? Hat sich die Jugend mittlerweile so weit integriert, dass sie keine Beziehung mehr zu ihren historischen Vorfahren, eigenen Traditionen und Bräuchen hat?

Auch wenn die Jugend heute ihr eigenes Leben lebt, bin ich nie auf tiefes Unverständnis für die eigenen Wurzeln gestoßen. Die ältere Generation der sowjetischen Deutschen lebte nach dem Krieg noch unter dem moralischen Druck, nicht in die Armee einberufen worden zu sein. Es gab Einschränkungen bei der Aufnahme eines Studiums oder von Arbeit. Zum Glück passiert das der heutigen Jugend nicht mehr. Heute erklären die Mitglieder unserer Sportteams – egal, ob sie nun Deutsche, Russen oder Kasachen sind – stolz, dass sie aus Asowo kommen. Ein gut erzogener Mensch vergisst seine Wurzeln nicht. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland wachsen. Viele Russlanddeutsche gestehen sich heute ein: Deutscher zu sein, das ist eine Ehre. Ich weiß, dass die Einwohner Asowos bei Welt- und Europameisterschaften Russland die Daumen drücken, aber wenn kein russischer Sportler daran teilnimmt, dann sind sie für Deutschland.

Welche Rolle spielt die deutsche-nationale Autonomie für die Russlanddeutschen im Omsker Gebiet und in den anderen Regionen Russlands?

Von allen in Russland registrierten national-kulturellen autonomen Gebilden gilt unseres als eines der aktivsten. Das ist nicht nur ein Verdienst unserer Einwohner, sondern auch der ständigen Verständigung zwischen Russland und Deutschland. Auch jetzt noch, wo das neue föderale Programm für die Russlanddeutschen besprochen wurde. Wenn es verabschiedet wird, dann werden auch die zwischenstaatlichen Kommissionen erneuert und die Arbeit der regionalen Regierung aktiviert. Leider gibt es in unserem Land bisher kein Gesetz für Rehabilitierung und Selbstbestimmung der Russlanddeutschen, da es auch in der vierten Legislaturperiode der Duma abgelehnt wurde. Unter der Flagge nationaler – kultureller Autonomität laufen hier viele Organisationen. Genau so ziehen wir auch viele Russlanddeutsche an, die in anderen Regionen Sibiriens wohnen.

Wie sehen Sie die Zukunft des deutschnationalen Rayons Asowo angesichts der Tatsache, dass die russischen Regionen gestärkt werden? Vielleicht wird es kleine territoriale Einheiten geben, und die Region wird erneut aufgelöst.

Ich mache keine Voraussagen. Aber vielleicht wird die Zahl der Rayons im Gebiet tatsächlich um die Hälfte reduziert. Uns kann es treffen, da es in der Verfassung keinen Vermerk über das Gebilde „nationaler Rayon” gibt. Aber ich denke, dass der gesunde Menschenverstand gewinnen wird. Das heißt, der Rayon wird weder aufgelöst noch einem anderen angeschlossen. Im Gegenteil, er könnte sich sogar um die 60 russlanddeutschen Siedlungen vergrößern, die sich um Asowo herum befinden, so wie es auch vor dem Krieg war. Außerdem werden wir die Anerkennung Asowos und der deutsch-nationalen Region Altai als Sonderwirtschaftszone anstreben. Das wird der wirtschaftlichen Entwicklung mit deutscher Unterstützung mehr Dynamik verleihen. Zu uns zieht es deutsche Flüchtlinge aus den asiatischen Ländern der GUS und auch Rückkehrer aus Deutschland. Auch die Nähe zu Omsk spielt eine Rolle. Unsere Arbeitslosenzahlen sind niedrig. Asowoer finden auch in der Stadt Arbeit. Dasselbe gilt für Halbstadt und das nahe Slawgorod.

Herr Reiter, wir sind uns im Klaren darüber, dass Sie und Ihre Mitstreiter sehr beschäftigt sind. Aber leider gehen auch dem Stärksten mal die Kräfte aus. Die Frage nach Ihrem Nachfolger wird immer aktueller. Was denken Sie darüber?

Wir bereiten keine Nachfolger vor. Sie kommen von selbst und könnten auch schon heute uns alle ablösen. Es wäre eine Unart, einfach jemanden auszuwählen. Obwohl ich mindestens drei sofort nennen könnte. Ein Problem sehe ich darin nicht. Aber werden sich die entsprechenden Kandidaten auch an das heutige Wahlsystem anpassen können?

Herr Reiter, vielen Dank für das Gespräch.

18/05/07